Leere Bushaltestelle auf dem Land.
AUDIO: #NDRfragt: Wie blickt der Norden auf das Thema Mobilität? (4 Min)

Mobilität: Mehrheit sieht beim Nahverkehr größte Stellschraube

Stand: 17.10.2025 18:00 Uhr

Für die meisten Befragten ist der öffentliche Nahverkehr entscheidend für die Mobilitätswende - das zeigt eine aktuelle #NDRfragt-Umfrage. Eine klare Mehrheit würde Busse und Bahnen häufiger nutzen, wenn sie zuverlässiger wären.

von Sandra Aïd

Bis 2045 soll Deutschland nach den im Bundes-Klimaschutzgesetz festgelegten Zielen klimaneutral sein. Doch noch entfallen rund ein Fünftel der Treibhausgasemissionen auf den Verkehr. Wie weit sind wir im Norden bei der Wende hin zu einer umweltfreundlicheren Mobilität gekommen? Wo gibt es Fortschritte, wo Nachholbedarf? Die aktuelle #NDRfragt-Umfrage "Mobilität: Frust oder Fortschritt?" gibt Antworten darauf. An der nicht-repräsentativen, aber gewichteten Umfrage haben 26.549 Norddeutsche teilgenommen.

Demnach teilt die Frage, ob es bei der Mobilität in den vergangenen fünf Jahren eher Fortschritte oder Rückschritte gab, die Befragten in zwei gleich große Lager. 48 Prozent sehen auf jeden Fall oder eher Fortschritte, 47 Prozent auf jeden Fall oder eher Rückschritte. Dabei fällt auf, dass die Befragten aus der Stadt etwas häufiger Fortschritte wahrnehmen als diejenigen, die auf dem Land leben.

Öffentlicher Personenverkehr ist für Mehrheit größte Baustelle

Mit Abstand als größte Verbesserung in den vergangenen fünf Jahren werten die Befragten - ob Städter oder Landbewohner - das Deutschlandticket und die günstigeren Ticketangebote (51%). Arne aus Schleswig-Holstein drückt seine Begeisterung so aus: "Wegen des Deutschland-Tickets konnte ich mein Fahrzeug aufgeben und bin trotzdem deutlich mehr unterwegs, und zwar mit dem öffentlichen Nahverkehr." Für den 61-Jährigen sei dies "eine ganz neue Freiheit", die er sehr genieße. Den zweitgrößten Sprung schreiben die Umfrageteilnehmer der Digitalisierung zu (28%). Knapp dahinter folgt der Ausbau der E-Ladestationen (26%).

Und wo hakt es am meisten? Der Umfrage nach ist der öffentliche Personenverkehr im Norden die größte Baustelle bei der Mobilität. Während die Befragten vom Land den öffentlichen Nahverkehr als größtes Problem ansehen, führt für die Städter der Fernverkehr die Liste der Rückschritte an. Antje (48) aus Mecklenburg-Vorpommern bringt es so auf den Punkt: "Kein, aber auch wirklich kein öffentlicher Nahverkehr auf dem Land. Das heißt kein Bus. Nur Auto. Meine Nachbarin ist 87 und 'fährt' daher immer noch mit ihrem Auto." Auch beim Straßenzustand sehen die Teilnehmer - unabhängig von ihrem Wohnort - dringenden Handlungsbedarf. So etwa Manfred aus Niedersachsen: "Die Straßen- und Schieneninfrastruktur ist in einem desolaten Zustand und die geplanten und bereits eingeleiteten Maßnahmen reichen nicht aus, um diesen Zustand zu beseitigen", klagt der 68-Jährige.

Mehrheit auf dem Land ist mit Nahverkehr unzufrieden

Der ÖPNV-Betrieb bundesweit kostet einer Untersuchung der DB zufolge jährlich 25 Milliarden Euro. Finanziert wird er etwa je zur Hälfte aus den Fahrgasteinnahmen und aus Mitteln des Bundes. Doch wie zufrieden sind die Menschen im Norden mit ihren öffentlichen Verkehrsmitteln vor Ort? Die Ergebnisse offenbaren große Unterschiede zwischen befragten Städtern und Landbewohnern. Während die meistvergebene Schulnote in der Stadt eine Zwei ist (gut), vergeben Landbewohner am häufigsten eine Fünf (mangelhaft). Auch bei der Anbindung gehen die Bewertungen weit auseinander: 80 Prozent der befragten Städter zeigen sich zufrieden, auf dem Land fühlt sich rund die Hälfte eher oder sehr schlecht angebunden.

Dennoch weist der Vergleich zu einer #NDRfragt-Umfrage von 2023 auf eine leicht positive Tendenz auf dem Land hin. Während vor zwei Jahren fast zwei Drittel der befragten Landbewohner sich schlecht angebunden fühlten, ist es jetzt die Hälfte. Und: 2023 vergab nur jeder sechste Befragte auf dem Land den öffentlichen Verkehrsmitteln vor Ort die Note "sehr gut" oder "gut" (14%), jetzt ist es immerhin mehr als jeder fünfte (22%).

