Gender Pay Gap im Norden: So viel Geld fehlt Frauen pro Jahr
Frauen verdienen bei vergleichbaren Qualifikationen im Schnitt nach wie vor deutlich weniger als Männer. Das NDR Datenteam zeigt, wo in Norddeutschland die Löhne von Männern und Frauen besonders weit auseinanderklaffen.
Rund 14.300 Euro im Jahr - so viel weniger Gehalt bekommen Frauen im Vergleich zu Männern in Wolfsburg pro Jahr. Das ergibt sich aus Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Die Statistiker haben dafür ausgewertet, wie viel Gehalt alle Vollzeit arbeitenden Angestellten in Deutschland erhalten. Danach verdienen Frauen in Westdeutschland durchschnittlich etwa 10.000 Euro weniger als Männer, so etwa auch in Hamburg, in Dithmarschen und im Westen Niedersachsens, rund um Osnabrück.
Diese Statistik betrachtet lediglich Vollzeit arbeitende Angestellte. Würde man alle in Teilzeit Arbeitenden hinzunehmen, wäre die Lücke im Jahresgehalt noch deutlich größer. Denn während deutschlandweit bei den Männern nur jeder siebte in Teilzeit arbeitet, ist es jede zweite erwerbstätige Frau. Aber auch viele Vollzeit arbeitende Frauen unterbrechen während ihres Berufslebens ihre Karriere, meist um Kinder zu erziehen. Obwohl inzwischen auch viele Väter Elternzeit nehmen, sind die Pausen bei Vollzeit arbeitenden Frauen oft länger - mit negativem Einfluss aufs Gehalt.
Mangelnde Qualifikation reicht als Erklärung nicht
Zudem beeinflussen auch Unterschiede bei der Berufswahl und in der Bildung das Einkommen. Tatsächlich kann man berechnen, welche Gehaltsunterschiede sich auf diese Art erklären lassen. Laut dem sogenannten bereinigten Gender Pay Gap können jedoch Faktoren wie Berufswahl, Bildung und Elternzeit allein nicht einmal ein Viertel des Lohnunterschieds in Deutschland erklären. Es gibt also Faktoren, die die Statistik nicht erkennen kann.
Diskriminierung und soziale Bindungen spielen eine große Rolle
"Unser Chef hat alle Frauen generell abgewiesen und nicht ernst genommen. Man musste sehr für eine Gehaltserhöhung kämpfen, während die Männer ihre Gehaltserhöhung einfach genehmigt bekamen", berichtet #NDRfragt Mitglied Claudia aus Mecklenburg-Vorpommern. Die Diskriminierung von Frauen, beispielsweise bei Beförderungen, ist immer noch ein Faktor. Aber es gibt noch andere Merkmale, die die Statistik nicht erzählt. Dazu gehören beispielsweise Soft Skills wie Ehrgeiz oder Verhandlungsgeschick.
Auch sind Frauen im Durchschnitt mehr an einen Ort gebunden als Männer - sei es durch die Kindererziehung oder durch die Pflege älterer Angehöriger. Um beides kümmern sich Frauen sehr viel öfter als Männer. So sind Männer typischerweise eher bereit, längere Strecken zu pendeln oder oft auf Dienstreisen zu gehen. Die Folge: Sie können potentiell aus einer größeren Anzahl Jobs die besser bezahlten Stellen auswählen. Frauen fehlt oft die Zeit für lange Fahrten, selbst wenn sie Vollzeit arbeiten. Denn selbst dann leisten sie deutlich mehr unbezahlte Extra-Arbeit als Männer.
Noch einmal zurück zu Wolfsburg - dem negativen Spitzenreiter in Norddeutschland: Dort gibt es besonders viel Industrie. Vor Ort arbeiten überdurchschnittlich viele hochqualifizierte Industrieangestellte und Spezialisten, zumeist Männer. Die Branchenstruktur und die überwiegende Beschäftigung von Männern in besser bezahlten Industriepositionen führen hier also zu der besonders hohen Lohn-Differenz.
