Hohe Benzinpreise: Elektroautos fahren meist billiger
Gestiegene Spritpreise und günstigere Elektroauto-Modelle wie der am Mittwoch vorgestellte VW ID. Polo: Lohnt jetzt der Umstieg von Verbrenner auf E-Auto? NDR Data vergleicht die Kosten für Strom und Benzin.
An der Tankstelle müssen Fahrer von Verbrenner-Autos seit Anfang März damit klarkommen, dass beim Preis an der Zapfsäule eine Zwei vorne steht. Denn kurz nach Beginn des Krieges im Iran ist durch den nach oben geschossenen Ölpreis nicht nur der Preis für Benzin auf mehr als zwei Euro pro Liter gestiegen, sondern auch für Diesel - zwischenzeitlich sogar bis auf 2,45 Euro.
Wer ein Elektroauto fährt, kann hingegen relativ ruhig bleiben, denn der Strompreis hat sich in den vergangenen Wochen nur wenig verändert. "Die hohen Benzin- und Dieselpreise an der Tankstelle interessieren mich nicht", sagt #NDRfragt-Teilnehmerin Nina aus Hamburg, die schon seit acht Jahren ein E-Auto fährt. "Ich denke sogar, ein bisschen Druck aufs System ist ganz gut", sagt die 45-Jährige. Denn sie hofft, dass es durch die hohen Spritpreise vorangeht mit der Energiewende. Den kürzlich beschlossenen Tankrabatt im Mai und Juni hält sie deshalb nicht für sinnvoll.
Elektroauto zu Hause laden spart Geld
Wer wie Nina das Glück hat, sein Elektroauto zu Hause laden zu können, der fuhr auch schon vor Beginn des Iran-Krieges deutlich günstiger als mit einem Verbrenner. Durch den Preisanstieg bei Benzin und Diesel in den vergangenen zwei Monaten ist der Vorteil von E-Autos bei den Verbrauchskosten nun noch größer geworden.
Ein Elektroauto der unteren Mittelklasse kann aktuell für das gleiche Geld mehr als zweieinhalb mal so weit fahren wie ein Verbrenner ähnlicher Größe, wenn das E-Auto zu Hause zum günstigsten Stromtarif für Neukunden geladen wird. So kommt zum Beispiel ein VW ID.3 aus dem Jahr 2020 mit 100 Euro Stromkosten 2.064 Kilometer weit. Tankt ein laut ADAC vergleichbarer VW Golf hingegen für 100 Euro Benzin, kommt er damit nur 781 Kilometer weit.
Nur bei teuren Ladesäulen kostet die Fahrt im E-Auto mehr
Muss das Elektroauto an Ladesäulen mit Strom versorgt werden, dann fällt die Strecke, die für 100 Euro zurückgelegt werden kann, natürlich geringer aus: Zum Beispiel 1.057 Kilometer, wenn für 49 Cent pro Kilowattstunde geladen wird. Ist nur eine sehr teure Ladesäule mit 89 Cent pro Kilowattstunde verfügbar, dann kommt man für 100 Euro sogar nur 582 Kilometer weit, also weniger weit als mit einem vergleichbaren Benziner. Teurer ist das E-Auto jedoch nur, wenn der Ladepreis 66 Cent pro Kilowattstunde übersteigt.
Wer ein Elektroauto fährt, kann mithilfe von Lade-Apps suchen, ob es in der Umgebung günstigere Ladesäulen gibt, die frei sind. Aber Verbraucherschützer und ADAC kritisieren dennoch, dass es für das Ad-hoc-Laden an Ladesäulen bisher noch keine deutschlandweite Preisübersicht gibt.