Zwei Drittel würden bei mehr Zuverlässigkeit ÖPNV öfter nutzen

Was sollte sich aber nun im ÖPNV am dringendsten ändern? Auf dem Land wünschen sich die Befragten am meisten, dass Busse und Bahnen häufiger fahren, so etwa Claudia (57) aus Mecklenburg-Vorpommern: "Wir haben hier auf dem Dorf immer noch nur einen Bus, der täglich fährt. Morgens. Zu Schulzeiten. So wird die Wende nie gelingen!" In der Stadt liegt dagegen die Priorität bei günstigeren Tickets. Einig sind sich allerdings Städter und Landbewohner darin, dass es bei der Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit des Nahverkehrs großen Handlungsbedarf gibt. Dieser Punkt wird unabhängig vom Wohnort am zweithäufigsten genannt. Für Ralph aus Hamburg etwa müsse "der öffentliche Nahverkehr zuverlässig und schnell bei hoher Frequenz zur Verfügung stehen", fordert der 56-Jährige. "Wenn ich planbar zwei- bis dreimal die Stunde ein Angebot habe, das in annähernd ähnlicher Zeit im Vergleich zum Auto mein Ziel erreicht, wäre der ÖPNV klar attraktiver."

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So wie Ralph denkt eine große Mehrheit. Rund zwei Drittel der Befragten würden öfter vor Ort Bus und Bahn fahren, wenn die Verbindungen zuverlässiger wären. Ähnlich sieht es beim Faktor Fahrtdauer aus. Auch günstigere Fahrkarten würden eine Mehrheit motivieren, öfter das Auto zugunsten des Nahverkehrs stehen zu lassen. 59 Prozent der Städter und 54 Prozent der Landbewohner geben dies an.

Auto ist für die Hälfte der Befragten das Hauptverkehrsmittel

Dass der Nahverkehr das Auto ersetzt - dieses Ziel bleibt nach den Ergebnissen zwar in weiter Ferne. Mit 80 Prozent der Befragten auf dem Land und 68 Prozent aus der Stadt sind dafür zu viele der Meinung, dass der ÖPNV das private Auto nicht ersetzen kann. Doch ein breites und zuverlässiges Bus- und Bahnangebot vor Ort könnte dazu führen, dass weniger Menschen im Norden das Auto am häufigsten nutzen. Bei drei von fünf teilnehmenden Landbewohnern ist dies der Fall, unter den Städtern sind es aber auch immerhin noch zwei von fünf. Warum das Auto auf dem Land so unverzichtbar ist, zeigt eine aktuelle NDR Datenanalyse.

Am Umweltbewusstsein liegt es bei den meisten nicht. Das zeigen die Ergebnisse klar. Denn 60 Prozent der Befragten befürworten Maßnahmen, die den Verkehr in Städten verringern und die Luftqualität verbessern sollen, etwa Umweltzonen, Tempo-30-Zonen oder sogenannte "City-Mauten", Gebühren für das Autofahren in Stadtzentren. Letztere werden etwa in Stockholm, London oder Mailand bereits erhoben. Nur ein gutes Drittel (36%) spricht sich dagegen aus.

Eine knappe Mehrheit würde wegen der Kosten kein E-Auto kaufen

Eine weitere Säule der Verkehrswende, die E-Mobilität, entzweit dagegen die #NDRfragt-Teilnehmer. Die Befragten, die sich beim nächsten Fahrzeug gegen eines mit Elektroantrieb entscheiden würden, sind hier nur leicht in der Mehrheit. 48 Prozent sagen "nein" zu einem E-Fahrzeug, 44 Prozent "ja". Zum Vergleich: Bei einer #NDRfragt-Umfrage von 2023 gaben noch deutlich mehr Teilnehmer an, dass sie sich gegen ein E-Auto entscheiden würden. Offensichtlich wächst also das Interesse an E-Autos.

Hauptgrund gegen ein Elektrofahrzeug ist bei der aktuellen Umfrage der hohe Anschaffungspreis (63%). Diejenigen, die sich auf jeden Fall oder eher für ein E-Auto entscheiden würden, begründen dies am häufigsten mit der Umwelt (72%). Dass die Bundesregierung die Kfz-Steuerbefreiung für E-Autos bis 2035 verlängern will, hält etwas mehr als die Hälfte der teilnehmenden Norddeutschen für sinnvoll (55%), etwa zwei von fünf für nicht sinnvoll. Nach der geplanten Gesetzesänderung würden E-Autos, die Ende 2030 erstmalig zugelassen sind, von der Kfz-Steuer weiter befreit. Andernfalls würde die Steuerbefreiung für neu zugelassene E-Autos ab Januar 2026 nicht mehr gelten.

