Sandra Hüller (l.) und Hanns Zischler sitzen an einem Tisch und gucken ernst - Szene aus dem Film "Vaterland"
AUDIO: Hanns Zischler als Thomas Mann in "Vaterland" (54 Min)

Hanns Zischler: "Thomas Mann erschließt sich mir in Etappen"

Stand: 01.09.2026 13:09 Uhr

An der Seite von Sandra Hüller spielt Hanns Zischler im Film "Vaterland", der am 3. September in die Kinos kommt. Im Interview spricht der Thomas-Mann-Darsteller über Emigration, Erinnerung, Literatur und die Kunst, Geschichte gegenwärtig zu machen.

von Katja Weise

Hanns Zischler ist in Bewegung: Seit den 1970er-Jahren steht er vor der Kamera, arbeitete in Filmproduktionen von Wim Wenders, Peter Handke und Peter Lilienthal. Der Film "Im Lauf der Zeit" von Wim Wenders machte ihn 1976 bekannt, auch international. Es folgten Filme mit Claude Chabrol oder Andrew Birkin. Neben seiner äußerst produktiven Filmarbeit schreibt Hanns Zischler auch Romane und Sachbücher, beschäftigt sich mit Literatur, Architektur und Philosophie. "Berlin ist zu groß für Berlin", "Kafka geht ins Kino" oder seine Übersetzung der Graphic Novel "Die drei Leben der Hannah Arendt" von Ken Krimstein wurden viel beachtet.

Jetzt ist Hanns Zischler mit Sandra Hüller in Paweł Pawlikowskis Film "Vaterland" zu sehen. Der Film, der in Cannes bereits mit der Silbernen Palme ausgezeichnet und über den in den Feuilletons schon viel gesprochen wurde, handelt von Thomas Manns Reise durch das tief gezeichnete, erschütterte Nachkriegseuropa. "Vaterland" kommt am 3. September in die Kinos. Vorher hat Hanns Zischler mit NDR Kultur à la carte gesprochen.

Haben Sie gezögert, als die Anfrage kam Thomas Mann zu spielen?

Hanns Zischler: Nein, ich habe nicht gezögert, vor allem, weil ich wusste, dass es kein Biopic ist. Das heißt, ich spiele nicht Thomas Mann und versuche ihn nicht lebensecht darzustellen, sondern ich eigne mir eine Haltung an, die sich Pawlikowski und Henk Handloegten ausgedacht haben. Ein Schriftsteller, der heimatlos geworden ist und nun merkt, dass er aus der Immigration als ein Fremder zurückkommt und nicht willkommen ist. Diese Grundhaltung zwischen Erwartung, Hoffnung und Distanz hat mich sehr interessiert und die verkörpere ich.

Das heißt, große Recherchen Ihrerseits haben gar nicht stattgefunden?

Zischler: Ich kannte viel von Thomas Mann, ich kannte Biografien und andere Bücher über ihn. Ich kannte viel aus seiner Briefliteratur und habe auch mal die Tagebücher für den Hessischen Rundfunk gelesen. Das alles war mir vertraut.

Was neu für mich war, ist diese Art von Verdichtung zwischen Frankfurt und Weimar, also dem Goethe-Preis 1949 und dem 200. Geburtstag, wo Thomas Mann die Gelegenheit beim Schopf ergreift, wieder vor den Deutschen auftreten und ihnen etwas sagen zu wollen. Er weiß nicht, auf welches Risiko er sich dabei einlässt.

Drei Personen( Pawel Pawlikowski (l-r, Sandra Hüller und August Diehl  in Cannes) bei der Weltpremiere von "Vaterland"

Hanns Zischler und Sandra Hüller spielen eindrucksvoll im Roadmovie über Manns erste Deutschlandreise im Jahr 1949. Nicht alles an Paweł Pawlikowskis Historienfilm ist akkurat. Mit Absicht.

Thomas Mann hat in Frankfurt und Weimar mit leichten Abweichungen die gleiche Rede gehalten, die Sie in dem Film auch halten. Ich nehme an, dass Sie sich intensiv mit dem Text beschäftigt haben. Sie haben gesagt, er konnte eigentlich nur scheitern, warum?

Zischler: Zunächst habe ich mich mit dem Text sehr genau beschäftigt und auch mit Paweł Pawlikowski zusammen, der sehr gut Deutsch spricht. Da war die Schwierigkeit, was wählt man da aus? Was ist der Tenor dieser Reden? Diese Reden gehen sehr tief. Da war abzuwägen, was kann man davon in einem Film in kurzen, wenigen Abschnitten vortragen. Das war eine sehr schöne Arbeit, die wir uns vorgenommen haben und die auch entsprechend ausführlich gefilmt wurde und im Film keine große Zeit einnimmt.

