Weiblicher Befreiungsschlag: Lucienne Renaudin Vary ausgezeichnet
Die 27-jährige Lucienne Renaudin Vary spielt stets barfuß - und sie ist eine von nur acht Frauen, die seit 2002 beim Schleswig-Holstein Musikfestival mit dem Leonard Bernstein Award ausgezeichnet wurden. In Lübeck hat die junge Trompeterin ihn am Wochenende verliehen bekommen.
Mit acht Jahren entdeckt Vary die Trompete als ihr Instrument. "Ich habe mich in dieses Instrument verliebt, weil ich fand, dass man damit einfach alles machen kann", erzählt die 27-Jährige. Sofort habe sie das Gefühl gehabt, dass die Trompete ihre Stimme sei und die Art, mit der sie sich am besten ausdrücken könne.
Trompete war lange Männern vorbehalten
Neun Jahre später, 2017, erscheint ihr erstes Album auf. Sie studiert am Pariser Konservatorium - sowohl Klassik als auch Jazz. Heute spielt Lucienne Renaudin Vary europaweit mit bekannten Orchestern oder ihrem eigenen Jazz-Quartett. "Am Anfang war es für mich einfach nur ein Instrument - weder männlich noch weiblich, einfach nur ein Instrument", erinnert sich die Französin. Erst später habe sie bei Wettbewerben, an den Musikhochschulen und auch bei Aufnahmen festgestellt, dass die Trompete leider vor allem Männern vorbehalten sei.
Auch beim Leonard Bernstein Award waren Frauen lange unterrepräsentiert - nur acht von 25 der seit 2002 beim Schleswig-Holstein Musikfestival (SHMF) bisher verliehenen Auszeichnungen gingen an Künstlerinnen. "Man hat das bis vor etwa zehn Jahren überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt. Und ein Mann nach dem anderen wurde ausgewählt", gibt sich SHMF-Intendant Christian Kuhnt selbstkritisch. Inzwischen sei die Gesellschaft und auch das Festival da glücklicherweise sensibler geworden. "Es gibt so wunderbare Frauen in unserer Branche. Und das würdigen wir auch mit diesem Preis."
Barfuß fühlt sie sich geerdet
Beim Preisträgerkonzert mit dem norddeutschen Kammerorchester "ensemble reflektor" zeigt Lucienne Renaudin Vary ihre musikalische Bandbreite: Klassik von Haydn, Jazz von Gershwin. Ihr Markenzeichen: Sie spielt barfuß. "Es fing an, als ich mein erstes Album aufnahm: Ich war ziemlich gestresst, aber dann habe ich meine Schuhe ausgezogen und mich sofort wie zu Hause gefühlt", sagt sie. Barfuß fühle sie sich geerdet und in der Bewegung. Denn für die 27-Jährige sind Musik und Bewegung untrennbar miteinander verbunden.
Nach der Auszeichnung äußert sich die Preisträgerin sichtlich bewegt: "Das ist für mich ein echter Feiertag. Ich bin unendlich froh, berührt und aufgeregt, diesen Preis zu erhalten. Ich liebe jede Art von Musik, und ich glaube, genau das ist es, was Leonard Bernstein und mich verbindet."
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"An guter Musik überragend viel zu geben"
So sieht das auch Intendant Kuhnt: "Wie Leonard Bernstein bewegt sich auch Lucienne Renaudin Vary bewusst zwischen Klassik und Jazz und nutzt Erfahrungen aus beiden Welten. Genregrenzen kennt ihr Spiel nicht, denn am Ende zählt einzig, ob die Musik gut ist. Und an guter Musik hat sie überragend viel zu geben."
Das Preisgeld für den Leonard Bernstein Award wurde in diesem Jahr verdoppelt - auf 20.000 Euro - auch das eine Würdigung.