Orthorexie: Zwanghaft gesund essen - Definition und Symptome
Orthorexie bezeichnet das zwanghafte Befolgen von Ernährungsregeln, um sich möglichst gesund zu ernähren. Soziale Isolation und Mangelerscheinungen sind mögliche Symptome.
Clean Eating, Low Carb, Paleo, vegan, zuckerfrei, entzündungshemmend - die Auswahl an Ernährungstrends wächst ständig. Viele versprechen gesundheitliche Vorteile. Doch die intensive Beschäftigung mit der Auswahl gesundheitsfördernder Lebensmittel kann auch krankhafte Formen annehmen. Dann sprechen Medizinerinnen und Mediziner von Orthorexie (Orthorexia nervosa).
Definition: Was versteht man unter Orthorexie?
Obwohl Orthorexie seit 1997 beschrieben wird, besitzt sie bisher keinen eigenen Eintrag in den Krankheitslisten (ICD-11, DSM-V). Die Diagnosekriterien für eine abschließende Definition fehlen noch.
Betroffene verbringen oft mehrere Stunden täglich mit dem Gedanken an gesunde Lebensmittel. Sie entwickeln umfangreiche Ernährungsregeln, die nicht nur bestimmen was gegessen wird, sondern auch wann oder in welcher Kombination. Manchmal gelten die Regeln auch für die Herkunft und Zubereitung, wenn beispielsweise alles roh verzehrt wird. Die Regeln können sich verändern und sind sehr individuell. Häufig besteht die Sorge, dem Körper durch falsche Ernährung zu schaden.
Symptome: Wie sich der Zwang zeigt
Von außen wirkt das Verhalten unflexibel und rigide. Verstoßen Betroffene gegen ihre Regeln, erleben sie Angst oder Unwohlsein. Das Essverhalten wird zum Zwang. In manchen Fällen verzichten Betroffene lieber komplett auf Essen, als ihre Regeln zu brechen.
Wenn auch das Sozialleben leidet
Die zwanghafte Beschäftigung mit der Ernährung kann dazu führen, dass Betroffene soziale Kontakte meiden, weil gemeinsames Essen schwierig wird. Zeit und Energie für andere Lebensbereiche fehlen. Essensaufnahme und -zubereitung erfolgen streng geplant und zwanghaft. Gleichzeitig kann die Fixierung auf Ernährung Identität stiften und durch den Austausch in sozialen Medien ein Gefühl von Zugehörigkeit oder Überlegenheit schaffen.
Körperliche Folgen der Orthorexie
Die Liste der verbotenen Lebensmittel wächst oft weiter, das erlaubte Nahrungsangebot schrumpft. Dies kann zu Nährstoffmangel und Mangelerscheinungen führen - mit Erschöpfung, Konzentrationsstörungen und Gewichtsverlust bis hin zu Untergewicht mit medizinischen Folgen. Aus dem Wunsch, sich gesund zu ernähren, entwickelt sich so eine ernsthafte Erkrankung.
Ursachen: Wie entsteht eine Orthorexie?
Orthorexie ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenspieles persönlicher und gesellschaftlicher Faktoren. Selbstwertprobleme, Perfektionismus, Leistungsstreben und Unzufriedenheit mit dem Körper gehören zu den möglichen Ursachen. Viele Betroffene haben eine Vorgeschichte mit Angst- und Zwangsstörungen oder Essstörungen. Auch biologische Faktoren - wie chronische Magen-Darm-Probleme oder ein Reizdarmsyndrom - scheinen eine Rolle zu spielen. Lebensumbrüche wie Trennungen oder Trauer - häufig verbunden mit Kontrollverlust - fördern die Orthorexie. Die klaren Ernährungsregeln bieten Sicherheit.
Abgrenzung zu anderen Störungen ist oft schwierig
Weil die Orthorexie noch keine eigenständige Diagnose ist, wird sie meist als Essstörung eingeordnet - mit Überschneidungen zu Zwangsstörungen und Krankheitsangststörungen, auch Hypochondrie genannt. Im Gegensatz zur Magersucht (Anorexie) steht bei Orthorexie nicht der Gewichtsverlust im Fokus, sondern die Fixierung auf "gesunde" Lebensmittel. Dennoch kann es auch hier zu strenger Kalorienkontrolle und Angst vor Gewichtszunahme kommen.
Fragebogen: Gesundheitsbewusst oder orthorektisch?
Die Grenze zwischen gesundheitsbewusstem und krankhaftem Essverhalten ist fließend und Inhalt weiterer Forschung. Für die Diagnose werden auch verschiedene Fragebögen zur Selbsteinschätzung verwendet. Die folgenden Fragen bieten eine erste Orientierung und können Anlass sein, um das Problem beim Arzt oder der Ärztin anzusprechen:
- Sorgt Sie der Gedanke an Ihre Ernährung mehr als drei Stunden täglich?
- Glauben Sie, dass gesundes Essen Ihr Aussehen verbessern könnte?
- Bestimmt die Sorge um Ihren Gesundheitszustand Ihre Essensauswahl?
- Ich fühle mich überfordert und traurig, wenn ich etwas esse, das ich als ungesund ansehe.
- Ich vermeide es, mit Personen zu essen, die meine Vorstellungen von gesundem Essen nicht teilen.
Je nach Erhebung schwankt die Häufigkeit von Orthorexie in der Gesamtbevölkerung zwischen 2,3 und 6,9 Prozent. Bei Stichproben unter Menschen mit Berufen, die sich mit Ernährung auseinandersetzen, sind orthorektische Tendenzen mit bis zu 70 Prozent dokumentiert.
Diagnose und Therapie: Ängste verstehen und intuitives Essen fördern
Eine genaue Diagnostik erfolgt meist in psychotherapeutischen Sprechstunden. Dabei gilt es, Begleiterkrankungen wie Zwänge und Depressionen zu erkennen. Die Therapie findet häufig als Essstörungstherapie statt - ambulant oder stationär. Ziel ist es, das Essverhalten zu normalisieren und die Ängste zu verstehen. Auch vorhandene Mangelzustände erhalten medizinische Behandlung.