Unsichtbarer Angriff: Wie Russlands Störsignale Europa bedrohen
Die Navigation im Ostseeraum wird immer schwieriger. Seit drei Jahren stört Russland GPS-Signale und somit den Flugverkehr. Interaktive Karten zeigen, wo die Satellitennavigation nicht mehr funktioniert.
Wenn bei Piloten wie Niklas Ahrens alles routiniert läuft, liefern die Instrumente im Cockpit präzise Daten, wo er ist und wie schnell er fliegt. Doch in den vergangenen Jahren fällt das GPS immer häufiger aus. Bei Flügen über der Ostsee oder dem Schwarzen Meer ertönt dann ein Warnsignal und auf der Navigationskarte verschwindet plötzlich die eigene Flugposition.
Und das ist ein großes Problem. Denn Satellitennavigation ist ein grundlegender Bestandteil der modernen Luftfahrt: Satelliten verraten Pilotinnen und Piloten, wo sie sind - und helfen, Kollisionen mit Bergen zu vermeiden. Doch seit fast drei Jahren stören GPS-Ausfälle über der Ostsee immer häufiger den Flugverkehr.
So wurde der Luftraum über der Ostsee und ihren Anrainern im Jahr 2025 in manchen Monaten bis zu 160-mal gestört. Das entspricht etwa fünf Vorfällen pro Tag. Oft sind mehrere Flugzeuge und Schiffe gleichzeitig betroffen, teils über Stunden hinweg. Die Zahlen erfassen allerdings nur das Jamming. Es gibt noch weitere Wege, GPS-Signale zu beeinflussen.
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Beim Jamming wird das Satellitensignal großflächig gestört. Vergleichbar ist das mit einem analogen Autoradio. Sobald ein anderer Radiosender auf der gleichen oder einer ähnlichen Frequenz sendet, hört man statt Musik Rauschen. Der Empfang wird schlechter, je näher man dem anderen Sender kommt.
Die GPS-Ortung wird ungenau und kann komplett ausfallen. Ein Verlust der Satellitennavigation kann zwar auch natürliche Ursachen haben. Aber nicht, wenn er so oft wie in der Ostsee auftritt. Eine NDR Analyse von Daten der Universität Stanford zeigt jetzt, wie weit die Störungen reichen.
Satellitennavigation über dem Baltikum teilweise unmöglich
In Teilen des Luftraums über Estland, Lettland und Litauen war in den letzten 12 Monaten bei den meisten Flügen die Satellitennavigation gestört. Besonders stark war der Effekt im Grenzbereich zu Russland, etwa bei Sankt Petersburg und der Exklave Kaliningrad. Und von den wenigen Flugzeugen, die von oder nach Russland geflogen sind, wurden fast alle gestört. Deshalb gehen westliche Regierungen und Experten davon aus, dass Russland die Satelliten stört.
Das GPS-Signal wird bei Flugzeugen schlechter, je näher Flugzeuge an die russische Grenze kommen. Polnische und US-amerikanische Forscher haben sogar bestimmt, wo in Kaliningrad ein Störsender stehen könnte. Solche Störsender können stationäre Antennen auf einer Militärbasis sein, wie in Kaliningrad. Es können aber auch Lkw mit Antennen ausgestattet werden.
Warum stört Russland den Flugverkehr?
Doch warum stört Russland die Satellitennavigation über seinem Luftraum und dem seiner Nachbarländer? "Russland setzt damit ein deutliches Zeichen, will uns bedrohen, will zeigen, was es kann, will uns unter Druck setzen", sagt CSU-Politiker Florian Hahn gegenüber dem NDR. Er ist Staatsminister im Auswärtigen Amt. Auch die frühere estnische Premierministerin und heutige EU-Außenbeauftragte, Kaja Kallas, geht dem NDR gegenüber davon aus, dass Russland "Chaos stiften und den europäischen Ländern alle möglichen Probleme bereiten" wolle.
Eine andere Erklärung liegt im möglichen militärischen Nutzen für Russland in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine. Denn ohne GPS-Signal ist es für Drohnen schwieriger, ihre Ziele zu finden. Den eigenen Luftraum zu stören, kann also auch der Abwehr ukrainischer Drohnen dienen. Laut dem Direktor des Royal Institute for Navigation Ramsey Faragher möchte Russland so etwa seine Ölexporte und Häfen in der Ostsee schützen.
Wie gefährlich sind die GPS-Ausfälle?
Der Ausfall des Satellitensignals im Flugzeug ist nicht sofort kritisch. Denn die Position eines Flugzeugs kann auch über andere Systeme bestimmt werden. Beispielsweise können Flugzeuge ihre eigene Bewegung messen und so berechnen, wie weit sie in welche Richtung geflogen sind.
Doch eine gestörte Satellitennavigation kann trotzdem problematisch werden. Laut dem Piloten Niklas Ahrens müssen in so einem Fall Funktionen im Flugzeug abgeschaltet werden, die etwa vor Kollisionen mit Bergen warnen. Denn sie funktionieren nur mit einem GPS-Signal, nicht mit den anderen Ortungssystemen. Für Piloten wie Ahrens, der in der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit aktiv ist, ist das bedenklich: Denn "wir nehmen uns das Sicherheitsnetz, welches uns unter Umständen geschützt hätte".
Was wird dagegen getan?
Aktuell wird in der Ostsee die Rückkehr zu den 1990er-Jahren geprobt: Es wird getestet, ob statt Satelliten in Zukunft Antennen an Land die Navigationssignale schicken können. Die sind weniger anfällig für Störsender. Ansonsten bleibt Flugzeugen und Piloten kurzfristig nur, achtsam zu sein und alternative Navigationsmöglichkeiten griffbereit zu haben. Immerhin werden die Piloten dafür geschult. Für sie ist es inzwischen - zumindest über der Ostsee - bittere Routine, ohne GPS zu fliegen.
Am Dienstag um 22:50 wird die ARD Story "Unsichtbarer Angriff - Wie Russlands Störsignale Europa bedrohen" von Lennart Banholzer und Simon Hoyme gesendet. Sie finden diese ebenfalls in der ARD Mediathek.