Mehr Geschlechtergerechtigkeit im Osten
Ein weiterer bemerkenswerter Effekt ist in Ostdeutschland zu beobachten: In Vorpommern verdienen Frauen beispielsweise fast so viel wie Männer. Insgesamt ist der Lohnunterschied im Osten viel geringer als im Westen - wenngleich die Löhne insgesamt deutlich niedriger sind.
Dass die Ungleichheit im Osten so viel geringer ist, hat vor allem historische Gründe. Die Rolle der Frauen war in der DDR eine andere als in der BRD: Sie sollten arbeiten und damit zur Steigerung des Bruttosozialprodukts der DDR beitragen. Entsprechend wurde dafür gesorgt, dass es tagsüber eine Kinderbetreuung gab. Nach dem Fall der Mauer gab es im Osten also schon eine bestehende Infrastruktur für die Kinderbetreuung und auch ein anderes Rollenverständnis der Frauen. Beides wirkt sich bis heute aus.
Langfristige Folge: Altersarmut
Der Gender-Pay-Gap hat zum Teil gravierende Folgen. Deutschlandweit fehlen Vollzeit arbeitende Frauen durchschnittlich fast 9.000 Euro im Jahr. Während viele Männer Geld anlegen können, mangelt es bei Frauen oft schon an der grundlegenden Absicherung zum Beispiel bei der Arbeitslosen- und Rentenversicherung. Jede zweite erwerbstätige Frau kann sich ihre Existenz nicht langfristig sichern. Fällt ihr Job weg, reicht das Geld nicht, zeigt eine Studie des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Dabei wurden auch die in Teilzeit arbeitenden Frauen berücksichtigt.
Es geht auch anders: Die EU als Vorbild?
Dass Gehaltsunterschiede nicht in Stein gemeißelt sind, beweist ein Blick über die Grenze. 2024 wurden Frauen und Männer pro Stunde lediglich in sechs EU-Ländern noch ungleicher bezahlt als in Deutschland, darunter Estland, Tschechien und Österreich.
Die EU-weite Berechnung des Gender-Pay-Gap basiert auf dem Stundenlohn aller Beschäftigten, inklusive der Teilzeit-Arbeitenden.
In Polen, Italien und Spanien war der Unterschied zwischen den Geschlechtern hingegen nicht einmal halb so groß wie in der Bundesrepublik. Und in Belgien und Luxemburg gab es quasi keinen Unterschied beim durchschnittlichen Stundenlohn. Das bedeutet jedoch nicht, dass in diesen Ländern Frauen und Männer im Arbeitsalltag komplett gleichberechtigt sind. Beispielsweise werden Frauen in Teilzeit dennoch oft deutlich schlechter bezahlt.
EU will mehr Lohntransparenz schaffen
Möglicherweise ist Besserung in Sicht. Dank einer neuen EU-Richtlinie sollen Frauen einfacher Schadensersatz bekommen, wenn sie diskriminiert werden. Denn wenn Frauen wegen ihres Gehalts klagen, muss in Zukunft der Arbeitgeber beweisen, dass das Gehalt tatsächlich fair ist. Er muss also in strittigen Fällen belegen, dass die männlichen Kollegen aus objektiven Gründen mehr Geld bekommen. Außerdem muss bereits in der Ausschreibung klar sein, wie viel für eine Stelle geboten wird - egal wer sie annimmt. Dass es einen Bedarf dafür gibt, zeigen Äußerungen aus der #NDRfragt Community, wie die von Monique aus Vorpommern-Rügen: “Wir haben in meiner Branche einen Tarifvertrag. Daher dachte ich immer, alle würden gleich bezahlt. Bis mir ein männlicher Kollege erzählte, dass ihm von Anfang an eine übertarifliche Bezahlung angeboten wurde.”