Reeder-Verband: "Gefahr durch falsche Signale in der Ostsee"
Der Verband Deutscher Reeder ist wegen häufiger Störungen der Schiffs-Navigationssysteme in der Ostsee alarmiert. Er spricht von Angriffen durch Russland auf das Automatische Identifikationssystem von Schiffen - und einer größeren Gefahr für Kollisionen.
Vor Finnland fährt ein Öltanker seltsame Halbkreise. Es ist dasselbe Schiff, das an anderer Stelle vom Bildschirm verschwindet und über Stunden kein Signal über seine Position sendet. Dem Verband Deutscher Reeder (VDR) mit Sitz in Hamburg bereiten Vorfälle wie diese Sorgen. Er beobachtet eine Zunahme von Störungen des Schiffs-Navigationssystem auf der Ostsee.
Das obligatorische Automatische Identifikationssystem von Schiffen (AIS) werde immer häufiger beeinträchtigt, erläutert Irina Haesler, die beim VDR zuständig ist für Maritime Sicherheitspolitik. In den vergangenen zwei Monaten habe es eine besonders hohe Zahl von Angriffen auf das System gegeben.
Angriffe durch "Jamming" oder "Spoofing"
Wenn Haesler von Angriffen spricht, sind damit bewusste Störungen oder Manipulationen des AIS gemeint. Dies kann auf verschiedene Art und Weise gestört werden. Für die Ostsee geht der Reeder-Verband vor allem von "Jamming" und "Spoofing" der Signale aus. Dabei werden entweder die Funksignale der Schiffe oder die Positionsdaten über Satellit überlagert oder verfälscht.
"Beim 'Jamming' kommt es meist zu einem Totalausfall des Signals, die Crew bekommt dadurch einen Alarm", erklärt Haesler. Beim "Spoofing" würden dagegen die Daten verändert, was im System keinen Alarm auslöst. Nur durch einen Abgleich zwischen der im Navigationssystem angezeigten Position und markanten Orten auf See würde die Besatzung herausfinden, dass es eine Manipulation der Daten gibt. Dies falle etwa auf, "wenn sie eine Position haben, die Ihnen die Nähe zur Küstenlinie anzeigt, sie aber rausschauen und sehen: Ich bin gar nicht in der Nähe der Küste."
AIS wird häufig von Schattenflotte abgeschaltet
Das Schiff, das mal Halbkreise fährt und mal verschwindet, gehört zu Russlands Schattenflotte. Die Hintergründe für die Signalstörungen des Öltankers sind unklar. Neben dem Reeder-Verband hat auch der NDR mit WDR, "Süddeutscher Zeitung" und internationalen Partnern Daten zu Schiffssignalen ausgewertet.
Hier zeigt sich, dass weltweit doppelt so häufig Schiffe von Putins Geisterflotte Lücken bei der Übertragung von Schiffs-Positionsdaten haben. Diese Lücken können durch das händische Abschalten des Automatischen Identifikationssystems erfolgen. Ein Grund können auch technische Defekte bei den oftmals sehr alten Schiffen sein. Besonders in der Ostsee ist es allerdings oft "Jamming" und "Spoofing", sind sich Experten einig.
Zu Putins Geisterflotte zählen Experten fast 1.400 Schiffe mit einem Bezug zu Russland, darunter Öl- und Gastanker, die zur Umgehung von Sanktionen eingesetzt werden, zudem Frachtschiffe, die von Russland genutzt werden um Güter - einschließlich Waffen - zu transportieren, sowie sanktionierte Schiffe, die russischen Unternehmen gehören.
Kollisionsrisiko steigt durch AIS-Ausfall
Durch diese Angriffe auf das Ortungssystem sieht der Reederverband ein erhöhtes Risiko für Kollisionen. Zwar gebe es noch Radar und die Crews seien ausgebildet, auch ohne digitale Navigationssysteme zu fahren. Wenn jedoch andere Schiffe nicht auf dem Bildschirm auftauchen oder das eigene Schiff eine falsche Position anzeige, sei dies eine erhebliche zusätzliche Herausforderung für die Crew.
Angriffe sollen Unsicherheit erzeugen
In der Ostsee sieht der Reederverband Russland als Verursacher der Störungen durch "Jamming" und "Spoofing". Haesler geht davon aus, "dass diese Angriffe in erster Linie dazu dienen, insgesamt Verunsicherung zu erzeugen und in einem zweiten Schritt die Lieferketten zu stören". Dazu werde es nicht kommen, ist sie überzeugt. Aber sie wünscht sich von der Politik mehr Aufmerksamkeit für das Thema und eine stärkere Einbindung der Handelsschifffahrt, um Lösungen zu finden.
Die Deutsche Marine bewertet die zunehmenden Störungen von GPS- und AIS-Signalen als ernsthafte Herausforderung für die Handelsschifffahrt und als Risiko für die sichere Navigation. Zu den mutmaßlichen Ursachen der Ausfälle bei russisch kontrollierten Schiffen äußert sie sich aus operativen Gründen nicht. "Sie können davon ausgehen, dass wir ein dezidiertes Lagebild führen und uns eng mit Partnern und Verbündeten abstimmen", heißt es aus der Marine.