Skin-Picking: Wenn Hautkratzen zur Zwangsstörung wird
Skin-Picking-Disorder (Dermatillomanie) gehört zu den Zwangsstörungen. Betroffene knibbeln und kratzen zwanghaft an ihrer Haut. Wie können sie sich Skin-Picking abgewöhnen? Was ist die Ursache?
Pickel, Hautschüppchen oder Krusten verleiten viele dazu, an der Stelle zu kratzen oder Unebenheiten zu entfernen. Problematisch wird das Kratzen, Drücken und Bearbeiten der Haut, wenn das Verhalten zur festen Gewohnheit oder zum Zwang wird - vor allem, wenn auch an Stellen gekratzt wird, an denen eigentlich nichts ist. Dann spricht man von Skin-Picking-Disorder. Betroffenen fällt es schwer, mit dem Kratzen oder Knibbeln aufzuhören.
Die Störung wird auch als Dermatillomanie oder Exkoriationsstörung bezeichnet. Dermatillomanie setzt sich aus den griechischen Wörtern "derma" (Haut), "tillein" (zupfen) und "mania" (Besessenheit) zusammen.
Skin-Picking: Symptome sind Verletzungen und Narben
Menschen mit Skin Picking Disorder bearbeiten ihre Haut immer wieder. Sie knibbeln, kratzen, drücken oder zupfen an Pickeln, Mitessern, Krusten oder auch an gesunden Hautstellen - meist mit Fingernägeln oder Zähnen, manchmal mit Pinzette, Nadel oder Schere. Die Haut kann dadurch bluten, sich entzünden und Narben entwickeln. Häufig heilen die Verletzungen nur langsam, weil sie immer wieder aufgekratzt werden. Besonders betroffen sind Finger, Hände, Arme, Gesicht und Kopfhaut.
Dermatillomanie gehört zu den Zwangsstörungen
Dermatillomanie gilt als psychische Erkrankung und wird im ICD-11 den Zwangsstörungen oder verwandten Störungen (Obsessive-compulsive or related disorders) zugeordnet. Entscheidend ist nicht, dass jemand gelegentlich an einem Pickel kratzt. Von Skin-Picking-Disorder wird gesprochen, wenn das Verhalten wiederholt auftritt, sich nur schwer stoppen lässt und Haut oder Alltag der betroffenen Person beeinträchtigt.
Abgrenzung Skin-Picking von Selbstverletzung bei Borderline
Auch wenn bei Borderline häufig selbstverletzendes Verhalten vorkommt, ist Skin-Picking eine eigenständige psychische Erkrankung. Bei Borderline dient die Selbstverletzung oft dazu, starke Gefühle zu regulieren. Beim Skin-Picking stehen eher innerer Drang, Anspannung oder der Wunsch im Vordergrund, eine vermeintliche Unebenheit zu entfernen. Beide Störungen können gemeinsam auftreten, dennoch lässt sich bei Skin-Picking nicht automatisch auf eine Borderline-Persönlichkeitsstörung schließen.
ADHS und Skin-Picking: Gibt es einen Zusammenhang?
Studien zeigen, dass Skin-Picking bei Menschen mit ADHS vorkommen kann. Mögliche Gründe sind Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle und Selbstregulation oder ein erhöhtes Bedürfnis nach sensorischer Stimulation. Menschen mit ADHS entwickeln jedoch nicht automatisch eine Skin-Picking Disorder und umgekehrt. Die Forschung empfiehlt bei Menschen mit ADHS und Skin-Picking eine interdisziplinäre Behandlung, die sowohl Hautverletzungen als auch psychische und neuroentwicklungsbedingte Faktoren berücksichtigt.
Ursachen und Auslöser für Skin-Picking
Die genauen Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich spielen biologische, psychische und soziale Faktoren zusammen. Skin-Picking beginnt oft im Jugendalter, kann sich aber in jedem Lebensalter entwickeln. Eine Metaanalyse aus den USA schätzt im Jahr 2023, dass etwa 3,45 Prozent der Bevölkerung betroffen sind, Frauen häufiger als Männer.
Dem Skin-Picking gehen oft Anspannung, Stress, Angst, innere Unruhe oder Langeweile voraus. Auch die Wahrnehmung einer Unebenheit auf der Haut kann den Drang auslösen. Durch das Kratzen kann die Anspannung kurzfristig nachlassen, was das Verhalten langfristig verstärkt. Bei manchen Betroffenen läuft Skin-Picking eher unbewusst ab, etwa beim Fernsehen, Lesen oder Arbeiten.
Behandlung: Heilung der Hautverletzungen und Psychotherapie
Skin-Picking ist eine ernst zu nehmende Störung, die das Leben stark beeinträchtigen kann. Wichtig ist eine ganzheitliche Unterstützung: eine Behandlung der Hautverletzungen und Arbeit an den Auslösern des Verhaltens. Eine zentrale Rolle spielt Psychotherapie, besonders die kognitive Verhaltenstherapie. Ein Baustein ist das Habit-Reversal-Training: Betroffene lernen dabei, ihr Skin-Picking früh zu bemerken und durch eine weniger schädliche Handlung zu ersetzen - zum Beispiel Finger spreizen oder auf einen Stressball drücken.
In manchen Fällen können Ärztinnen und Ärzte Medikamente einsetzen - etwa Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Ob Medikamente sinnvoll sind, muss immer individuell ärztlich geklärt werden. Viele Betroffene profitieren bereits von Strategien im Alltag, besonders in Kombination mit Psychotherapie.
Skin-Picking mit Strategien abgewöhnen
Skin-Picking abzugewöhnen, ist meist ein längerer Prozess, weil sich das Knibbeln oft über Jahre automatisiert hat. Hilfreich sind unter anderem:
- Beobachten: Situationen dokumentieren, in denen besonders häufig geknibbelt wird (Stress, Langeweile, Anspannung).
- Reiz umleiten: Hände bewusst beschäftigen, einen Stressball kneten oder Finger spreizen.
- Unterbrechen und Zugriff erschweren: Damit es den Fingern erschwert wird, Unebenheiten auf der Haut zu finden, können Handschuhe, Fingerlinge oder Pflaster auf den Fingerkuppen helfen.
- Entspannung: Atemübungen und regelmäßiger Stressabbau können helfen, mit Anspannung und unangenehmen Gefühlen umzugehen.
- Unterstützung suchen: Auch wenn sich Betroffene häufig zurückziehen, hilft es, über die Erkrankung zu sprechen - sei es mit einem Arzt, im Freundes- und Familienkreis oder in Selbsthilfegruppen.
In vielen Fällen lässt sich Skin-Picking deutlich reduzieren. Mit passenden Strategien und professioneller Unterstützung können Betroffene lernen, den Drang besser zu kontrollieren und ihre Haut langfristig zu schützen.