Ölpreis-Schock durch Iran-Krieg: Benzin fast 20 Prozent teurer
Auf 100 Kilometer gerechnet bedeutet die aktuelle Preisentwicklung: Das Benzin für den VW Golf kostet mittlerweile 12,81 Euro - der Strom für den ID.3 hingegen nur 4,84 Euro, wenn er zum günstigsten Tarif für Neukunden zu Hause geladen wird. In den vergangenen zwei Monaten sind die Verbrauchskosten beim Verbrenner um 19 Prozent angestiegen, beim E-Auto hingegen um 1,6 Prozent gesunken.
Expertin: Strompreis reagiert weniger auf Krisen
Gegenüber dem Preisniveau am Ende des vergangenen Jahres ist Benzin sogar um 27 Prozent teurer geworden, Diesel um 37 Prozent. Eine solche Reaktion der Spritpreise lasse sich nicht nur im Falle des Iran-Kriegs beobachten, sondern bei den meisten geopolitischen Krisen, sagt Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung: "Die Ölpreise reagieren unmittelbar und steigen sehr schnell an. Strom ist hingegen sehr viel krisenstabiler." Der Grund sei, dass Strom fast komplett bei uns in Deutschland produziert werde und zum Großteil aus erneuerbaren Energien stamme.
Auch die Preise an der Strombörse zeigen sich wenig beeinflusst vom Krieg im Iran, sondern schwanken eher - je nach Tageszeit und Verfügbarkeit von Solar- und Windstrom.
Mittelfristig sind laut Claudia Kemfert durch einen Anstieg bei den Gaspreisen zwar auch moderat höhere Strompreise möglich. Doch die langfristige Perspektive ist für die Professorin für Energiewirtschaft an der Leuphana Universität Lüneburg eindeutig: "Die Schere wird sich auseinander bewegen: Strom ist der günstigere Energieträger und bleibt stabiler im Preis. Der Preis für fossile Energien wird hingegen weiterhin volatiler sein und immer weiter steigen - auch durch die CO2-Preise."
Eigene Stromerzeugung macht E-Autos noch rentabler
Für #NDRfragt-Teilnehmer Heiko (56) aus dem Kreis Northeim in Niedersachsen steht deshalb jetzt schon fest: Wenn das Benzin-Auto, das er derzeit noch mit seiner sechsköpfigen Familie nutzt, den Geist aufgibt, dann wird er es auf jeden Fall durch ein E-Auto ersetzen. Denn bei seinem Zweitwagen hat er schon 14 Jahren lang gute Erfahrungen mit drei verschiedenen Elektroautos gemacht. Seine Verbrauchskosten sind ganz besonders gering, da er das E-Auto fast ausschließlich zu Hause mit Strom aus seinem eigenen Blockheizkraftwerk auflädt.
Auch #NDRfragt-Teilnehmerin Nina aus Hamburg konnte die Stromkosten für ihr Elektroauto vor zwei Jahren deutlich senken - durch eine Solaranlage auf ihrem Häuschen. Dort lädt sie ihr E-Auto in der Regel dann, wenn viel Strom aus Sonne zur Verfügung steht. Doch auch wenn sie mal schnell über Nacht zu ihrem normalen Tarif für Haushaltsstrom laden muss, sei ihr Elektroauto günstiger im Verbrauch als ein Verbrenner, so dass sich der höhere Anschaffungspreis gelohnt habe.
Deutlich mehr Elektroautos zugelassen im März
Wenn Nina sich die Autos auf der Straße anguckt, dann meint sie, eine Veränderung wahrnehmen zu können: "Gefühlt sehe ich mehr E-Autos seit Anfang des Jahres." Auch Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes bestätigen, dass ein Elektroauto für immer mehr Menschen zu einer realistischen Option wird: Die Neuzulassungen von E-Autos sind in den vergangenen Monaten deutlich angestiegen - von weniger als 43.000 im Januar auf mehr als 70.000 im März. Der Anteil von Elektroautos am gesamten Bestand lag zum Jahreswechsel allerdings erst bei etwas mehr als vier Prozent. In Dänemark sind es hingegen schon 20 Prozent - damit sind dort sogar schon mehr E-Autos zugelassen als Diesel-Pkw.