Cristian Mungiu gewinnt mit "Fjord" in Cannes
Am Samstag hat der Rumäne Cristian Mungiu mit seinem Drama "Fjord" die Goldene Palme des Filmfests Cannes erhalten. Auch zwei Filme mit norddeutschem Bezug haben Preise geholt: Das russische Drama "Minotaurus" und das Thomas-Mann-Roadmovie "Vaterland".
Regisseur Mungiu ist beim Festival mit der zweiten Goldenen Palme seiner Karriere ausgezeichnet worden. Bereits 2007 hatte er mit dem Drama "4 Monate, drei Wochen und 2 Tage" diese Auszeichnung geholt. In "Fjord" geht es um ein streng religiöses Ehepaar in Norwegen - hochkarätig besetzt mit Renate Reinsve und Sebastian Stan.
Dieses Paar gerät nach dem Verdacht von Kindesmisshandlung in den Fokus der Behörden. Den Preis der Jury erhielt die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach für ihren Film "Das geträumte Abenteuer".
"Minotaurus": Drama von Zvyagintsev in Hamburg gefördert
"Minotaurus" von Andrei Zvyagintsev hat den zweitwichtigsten Preis des französischen Festivals ergattert: den Großen Preis der Jury. Der im französischen Exil lebende Russe erzählt in seinem Remake des Chabrol-Thrillers "Die untreue Frau" von einer Unternehmerfamilie, die als Spiegelbild der russischen Gesellschaft fungiert. Der Krieg gegen die Ukraine ist präsent, wird von den besser Privilegierten aber ausgeblendet.
Ihr Leben ist bestimmt von Egoismus und Doppelmoral und treibt die Filmhandlung in eine Spirale aus Korruption und Verbrechensvertuschung. Die Botschaft ist eindeutig und wird von der unterkühlten Inszenierung perfekt unterstrichen. Die MOIN Filmförderung hat "Minotaurus" mit 100.000 Euro gefördert, ein Teil der Postproduktion fand zudem in Hamburg statt. Zvyagintsev sei ein "Humanist, der immer wieder die 'Human Condition' erforscht", so MOIN-Chef Helge Albers im Gespräch mit NDR Kultur.
"Vaterland": Elegantes Roadmovie über Lübecker Autor Thomas Mann
Es gab keinen klaren Favoriten bei den 22 Filmen im Wettbewerb, der dieses Jahr nur langsam in die Gänge kam. Am Ende des Abends gab es mehrfach doppelt vergebene Preise. So etwa den Preis für die beste Regie. Einerseits haben diesen die spanischen Regisseure Javier Calvo und Javier Ambrossi für ihre Drama "La bola negra" erhalten.
Die Auszeichnung ging gleichzeitig auch an den polnischen Filmemacher Paweł Pawlikowski für den Kritikerliebling "Vaterland" mit Sandra Hüller, August Diehl und Hanns Zischler. Das Roadmovie begleitet den Lübecker Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Thomas Mann ins Nachkriegsdeutschland von 1949.
"La bola negra": Epische Hommage an Poeten Federico García Lorca
Filme, die die ganze Magie des Kinos feiern, also auch auf opulente Bilder und emotionale Inszenierung setzen, waren rar. Hier stach der spanische Beitrag "La bola negra" hervor. Das nun ausgezeichnete Regieduo Javier Calvo und Javier Ambrossi präsentierte mit dem Melodrama eine epische Hommage an den Lyriker Federico García Lorca. Calvo und Ambrossi werden gern auch als die "Javis" benannt, international bekannt geworden sind sie mit der Trans-Serie "Veneno",
Der homosexuelle Lyriker und Dramatiker wurde im Spanischen Bürgerkrieg von rechtsnationalen Militärputschisten erschossen. Angesiedelt auf drei ineinander verschachtelten Zeitebenen in den Jahren 1932, 1937 und 2017, erzählt "La bola negra" von generationsübergreifender Homophobie - und ist obendrein eine Abrechnung mit dem Faschismus.
Penélope Cruz hat darin zwei große Musicalnummern. Die zu Tränen gerührten Regisseure widmeten ihren Film nach der Weltpremiere all jenen, die nie leben, lieben oder reden durften und positionierten sich mit einer kämpferischen Ansage für LGBTQ-Rechte: "An alle, die glauben, dass wir bei unseren LGBT-Rechten zurückstecken werden: Ich habe schlechte Nachrichten."
"Notre Salut" aus Frankreich basiert auf Briefwechsel der Großeltern
Das analytisch-charakterzentrierte Drama "Notre Salut" ist mit der Silbernen Palme für das beste Drehbuch ausgezeichnet worden. Dessen französischer Regisseur Emmanuel Marre rechnet mit der Vergangenheit seines Heimatlands ab - und der seiner eigenen Familie: "Notre Salut“ basiert auf einem Briefwechsel seiner Großeltern.
Er erzählt, wie sein Großvater zum Mitläufer des rechts-autoritären Vichy-Regimes wurde, das mit den Nationalsozialisten kollaborierte. Eine Vergangenheit, mit deren Verarbeitung sich Frankreich immer noch schwertut und deren populistischer Widerhall in der Gegenwart nach der Premiere von Regisseur Emmanuel Marre kommentiert wurde mit den Worten: "Nie wieder!“
Doppelt verliehene Schauspielpreise
In der Kategorie Schauspiel hat die Wettbewerbsjury unter Vorsitz des koreanischen Regisseurs Park Chan-wook die Silbernen Palmen jeweils an zwei Schauspielerinnen beziehungsweise Schauspieler vergeben. Einerseits an die Französin Virginie Efira und die Japanerin Tao Okamoto aus dem Pflegedrama "All of a Sudden" des Japaners Ryūsuke Hamaguchi.
Andererseits an die Schauspiel-Newcomer Emmanuel Macchia und Valentin Campagne aus Belgien. Sie spielen im Kriegsdrama "Coward" des Belgiers Lukas Dhont zwei Soldaten an der Front im Ersten Weltkrieg, die sich ineinander verlieben.