Szene aus "Church of Code"
AUDIO: Gesegnete Smartphones, KI als Gottheit - Theater "Church of Code" rüttelt auf (4 Min)

Theaterabend "Church of Code": Wenn KI zur Religion wird

Stand: 25.09.2026 13:59 Uhr

Was steckt hinter dem Glauben an schrankenlose technologische Beschleunigung? Dem geht das freie Theater an der Glocksee in Hannover mit dem Projekt "Make Cyber Punk Again" nach. Teil eins mit dem Titel "Church of Code" feierte gerade Premiere.

von Agnes Bührig

Willkommen in der "Church of Code"! Drei Männer und eine Frau in langen, weißen Gummigewändern stehen um einen Altar und machen das Publikum zur Gemeinde. Anstatt zum Gesangbuch zu greifen, sollen die Smartphones gezückt werden. Statt eine Hostie zu empfangen, erhält die Gemeinde ein Stück Papier mit QR-Codes. Wer diese scannt, vernetzt sich. Liedtexte erscheinen auf den Displays, und schnell singen alle gemeinsam.

Elon Musk, Marc Zuckerberg und Peter Thiel in Heiland-Pose

"Näher, mein Gott, zu dir" heißt ein christlicher Choral, doch hier ist "Gott" mit "Netz" ausgetauscht. Es klingt kitschig. Über eine kreisrunde Fläche hinter dem Altar flimmern Computercodes und Zahlenreihen. Später erscheinen die Tech-Bros Elon Musk, Mark Zuckerberg und Peter Thiel in Heiland-Pose, werden damit zitiert, sie wollten mit ihren Investitionen Gutes bewirken, für uns alle.

Dirk von Gehlen sitzt in einem Sessel auf einer Bühne, spricht in ein Mikrofon und gestikuliert mit den Händen. Im Hintergrund sind schematische Zeichnungen auf einem Bildschirm zu sehen.

Der Autor ("Wie KI dein Leben besser macht") sieht in Künstlicher Intelligenz kein Ende der Kreativität, sondern neue Möglichkeiten.

Heilsversprechen wie diese fielen bei einigen auf fruchtbaren Boden, sagt Lena Kußmann von der künstlerischen Leitung des Theaters an der Glocksee. "Es gibt Menschen, die glauben, dass die KI irgendeine Form von Seele beinhaltet, und dass es irgendeine Form von Gottheit ist. Und wir benutzen diese Form als Überhöhung. Das ist natürlich ein bisschen fies und auch satirisch gemeint - aber auch das, was wir Menschen jeden Tag tun: die Anbetung und Aufwertung von Technik und insbesondere der Konzerne, die dahinterstehen."

Inszenierung will zur Rebellion anstiften

Immer wieder aufstehen und sich setzen, gemeinsam singen, das "Vaterunser" sprechen und einem Digitalgott huldigen - man fühlt sich gefangen wie in einer amerikanischen Sekte. Die entstehende Unsicherheit wird von dunklen Basstönen verstärkt. Dann wieder rütteln Minipredigten eines Digital-Priesters die Gemeinde auf, der vor den Gefahren der KI warnt.

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Die Inszenierung wolle zur Rebellion anstiften, sagt Regisseur Jonas Vietzke. Inspiriert sei sie auch von der Bewegung des Cyber Punk. "Das ist ein Genre, das in den 80er-Jahren entstanden ist und von einer hochtechnisierten Welt spricht, wo Konzerne mächtiger sind als Regierungen, wo die Technologie sich in alle Lebensbereiche bis in den Körper etabliert hat und High-Tech-Low-Life als Prinzip gilt. Das ist eine Welt, die kein Vorbild ist, kein Zukunftsversprechen, sondern eher eine große gesellschaftliche Warnung, auch vor Kapitalismus", sagt Vietzke.

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Vernetzung mit der Technik auf Frankensteinart

Herausfordernd wird es am Ende, als der Altar zum OP-Tisch wird und einer Frau in bester Frankensteinart sperrige Geräte wie Handy und Modem eingebaut werden. Damit erreicht das Theater an der Glocksee sein Publikum auch emotional. Das Urteil ist vorwiegend positiv: "Das aktuelle Problem mit der Handynutzung, KI-Nutzung ist so richtig auf den Punkt gebracht. Ich hab mich da sehr wiedergefunden. Ich fand es toll", sagt eine Besucherin.

"Church of Code" im Theater an der Glocksee in Hannover ist noch bis zum 2. Oktober zu sehen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Der Vormittag | 24.09.2026 | 11:20 Uhr

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