Während Energiepreise steigen: Billiger Strom aus Erneuerbaren
Am Osterwochenende erhielten große Unternehmen Geld dafür, Strom zu verbrauchen. Wind und Sonne deckten fast den Bedarf. Doch Pläne des Wirtschaftsministeriums gefährden den Ausbau erneuerbarer Energien.
An Ostern passierte etwas Ungewöhnliches: Große Kunden wie Fabriken mussten zeitweise nichts für ihren Strom zahlen. Am Ostersonntag und -montag bekamen sie sogar bis zu 15 Cent pro Kilowattstunde zurück. Statt zu zahlen, bekamen sie also Geld. Das klingt ungewöhnlich, ist an der Strombörse aber gar nicht so selten - gerade, wenn viel Ökostrom verfügbar ist.
Am Wochenende lag das an zwei Gründen:
- Aufgrund des Wochenendes und der Feiertage wurde wenig Strom verbraucht.
- Gleichzeitig war das Wetter gut für die erneuerbaren Energien. Viel Wind und Sonne sorgten dafür, dass die Erneuerbaren fast den gesamten deutschen Stromverbrauch decken konnten - rechnerisch waren es 98 Prozent.
Dass die Erneuerbaren Deutschland fast vollständig versorgen können, ist noch nicht die Regel, kommt aber immer wieder vor. Im vergangenen Jahr konnten sie beispielsweise an zwölf Tagen mindestens 90 Prozent des Verbrauchs decken.
Warum stehen Windräder still, während Gas verbrannt wird?
Trotz des hohen Ökostrom-Angebots liefen auch zu Ostern Gas- und Kohlekraftwerke weiter. Gleichzeitig standen in Norddeutschland Windräder still. Ein typischer Grund: Die Stromnetze waren überlastet. Denn die schaffen es oft nicht, allen grünen Windstrom aus dem Norden zu den Industriezentren im Süden zu bringen.
In solchen Fällen greift der sogenannte Redispatch: Wenn das Netz dicht ist, müssen Kraftwerke in Regionen mit zu viel Strom gedrosselt werden, während anderswo welche hochfahren. Windräder werden dabei oft zuerst abgeschaltet, weil sie sich schneller an- und abschalten lassen als große Kohle- oder Gaskraftwerke.
Reiche plant Kürzungen bei Entschädigungen
Durch den Redispatch ergeben sich jedoch Kosten. Einerseits müssen die Ersatz-Kraftwerke bezahlt werden. Andererseits werden die Betreiber der abgeschalteten Windräder entschädigt. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche will hier sparen. Laut Medienberichten sollen Betreiber in bestimmten Regionen künftig keine Entschädigung mehr erhalten, wenn neue Anlagen wegen Netzengpässen abgeschaltet werden.
Betroffen sein könnten demzufolge Gebiete, in denen im Vorjahr mehr als drei Prozent des erzeugten Stroms nicht genutzt werden konnten – sogenannte "kapazitätslimitierte" Regionen.
Noch ist nicht klar, welche Kreise wirklich betroffen wären. Laut der Beratungsfirma Enervis könnte dies aber beispielsweise hier relevant werden:
- an der Nordseeküste (viel Windstrom)
- Ost-Niedersachsen (viel Solar- und Windstrom)
- Teile von Bayern (viel Solarstrom)
Aber darin liegt ein Problem: Gerade in Bayern werden dringend Windräder benötigt, um die Stromversorgung auch bei wenig Sonne zu sichern. Ohne die Redispatch-Entschädigungen könnte der Ausbau genau dort unattraktiv werden. Und das, obwohl Windräder und Solaranlagen oft zu unterschiedlichen Zeiten Strom liefern.
Solarbranche warnt: "Größter Angriff seit 15 Jahren"
Die bisher bekannten Pläne der Bundesregierung stoßen auf scharfe Kritik von Grünen sowie von Umwelt- und Erneuerbaren-Verbände. Die geplanten Kürzungen könnten große Ökostrom-Projekte in netzschwachen Gebieten unwirtschaftlich machen - und den Ausbau der Erneuerbaren bremsen.
Zum Entwurf gehören weitere Regelungen, die auch den Ausbau von Solaranlagen blockieren könnten. Carsten Körnig, Chef des Bundesverbands Solarwirtschaft, spricht deshalb vom "größten Angriff auf unsere Branche seit 15 Jahren". Eine NDR-Anfrage zu den Plänen ließ das Bundeswirtschaftsministerium unbeantwortet.
Die Folge: Die gesetzlichen Ausbauziele für 2030 würden weiter in die Ferne rücken. Schon heute fehlen neue Windräder und Photovoltaikanlagen. Doch statt den Ausbau zu beschleunigen, würde die Politik ihn laut Branchenverbänden bremsen. Das Ergebnis wäre mehr Strom aus Gas und Kohle.
Energiewende-Bremse: Sie könnte Milliarden kosten
Wenn der Ausbau der Erneuerbaren ins Stocken gerät, dürfte es teuer werden. Sascha Samadi forscht am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. Er hat für den NDR abgeschätzt: Würde Klimaschutz ernsthafter verfolgt werden, könnte sich der Öl- und Gasbedarf bis 2030 um gut fünf Prozent gegenüber 2025 senken lassen. Das gilt im Vergleich mit dem aktuellen Tempo. Mit den 2025er-Preisen wären das allein Milliardeneinsparungen für Brennstoffe. Doch sollte der Ausbau stattdessen gebremst werden, wie es die Branche fürchtet, würden die Kosten noch größer ausfallen.
Ein konkretes Beispiel hat Bruno Burger vom Fraunhofer ISE für das ZDF berechnet: 2024 zahlten Industriekunden an der Börse unter acht Cent pro Kilowattstunde. Ohne Erneuerbare wäre es fast ein Fünftel teurer gewesen. Und das galt ohne akute Öl- oder Gaskrise.