"Vaterland": Film über Thomas Mann handelt von einem "Liebesdreieck"
Hanns Zischler und Sandra Hüller spielen eindrucksvoll im Roadmovie "Vaterland" über Thomas Manns erste Deutschlandreise nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Nicht alles von Paweł Pawlikowskis Film über den Lübecker Autor beim Filmfest Cannes ist historisch akkurat. Mit Absicht.
Pawlikowskis Spielfilm "Vaterland" hat bei den Filmfestspielen in Cannes umjubelte Weltpremiere gefeiert. Nun ist der Film mit einem der wichtigsten Preise des Festivals ausgezeichnet worden, bei dem im Wettbewerb 22 Filme um die Goldene Palme konkurrierten. Paweł Pawlikowski hat die Silberne Palme als bester Regisseur erhalten - zeitgleich mit den spanischen Regisseuren Javier Calvo und Javier Ambrossi vom Drama "La bola negra".
Der Film über den Lübecker Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Thomas Mann ist komplett in Polen gedreht - eine Koproduktion der Länder Polen, Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien.
Kinostart im September, Deutschlandpremiere beim Filmfest München
Bundesweiter Kinostart ist am 3. September. Davor eröffnet er im Juni das Filmfest München, wo einige der Stars des Ensembles als Gast erwartet werden.
Roadmovie handelt von der Familie Mann - und von Liebe
Er handelt von Liebe und Trauer innerhalb der Familie - und die Liebe zum eigenen Land. Doch: Wo genau ist "Heimat", wenn man nicht mehr in der eigenen Sprache schreiben will?
Es sei ein Film wie ein Bajonett über das "Exil und Verrat", lobt der britische "Guardian". Ein "eleganter Film, der fasziniert", schreibt die US-Zeitung Filmzeitschrift "Variety". Der Historienfilm wird international in der Branchenpresse gefeiert.
Historische Reise von Thomas Mann ins Nachkriegsdeutschland
Im Mittelpunkt seines siebten Spielfilms - wie immer, in Schwarzweiß gedreht - steht eine historische Reise des damals 74-jährigen Thomas Mann ins Nachkriegsdeutschland. Es ist das erste Mal, dass der Lübecker Autor und Literaturnobelpreisträger nach dem Zweiten Weltkrieg deutschen Boden betritt. Zu der Zeit lebt er im US-amerikanischen Exil und hat auch die US-Staatsbürgerschaft erhalten.
Anlass für die historische Reise sind die Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe. Der Film begleitet Mann nach Frankfurt am Main - und ins ostdeutsche Weimar. In beiden Städten hält der damals bedeutendste lebende deutschsprachige Schriftsteller historische Reden und wird Schritt auf Tritt genau beobachtet.
Erika Mann begleitet Thomas Mann nach Frankfurt und Weimar
All das zeigt Pawlikowski, dem aber genau bewusst ist, dass sein Film nicht historisch korrekt ist. Denn, so der 68-jährige polnische Drehbuchautor und Drehbuchautor ("Ida") bei der Pressekonferenz des Festivals in Cannes, er wollte "auf keinen Fall ein Biopic" machen. Das interessiere ihn nicht. Auf die Idee zum Film gekommen ist er durch Colm Tóibíns Buch "Der Zauberer" über Thomas Mann.
Vertauschte Ereignisse im Jahr 1949
Pawlikowski hat vielmehr die intensive Beziehung der Mann-Geschwister Erika und Klaus interessiert - und deren jeweiliges Verhältnis zum Vater, der "nicht besonders expressiv" bei Emotionen war, so Pawlikowski. Weder in dessen Büchern noch im echten Leben. Ihn hat das "Liebesdreieck" zwischen den drei Personen interessiert.
Daher reist im Film Thomas Manns Tochter Erika Mann, jeweils beeindruckend gespielt von Hanns Zischler und Sandra Hüller, 1949 mit ihrem Vater nach Deutschland. Und nicht die Ehefrau Katia Mann. Im Film nimmt sich der Sohn Klaus Mann, gespielt von August Diehl, parallel zur Deutschlandreise seines Vaters in Cannes das Leben. Im südfranzösischen Ort liegt bis heute sein Grab.
Der Tod von Klaus Mann lag bei der Reise jedoch bereits Monate zurück. "Aber weder Thomas noch Erika Mann sind je zur Beerdigung nach Cannes gereist", erklärt Pawlikowski.
Unvergessliche Ohrfeigen-Szene mit Joachim Meyerhoff als Gustaf Gründgens
Bis in die kleinsten Rollen ist "Vaterland" fabelhaft besetzt: So hat Joachim Meyerhoff eine unvergessliche Ohrfeigen-Szene mit Sandra Hüller. Er spielt den Theater-Giganten Gustaf Gründgens. Devid Striesow verkörpert Johannes Becher, Milan Peschel und Fritzi Haberlandt sind in Mini-Rollen zu erleben.
Drei von Pawlikowskis Filmen enden mit erhebender Musik von Johann Sebastian Bach. Auch dieser hat eine ergreifende Szene in einer zerbombten Kirche, in der ein Kantor auf der ramponierten Orgel "Jesu bleibet meine Freude" spielt. Und nach nicht einmal 82 Minuten ist der beeindruckende Film zu schnell vorbei. Er dürfte bis zur Preisverleihung noch große Kreise ziehen - und eine der Palmen des Festivals ergattern. Das Festival geht noch bis zum 23. Mai.