Warum das Auto für viele unverzichtbar bleibt
In vielen ländlichen Gegenden Norddeutschlands kann die Fahrt mit Fahrrad oder Nahverkehr zum Supermarkt, zur Apotheke oder in ein Restaurant mehr als eine halbe Stunde dauern. Viele Menschen nutzen deshalb ein Auto, das die Fahrtwege deutlich verkürzt.
Lena Bode* lebt in einem kleinen Dorf bei Ueckermünde in Mecklenburg-Vorpommern. Die Gegend ist ländlich geprägt, die nächste Stadt 16 Kilometer entfernt. Der öffentliche Nahverkehr besteht aus dem Schul- und einem Rufbus. Für viele Strecken reiche das nicht aus. "Man kann ohne Auto nicht einkaufen", sagt Bode. Selbst mit Auto dauere die Fahrt zum Supermarkt 15 Minuten.
So wie Bode geht es vielen Menschen in Norddeutschland: Abseits der Städte dauern die Fahrtwege mit dem Fahrrad oder dem Nahverkehr oft sehr lange. In einer Auswertung mit dem NDR-Datenteam hat das Baden-Württemberg Institut für Nachhaltige Mobilität (BWIM) Fahrzeiten für fünf Aktivitäten in ganz Norddeutschland berechnet: für Fahrten zum Supermarkt, zur Apotheke, zum Kindergarten, in ein Restaurant und ins Kino. Die Daten zeigen, was viele täglich erleben: Mit dem Auto sinken die Fahrzeiten drastisch.
"Um auf dem Land mobil zu sein, ist es schwierig, auf das Auto zu verzichten, weil es keine Alternativen gibt", sagt Marc Le Large vom BWIM, der die Daten ausgewertet hat. Dabei spiele die Bevölkerungsstruktur eine große Rolle: Im dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern sind die Wege zwischen den Ortschaften oder in die nächste Stadt deutlich weiter als beispielsweise in Niedersachsen und die Fahrzeiten dementsprechend länger.
Eine Stunde zum Supermarkt radeln
Das zeigt sich auch eindrücklich in den Daten: In Niedersachsen kann fast überall ein Supermarkt mit dem Fahrrad und dem Nahverkehr in weniger als 30 Minuten erreicht werden, in Mecklenburg-Vorpommern dauert die Fahrt in der Hälfte der Gemeinden bis zu 45 Minuten.
In dem Dorf Iven hält nur der Schulbus. Mit dem Fahrrad in eine der umliegenden Städte zu fahren, dauert eine Stunde - mit dem Auto reduziert sich die Fahrzeit auf 24 Minuten.
Im Mittelfeld liegt Schleswig-Holstein, wo die Fahrt zum Supermarkt mit Rad oder Bus nur in etwa einem Drittel der Gemeinden länger als 30 Minuten dauert.
Auch Kindergärten und Restaurants sind in Niedersachsen und Schleswig-Holstein in der Regel ohne Auto innerhalb von einer halben Stunde erreichbar. In Mecklenburg-Vorpommern dauert die Fahrt etwa in einem Fünftel der Gemeinden länger. Aus dem Ort Kublank dauert die Radtour zu den nächsten Kindergärten sogar über eine Stunde. Ein Bus fährt nur mittags und nur wenn der Bedarf am Vortag angemeldet wurde. Mit dem Auto ist man dagegen in 28 Minuten am Ziel.
60 Prozent nutzen hauptsächlich das Auto
In der aktuellen Umfrage von #NDRfragt zum Thema "Mobilität: Frust oder Fortschritt" gaben drei von fünf Menschen auf dem Land an, das Auto als Hauptverkehrsmittel zu nutzen. So auch Umfrage-Teilnehmerin Antje Seeba aus Roggenstede in Niedersachsen. Die Kinder zur Schule bringen, arbeiten und einkaufen sei mit dem Fahrrad oder dem Nahverkehr nicht möglich, denn die Aktivitäten verteilen sich auf mehrere Orte, liegen teilweise in verschiedenen Himmelsrichtungen. "Ich wäre wahrscheinlich sehr lange unterwegs", so Seeba.
Beim Kinobesuch werden die Stadt-Land-Unterschiede im ganzen Norden deutlich sichtbar. Innerhalb der Städte ist ein Kino oft in einer Viertelstunde erreichbar, aber aus vielen ländlichen Gegenden müssen Menschen mit Fahrrad oder Nahverkehr bis zu zwei Stunden fahren. Ein Lichtblick immerhin: Ausgerechnet die Inseln im Norden – oft eher schlecht angebunden – haben in der Regel ein Kino, das fußläufig erreichbar ist.
Ist das Fahrrad die bessere Lösung?
"In der klassischen Verkehrsplanung geht es immer darum, wie kriege ich die Leute in die Stadt", sagt Marc Le Large vom BWIM. "Aber ich finde eigentlich viel spannender, wie bringen wir die Aktivitäten aufs Land?" Die Lösung vermutet er an einer überraschenden Stelle. Nicht unbedingt der Nahverkehr müsse verbessert werden, sondern die Fahrradinfrastruktur: "Spätestens, wenn man ein E-Bike zur Verfügung hat, wird die Mobilität besser als es der Nahverkehr sein könnte", so Le Large.
*Name wurde geändert (Anm. d. Red.)