Als würde er die Musik atmen: Jan Lisiecki beim SHMF-Abschlusskonzert
Mit Jan Lisiecki am Flügel und der NDR Radiophilharmonie unter Stanislav Kochanovsky ist das Schleswig-Holstein Musik Festival in Kiel zu Ende gegangen. Griegs Klavierkonzert wurde dabei zum intensiven Dialog zwischen Solist, Dirigent und Orchester.
Jan Lisiecki sitzt am Flügel, die Augen oft geschlossen. Sein Oberkörper folgt den Schwüngen der Musik, immer wieder huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Der 31-jährige kanadische Pianist spielt beim Abschlusskonzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals Edvard Griegs Klavierkonzert. Und bei Lisiecki wirkt es beinahe, als würde er dieses Stück nicht einfach spielen, sondern atmen. Jeder Anschlag scheint durch seinen Körper zu gehen. Das wirkt wenig inszeniert oder einstudiert. Seine Bewegungen scheinen vielmehr unmittelbar aus der Musik heraus zu entstehen.
Lisiecki: "Der Sinn von Musik ist, sie zu genießen"
Dieses Lächeln ist während des Konzerts immer wieder zu sehen. Für Lisiecki selbst gehört es zum Musizieren dazu: "Ich glaube, der Sinn von Musik ist, sie zu genießen", sagt er nach dem Konzert. Wenn ihn die anderen Musiker inspirierten oder auf der Bühne sogar etwas Lustiges passiere, müsse er einfach lächeln. "Dann macht es einfach Freude, auf der Bühne zu stehen."
Es ist diese Freude, die auch in ruhigeren Momenten zu spüren ist. Lisiecki kann kraftvoll und virtuos spielen, doch besonders eindrücklich sind die Augenblicke, in denen sein Spiel beinahe intim wird. Dann scheint der große Konzertsaal für einen Moment kleiner zu werden.
Als würden Klavier und Orchester miteinander sprechen
Dabei bleibt Lisieckis Aufmerksamkeit nie allein beim Flügel. Immer wieder geht sein Blick zu Stanislav Kochanovsky, dem Chefdirigenten der NDR Radiophilharmonie. Und wenn Lisiecki gerade nicht spielt, wartet er nicht einfach auf seinen nächsten Einsatz. Er dreht den Kopf in Richtung Orchester, hört zu, schließt die Augen. Es wirkt, als würden Klavier und Orchester miteinander sprechen: Eine musikalische Idee kommt aus dem Orchester, Lisiecki greift sie auf und antwortet am Flügel.
Genau so möchte er das Zusammenspiel verstanden wissen. Er stehe mit Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne, die ihn inspirierten, sagt Lisiecki: "Es ist ein Dialog. Und genau das ist meine Absicht, wenn ich auf der Bühne stehe."
Kochanovsky führt präzise und zugewandt
Dass sich dieses Zusammenspiel so selbstverständlich entfalten kann, liegt auch an Stanislav Kochanovsky. Der Chefdirigent der NDR Radiophilharmonie führt präzise und sanft. Seine Bewegungen wirken beherrscht, nie übertrieben, eher zugewandt. Immer wieder ein Blick zu Lisiecki, ein Lächeln zu den Musikerinnen und Musikern. Auch Lisiecki sucht den Kontakt. Ein Blick, ein Nicken, manchmal ein Lächeln. Pianist, Dirigent und Orchester reagieren sichtbar und hörbar aufeinander.
Ravel, Grieg und Mussorgsky zum Abschluss
Kochanovsky und die NDR Radiophilharmonie gestalten dabei den gesamten Abschlussabend. Den Auftakt macht Maurice Ravels "Une barque sur l'océan" aus dem Zyklus "Miroirs". Danach folgt Griegs Klavierkonzert mit Lisiecki. Zum Abschluss steht Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" in der Orchestrierung von Ravel auf dem Programm.
Beinahe kammermusikalische Atmosphäre
Schon beim ersten Werk zeigt sich, wie körperlich Musik an diesem Abend nicht nur bei Lisiecki zu erleben ist. "Une barque sur l'océan", ein Boot auf dem Ozean, lässt die NDR Radiophilharmonie zeitweise selbst wie eine Welle erscheinen. Besonders deutlich wird das bei den Streichern: Die Musikerinnen und Musiker schwingen mit ihren Oberkörpern, ihre Bögen heben und senken sich. Die Bewegung läuft durch die Reihen, während sich auch die Musik immer wieder aufbaut und zurücknimmt.
Im frisch sanierten Konzerthaus am Kieler Schloss lässt sich das gut beobachten. Publikum und Orchester sind räumlich nah beieinander. Trotz des großen, ausverkauften Saals entsteht dadurch immer wieder eine beinahe kammermusikalische Atmosphäre.
Großer Applaus für Lisiecki
Nach Griegs Klavierkonzert gibt es langen Applaus und Bravo-Rufe. Lisiecki und Kochanovsky umarmen sich, verbeugen sich gemeinsam. Lisiecki kehrt für eine Zugabe noch einmal allein an den Flügel zurück. Im Publikum ist die Begeisterung groß. "Einmalig", nennt eine Besucherin den Pianisten nach dem Konzert. Ein anderer Zuschauer beschreibt ihn als "unheimlich begabt".
Es ist ein gelungener Abschluss des Schleswig-Holstein Musik Festivals mit einem Jan Lisiecki, der gerade deshalb so fesselt, weil er nicht nur spielt, sondern zuhört, reagiert und gemeinsam mit den anderen Musik entstehen lässt. Nach Stockholm in diesem Jahr wird nächstes Jahr die Stadt Wien im Fokus des Festivals stehen.