Das Wagnis einer solchen Reise wurde ihm wahrscheinlich in dem Augenblick klar, als er Deutschland betritt. Im Film steigt er in Frankfurt aus dem Auto aus, die Leute pfeifen, johlen und sind nicht begeistert. Entsprechend wird er in der Pressekonferenz zurechtgewiesen. Es werden ihm Vorwürfe gemacht, bei einer unglaublichen Infamie. Er habe sich in der Loge bewegt und hätte nicht gewusst, was in Deutschland los sei. Er wehrt es auf seine Weise sehr kurz ab. Das zeichnet den Film aus, dass er trotz der Tatsache nicht willkommen zu sein oder abgelehnt zu werden, seine Mission durchhält.

Thomas Mann sagt diesen schönen Satz: "Literatur kennt keine Zonen, deshalb fahre ich nach Weimar, auch wenn der CIA dagegen ist, auch wenn das im Westen nicht gern gesehen wird." Da beginnt sein eigenes Spiel. Er versucht die Figuren in der Hand zu behalten und zu führen. Dass das nicht immer gelingt, steht auf einem anderen Blatt, aber das Risiko muss er eingehen.

Thomas Mann hat diese Reise eigentlich mit seiner Frau Katia Mann gemacht. Im Film macht er sie mit seiner ältesten Tochter Erika Mann, gespielt von Sandra Hüller - das ist eine Setzung von Paweł Pawlikowski. Hat Ihnen das sofort eingeleuchtet?

Zischler: Ja, ich fand es absolut plausibel. Beide dramaturgischen Eingriffe, die sehr weit gehen, nämlich statt der Ehefrau Katia, die Tochter mitzunehmen. Es gibt keinen Chauffeur, sondern die Tochter steuert das Auto. Sie steuert in mehrfacher Hinsicht. Zum anderen den Freitod von Klaus unmittelbar mit der Reise zu verquicken, was tatsächlich drei Monate vorher war, diese dramaturgische Verdichtung ist genau das, was das Kino erlaubt. Es ist plausibel und es ist in einer gewissen Weise auch für die Erzählung hilfreich, weil man sowohl die gewaltigen familiären Konflikte, wie auch die gesellschaftlichen Konflikte, die ihn umgeben und in denen er mittendrin ist, sehr genau zur Geltung bringen kann.

Ein älterer Mann mit einer hellen Schirmmütze blickt mit neutralem Ausdruck in die Kamera

In "Vaterland" verkörpert Zischler den Literaturnobelpreisträger auf der Leinwand - und trotzdem sagt er: "Ich spiele nicht Thomas Mann." Ein Porträt.

Die Machart des Films hat einen sehr starken dokumentarischen Charakter. Trotz dieser großen Freiheiten steigt man wie in einen Dokumentarfilm ein. Wir sehen, Erika Mann fährt ihren Vater in einem schwarzen Buick durch die Nachkriegslandschaft, erst nach Frankfurt, dann nach Weimar. Diese Pressekonferenz hätte genauso stattgefunden haben können. Ist das für Sie auch ein besonders interessanter Rahmen gewesen? Hat das etwas mit Ihrem Spiel gemacht?

Zischler: Das Dokumentarische ist die volle Absicht. "Documentary Fiction" nennt Pawlikowski diesen Film, eine dokumentarische Fiktion, ein Paradox. Das ist ein großes Kunststück, eine so entfernte Zeit, die immerhin 75 Jahre zurückliegt, wieder gegenwärtig zu machen und dadurch plötzlich einen Zugang zu finden. Das heißt, wenn Sie sich mal vor Augen halten, wie viele Filme über die NS-Zeit gemacht werden, wo die Leute gar nicht müde werden, die Schönheit der Uniformen und des ganzen Zinnobers immer wieder nachbasteln und man glaubt nichts davon. Es ist nichts mehr als eine Fortsetzung der Propaganda.

In diesem Film ist es so, dass Pawlikowski eine Setzung macht und sagt, dieses Deutschland, in das Thomas Mann und Erika zurückkehren, ist wirklich ein verhängnisvolles Land. Das ist in den Bildern zu erkennen, das ist das Aufregende.

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Wie war das Zusammenspiel mit Schauspielerkollegin Sandra Hüller?

