"Clockwork Orange": Theaterabend in Hamburg lässt unberührt
Das Ernst Deutsch Theater hat Anthony Burgess’ Roman "Clockwork Orange" in einer Theaterfassung auf die Bühne gebracht. Trotz starker Schauspieler, Live-Musik und aufwendiger Ausstattung bleibt der Abend aber emotional distanziert.
Anthony Burgess' Buch ist voller Gewalt, wenn man so will auch voller überbrutaler Gesellschaftssatire. Vor dem Vorhang stellt sich ein zorniger junger Mann in Pose, wie ein böser Clown. Alex! Die Kleidung: ein bisschen Torero-Look, Hosenträger, Springerstiefel. Vorsicht: Alex ist Sprengstoff. Man habe ihm nicht beigebracht, wie man etwas gestaltet, sagt er. Deshalb mache er Sachen kaputt. In einer Art Jugend-Kunstsprache schart er seine Gang um sich, die Droogs, zieht los, um Menschen zu terrorisieren, auszurauben, zu verprügeln. Bis es sogar zu einem Mord kommt.
- Aber jetzt, da die Notschi noch so molodoi ist, lasst wacker uns schreiten, meine Brüder.
- Wir suchen Bambule
- oder bisschen ein Raus-Rein im Dunkeln!!
- Oh yeah … Bühnenzitat
Jugendgang stürmt bürgerliche Tempel des Anstandes
Die Bühne des Ernst Deutsch Theaters hat sich mit Projektionen und bedruckten Stoffen in die feine Laeiszhalle verwandelt, holzvertäfelt, Orgel, edle weiße Emporen. Die Inszenierung von Franziska Autzen will sagen: Alex stürmt die bürgerlichen Tempel des Anstandes und der Hochkultur.
Schocktherapie mit Gewaltvideos
"Ich fand den Hauptcharakter ziemlich gut, die Technik auch, Licht und die Inszenierung - war einfach gut", betont eine Besucherin. "Ich glaube, da braucht man erstmal noch ne Weile, das alles zu verarbeiten", erzählt ein Zuschauer. Das Stück rege zum Nachdenken an über das Gute und das Böse, sagt er. Die Gewalt im Stück wird hier choreografisch und mit Video-Blutspritzern an der Bühnenrückwand gezeigt - mit der Zeit geht aber die gespielte Brutalität auf die Nerven.
Jetzt kommen wir zum tragischen Tränendrüsen-Teil unserer Geschichte, meine Brüder und einzigen Freunde. Bühnenzitat
Sven Schelker spielt Alex aasig und selbstverliebt, eitel, innerlich leer: Er ist hochpräsent, das Ensemble zieht mit. Alex kommt ins Gefängnis - und wird mit Gewaltvideos einer Schocktherapie unterzogen. Danach soll er nur noch "gut" sein. Die Gehirnwäsche beginnt. "Interessant, teilweise sehr anregend zum Weiterdenken über Gesellschaft", urteilt ein Theatergast. Einiges gerade aus der zweiten Hälfte des Abends sei ihm aber noch nicht klar geworden.
Böses Clownsspiel im Druckkessel
Merkwürdig: Obwohl dieser Theaterabend mächtig auffährt, schauspielerisch, mit Live-Musik, tollen Kostümen und Bühne: Er berührt nicht. Hier wird fast andauernd ins Publikum gespielt mit diesem Gestus von: Habt Ihr es auch wirklich verstanden? Dadurch entsteht kein Mitgefühl: Man sieht es, ist aber unbeteiligt. Der Titel "Clockwork Orange", also "Uhrwerk Orange" spielt auf den Menschen als Maschine an, zu der Alex wird. Dieses böse Clownsspiel mit exaltierten coolen Gesten, grellen Ganzkörperanzügen und rollenden Augen ist ein Stück im Druckkessel. Endlich meldet sich auch mal ein Opfer zu Wort.
Was ist das überhaupt für ne Scheißwelt? Männer fliegen auf den Mond, und Männer umkreisen die Erde wie Motten das Licht, aber niemand sorgt mehr für irdische Ordnung. Bühnenzitat
Überlang und fast ein bisschen altbacken
Das Stück hätte viel deutlicher ins Heute gezogen werden können. In Zeiten, in denen Gewalt in der Öffentlichkeit zunimmt, in denen sich Minderheiten zunehmend vor Extremisten fürchten, wirkt dieser überlange Theaterabend fast ein bisschen altbacken. Die entscheidende Frage, warum ein Mensch böse wird, geht leider im Dauerdampf verloren. Ein Fazit: Gewalt erzeugt Gegengewalt. Etwas Neues erfährt man nicht.