Eine Bühne, sechs Stücke, ein Mythos: "Fremde Sonne" in Hamburg
"Anthropolis" war vor drei Jahren am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg ein Riesenerfolg. Nun folgte zur Eröffnung der neuen Spielzeit der Zyklus "Fremde Sonne" - mit drei Premieren an zwei Tagen. In den Hauptrollen: Lina Beckmann und Devid Striesow.
Macht Antike süchtig? Karin Beier muss nicht eine Sekunde überlegen. "Also mich schon!", sagt die Intendantin, die "Fremde Sonne" mit Texten von Roland Schimmelpfennig inszeniert hat. Zweieinhalb Jahre hat sie mit ihrem Team und dem Ensemble an diesem neuen Großprojekt gearbeitet. Ein Geschenk, findet Devid Striesow: "Das ist einfach unvergleichlich schön."
Lina Beckmann schmiedet als Medea ungeheuerliche Pläne
Der in Bergen auf Rügen geborene 52-jährige Striesow spielt Iason, der mit den Argonauten aufbricht, um das goldene Vlies zu rauben. In der Fremde trifft er auf Medea, die ihm dabei hilft und sich damit gegen die eigene Familie stellt. Die beiden heiraten, bekommen Kinder, trotzdem wird er sie am Ende verraten. Lina Beckmann ist Medea und nicht bereit, sich einfach fortjagen zu lassen, weil sie als Mutter erpressbar ist.
Ihr wollt uns klein halten, ihr benutzt unsere Kinder, damit wir uns aufopfern bis zur Unsichtbarkeit, und dann, wenn wir alt sind, sitzen wir in der Ecke. Szene aus "Fremde Sonne"
So reift der Gedanke an eine ungeheuerliche Tat: Ihren beiden Söhnen wird Medea das Leben nehmen. "Ich habe mich darauf eingelassen, diesen Weg, den sie bis dahin geht, einfach blank zu lassen, bis an den Punkt, wo Karin dann gesagt hat: 'Okay, heute probieren wir die Szene mal.' Und bis dahin war ich so aufgeladen mit diesem Schmerz und dieser Ohnmacht, die sie empfindet, dass das gar nicht so unspielbar war, wie ich dachte", erzählt Beckmann.
Von aktuellen Fragen der Weltgeschichte eingeholt
Was wird aus uns in der Fremde, warum brechen wir in die Fremde auf und mit welcher Vision? Ist es nicht vor allem Gier, imperiales Machtstreben? Fragen, die uns auch heute betreffen. Karin Beier: "Dann hat uns tatsächlich die Weltgeschichte eingeholt, auch während der Vorbereitungen, sodass wir gesagt haben: Es kann ja gar nicht sein, dass diese imperialistischen Raubzüge so eine Rolle spielen. Auch dieser unverhohlene Machtanspruch gewisser westlicher Länder, wo ich dachte, das gehört eigentlich eher in die Kolonialzeit."
Roland Schimmelpfennig gelingt es in seinen Texten, das Gestern und das Heute ineinanderfließen zu lassen, in oft kurzer, lakonischer Sprache. Dem setzt Karin Beier teilweise große Bilder entgegen: Auf der kastenartigen Bühne toben die Elemente, wenn die Argo, das wendige Langschiff mit 50 Rudern, auf scheinbar endloser Expedition ist. Später konzentriert sie sich ganz auf Medea und Iason.
Vorbereitungen und Proben seit über zwei Jahren
Es ist eine Reise in fünf Etappen, an deren Beginn die verheißungsvollen Worte stehen: "Stellen sie sich einmal vor, es erscheint vor ihrem geistigen Auge noch einmal das Meer. Das Meer, dieses Mal im Mondlicht. Leise brechen sich die Wellen am Strand. Es ist eine warme Nacht." Wieder ist Michael Wittenborn der Erzähler, er trägt das gleiche Kostüm wie schon bei Anthropolis. Und damit ist klar: Die Geschichte geht weiter - ähnlich und doch ganz anders.
Schimmelpfennig hat aus der epischen Vorlage des Argonauten-Mythos sechs neue Theatertexte entwickelt. Einzig "Medea in Korinth: Die verlorenen Kinder" basiert auf der dramatischen Vorlage von Euripides/Grillparzer und wurde von Schimmelpfennig neu in eine zeitgenössische poetische Sprache übertragen. Seit über zwei Jahren werden die Stücke vorbereitet und geprobt, um sie zum Eröffnungswochenende der Spielzeit 2026/27 zur Uraufführung zu bringen.
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Hintergrund: Wie funktioniert die neue Google-Funktion?
Der sechste und letzte Teil "Medea in Athen: Der gefundene Sohn" hat Anfang Februar 2027 Premiere. Die einzelnen Inszenierungen können sowohl für sich allein als auch in zeitlicher Abfolge hintereinander in einem Marathon gesehen werden.