Zischler: Die Zusammenarbeit war für mich sehr gut, weil Sandra in ihrer sehr entschiedenen Art des Auftretens und der Spannung, die sie zum Vater aufbaut, eine sehr gute Ergänzung darstellt. Das war für mich eine sehr gute Form des geliebten Widerparts. Das ist der Punkt: Es ist Liebe.

Was schätzen Sie an Thomas Manns Sprache und an seinem Werk?

Zischler: Thomas Mann erschließt sich mir in Etappen, das ist ganz merkwürdig, weil es gibt manchmal Sentenziöses, Umständliches, Überkandideltes, was man aus Erika hört, wenn sie sagt: "Drei Relativsätze hintereinander in einer Rede sind zu viel." Er ist als Erzähler wirklich meisterhaft, weil er an Themen herangeht, die ein Wagnis sind. "Joseph und seine Brüder" ist ein riesiges Wagnis, das ist was Ungeheuerliches. Dass jemand so etwas schafft, ist nach wie vor unglaublich bewundernswert. Die Erzählung "Die Betrogene" oder "Felix Krull", an dem er 50 Jahre arbeitet und nicht vollenden kann.

Thomas Mann ist jemand, der kämpft. Er will mit einer unglaublichen Energie seiner Zeit teilhaftig werden. "Buddenbrooks" ist der große Wurf am Anfang und es glückt. Dass er trotzdem erst mal so ein stockkonservativer, fast schon reaktionärer Mann bleibt, das müssen wir akzeptieren. Das korrigiert er und das ist eine Leistung. Sein Bruder Heinrich war da viel früher freier. Aber, dass ihm das gelingt, auch erzwungenermaßen durch die Emigration. Schon vorher korrigiert er sich vor, "Mein Bruder Hitler". Das ist eine sehr ungewöhnliche schriftstellerische Leistung.

Video: Trailer "Vaterland": Drama mit Sandra Hüller und Hanns Zischler (2 Min)

Hanns Zischler, Sie bringen einen neuen Roman raus. Worum geht es da und wie heißt der?

Zischler: Der Roman heißt "Yumikos Paravent". Yumiko ist ein japanischer weiblicher Vorname und der Paravent, ist ein Wand- oder auch ein Faltschirm. In dem Roman geht es um die Entdeckung eines Briefwechsels, den eine Frau von etwa 40 Jahren im Nachlass ihrer Mutter macht. Die Mutter war Herrenschneiderin, die mit ihrem Mann, einem japanischen Ingenieur, 1990 von Berlin nach Kobe in Japan gewechselt ist.

In dem Nachlass der Mutter, die 2018 stirbt, entdeckt sie in einem nicht zu Ende geschneiderten Jackett etwa 30 Luftpostleichtbriefe von einem Berliner Maler an die Mutter. Sie entdeckt damit eine Liebesgeschichte. Es wird ihr klar, dass nachdem sie einmal diesen Maler als Kind gesehen hatte, sich plötzlich erinnert, dass da etwas ganz Besonderes war.

Seit des Übertritts der Mutter nach Japan gab es zwischen den beiden keine Berührungen und keine Beziehung mehr. Sie ist nicht nach Berlin zurückgekehrt und er ist nicht nach Japan gekommen, sondern es blieben nur diese Briefe. Sie hat jetzt nur die eine Hälfte, nämlich die Briefe von ihm an die Mutter, er heißt Kusmín. Dann überlegt sie, ob sie sich aufmachen soll, um die andere Hälfte des Briefwechsels zu bekommen.

Schreiben Sie selbst noch viele Briefe?

Zischler: Ja, ich schreibe mit Schreibmaschine und mit Füllfederhalter.

Wenn Sie Thomas Mann einen Brief schreiben würden, wüssten Sie, was Sie reinschreiben?

Zischler: Wenn ich Thomas Mann einen Brief schreiben würde, wüsste ich, dass er ihn beantwortet. Das ist das Ungewöhnliche. Ich hatte vor kurzem das Glück, einer Freundin, die beteiligt war, den Film "Vaterland" zu zeigen. Am nächsten Tag zeigte sie mir einen Brief, den ihr Vater von Thomas Mann erhalten hatte. Es war ein sehr schöner Brief, weil er sich auf eine Kritik bezog, die der Vater als junger Student zu "Doktor Faustus" geschrieben hatte. Es war ein zweiseitiger, sehr klar formulierter Brief. Thomas Mann hat, wie wir heute wissen, so gut wie jeden Brief beantwortet. Das ist wirklich sehr ungewöhnlich.

Das Gespräch führte Katja Weise.

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Dieses Thema im Programm:

NDR.de | Hanns Zischler als Thomas Mann in "Vaterland" | 31.08.26, 00:01 Uhr

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