Eine Kreuzung in der Hamburger Hafencity mit Radfahrern und, Fußgängern und Bussen.

NDR Info hat am Freitag vom Hauptbahnhof Hannover gesendet. Alles drehte sich um das Thema Verkehr auf dem Land und in der Stadt.

Wie die Mobilitätswende gelingen kann

Dass die schwarz-rote Bundesregierung bis Ende ihrer Amtszeit 2029 die Infrastruktur mit 166 Milliarden Euro modernisieren will, dürfte die große Mehrheit der Befragten erfreuen. Vier von fünf Teilnehmern befürworten nämlich mehr Investitionen des Staates in umweltfreundliche Verkehrsmittel. Knapp zwei Drittel sind auch dafür, dass Bund und Länder mehr Geld für die Modernisierung des Straßennetzes bereitstellen.

Wie genau das Geld eingesetzt werden sollte, um die Verkehrswende voranzubringen: Darüber gibt es viele Ideen. Nadine (40) aus Schleswig-Holstein schreibt: "Es gibt Rufbusse, die besser genutzt werden könnten und auch der Ausbau des Haltestellennetzes ist ein wichtiger Baustein". Oliver (36) aus Niedersachsen plädiert dagegen für mehr Schienenausbau und führt gleich noch weitere Punkte an: "Mehr Gehalt für das Personal des ÖPNV, bessere Arbeitsbedingungen, Tempo-Limit 130 auf Autobahnen und mehr 30er-Zonen in den Innenstädten". Jutta (66) aus Hamburg fordert, die Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge massiv auszubauen und den Ladestrompreis zu deckeln. Für Moiken aus Schleswig-Holstein liegt die Lösung dagegen im Inneren: "Vor allem müsste aber die gesellschaftliche Mentalität weg von diesem deutschen Gefühl, sich über das Auto definieren oder nur dadurch Freiheit zu empfinden", schreibt die 37-Jährige.

In der Umfrage haben Sie uns Ihre Meinung zur Mobilität gesagt - vielen Dank dafür! In dieser Anwendung bereiten wir einige Ihrer Zitate für Sie auf. Um den ganzen Beitrag zu sehen, tippen Sie auf die jeweilige Kachel. Sie können auswählen, ob Sie alle Zitate sehen wollen oder nur die Fort- oder Rückschritte.

Mitarbeit
Umfrageerstellung: Sandra Aïd, Dominika Jaschek
Datenanalyse: Lisa Richter

Über diese Befragung

Die Antworten stammen aus der Umfrage "Mobilität - Frust oder Fortschritt?", an der sich 26.549 Menschen aus Norddeutschland beteiligt haben. Die Einteilung in "Stadt" und "Land" beruht auf der Selbsteinschätzung der Teilnehmenden. Insgesamt gaben 14.554 Personen aus ländlichen Regionen und 11.971 aus Städten ihre Antworten. Abweichungen zur Gesamtteilnehmerzahl ergeben sich aus der Antwortoption "kein Angabe".

Für die Ergebnisse wurden Antworten ausgewertet, die von 8. bis 13. Oktober 2025 bis 6 Uhr abgegeben wurden. Unsere Analyse konzentriert sich auf das norddeutsche Stimmbild und wertet gezielt die Antworten aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen aus. Die Umfragen werden online ausgefüllt.

Die Ergebnisse der Befragung sind nicht repräsentativ. Wir haben sie allerdings nach den statistischen Merkmalen Alter, Geschlecht, Bundesland, Schulabschluss und Familienstand gewichtet. Das heißt: Antworten von Bevölkerungsgruppen, die unter den Befragten seltener vertreten sind als in der norddeutschen Bevölkerung, fließen stärker gewichtet in die Umfrage-Ergebnisse ein. Und die Antworten von in der Befragung überrepräsentierten Gruppen werden schwächer gewichtet. Insgesamt verteilen sich die Antworten dann am Ende eher so, wie es der tatsächlichen Verteilung der Bevölkerungsgruppen in Norddeutschland entspricht.

Abweichungen von 100 Prozentpunkten in Grafiken sind rundungsbedingt oder ergeben sich aus der Antwortoption "keine Angabe" oder "weiß nicht".

Wachsende #NDRfragt-Community: Zehntausende Norddeutsche machen mit

#NDRfragt ist das Meinungsbarometer für den Norden. Mittlerweile haben sich mehr als 60.000 Menschen für die Community angemeldet. Wer noch nicht dabei ist, aber mitmachen will, kann sich hier ab 16 Jahren registrieren und wird zu den Umfragen per E-Mail eingeladen.

Das Logo von #NDRfragt

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Moderatorin Susanne Stichler und Moderator Stefan Schlag stehen im mobilen Studio am Hauptbahnhof Hannover.

NDR Info war am Hauptbahnhof Hannover - und hat von dort live für Radio und TV gesendet. Thema war die Mobilität auf dem Land und in der Stadt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 17.10.2025 | 10:07 Uhr

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