Hamburger Getränke-Produzent: Gleicher Lohn für alle
Vom Berufseinsteiger bis zum Chef: Der Hamburger Getränkehersteller Premium zahlt allen Mitarbeitenden das gleiche Grundgehalt: 21,50 Euro brutto pro Stunde. Der Chef ist sicher: Das Modell funktioniert, auch wenn es schon Probleme gab. Er hofft auf Nachahmer.
Cola, Bier und Limonade gehören zur Produktpalette von Premium. Der Hamburger Getränkehersteller ist seit fast 25 Jahren am Markt. Rund 800.000 Flaschen verkauft das Team im Jahr. "Wir sind im Vergleich zu anderen also sehr klein", räumt Gründer Uwe Lübbermann ein. Das sei aber kein Problem, schiebt er schnell hinterher. "Hauptsache wir sind groß genug, um alle zu bezahlen." Denn bei Premium geht es nicht um Gewinne. Es reicht die schwarze Null. Die Devise von Lübbermann: "Es geht uns darum, eine andere Art des Wirtschaftens zu erproben und vorzuleben."
Kein Büro und keine festen Arbeitszeiten
Dass hier einiges anders läuft als in anderen Betrieben, wird schnell klar: Bei Premium gibt es kein Büro und keine festen Arbeitszeiten. Die etwa 20 Mitarbeitenden arbeiten, wo und wann sie wollen. Sie bezeichnen sich selbst als Kollektiv. Vom Design für das Flaschenetikett bis hin zu Betriebsabläufen - alle Entscheidungen werden hier gemeinsam und einstimmig getroffen. Lübbermann nennt das eine "radikale Demokratieform".
Dazu zählt auch die Lohngestaltung. Egal, welche Erfahrung oder Ausbildung jemand mitbringt, alle bekommen den gleichen Grundstundenlohn von 21,50 Euro brutto pro Stunde. "Ich gehe pauschal davon aus: Alle Menschen haben die gleiche Menschenwürde. Daraus leitet sich für mich ab, dass ich nicht alle Gewinne abschöpfen darf, nur weil mir das Unternehmen gehört." Deshalb müsse es ein gemeinsames Verdienen geben - und es solle keine Gehaltsunterschiede geben, so der Hamburger.
Zuschläge sollen für Gerechtigkeit sorgen
Gleichzeitig will er berücksichtigen, dass seine Mitarbeitenden individuelle Bedürfnisse haben. "Jemand, der vier Kinder hat, braucht mehr Geld als jemand, der keine Kinder hat. Das ist doch logisch", sagt Lübbermann überzeugt. "Das heißt, wir haben den gleichen Stundensatz mit Zuschlägen je nach Kinderzahl, nach zu pflegenden Angehörigen, nach Behinderung und für den Homeoffice-Platz." Dadurch gibt es bei Premium Mitarbeitende, die mehr verdienen als der Chef: "Das ist vollkommen in Ordnung, weil sie mehr brauchen."
"Ich freue mich einfach jeden Tag über diesen Job"
Eine, die bei Premium solche Zuschläge erhält, ist Stefanie Mölle-Schröppel. Die 46-Jährige ist Mutter von vier Kindern und arbeitet seit gut zwei Jahren für den Hamburger Getränkehersteller. "Ich freue mich einfach jeden Tag über diesen Job", erzählt sie mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Sie sei ein bisschen das "Mädchen für alles" im Betrieb, sagt sie. So kümmert sie sich beispielsweise um die Kundenbestellungen und die Buchhaltung - und zwar im Homeoffice im bayerischen Nördlingen.
Jahrzehntelange Erfahrung in der Branche kann sie vorweisen. In einem anderen Betrieb würde sie vermutlich mehr verdienen. "Diese Chance, so arbeiten zu können, wann, wie und wo ich möchte, die bekommt man nicht oft im Leben. Diese Flexibilität ist mir einfach sehr viel wert." Und dank der Zuschläge kommt sie mit dem Lohn auch hin, sagt Mölle-Schröppel.
"Kein Modell ist frei von Problemen"
Dass Premium bald sein 25-jähriges Jubiläum feiert, ist für Uwe Lübbermann ein Beweis dafür, dass das Modell funktioniert. Gleichzeitig räumt er aber auch ein: "Kein Modell ist frei von Problemen und natürlich hatten wir auch welche." So kann bei Premium niemand mehr Geld verdienen, weil er oder sie eine neue Aufgabe übernimmt. "Das nimmt manchen die Motivation, sich schwierigen Aufgaben anzunehmen."
Problematisch wurde es bei Premium auch in der Pandemie. Der Betrieb bekam damals Corona-Hilfen, berichtet Lübbermann. "Staatshilfen haben für manche offenbar einen anderen Aufkleber als das von uns erwirtschaftete Geld. Das hat Gier und sehr schlechte Verhaltensweisen geweckt." Plötzlich war der Premium-Gründer mit Problemen wie etwa gefälschten Abrechnungen konfrontiert. "Wir hatten intern große Schmerzen und mussten auch zwei Leute verklagen." Für so einen Fall war Lübbermann nicht vorbereitet: "In unserem Modell gab es da einfach keine Schutzmaßnahmen."
"Ich lass' mir nicht von so ein paar gierigen Menschen die Grundidee zerstören"
Deswegen werden jetzt einige Dinge bei Premium verändert. Bisher gab es keine Probezeit, Arbeitszeiterfassung oder Überprüfungen beim Einstellungsverfahren. Uwe Lübbermann setzt lieber auf eine Art Vertrauensbasis. "Wir müssen da auf jeden Fall nachjustieren, weil wir sonst Gefahr laufen, uns da wieder ein paar schwierige Personen einzufangen." Trotzdem würde er nicht von Scheitern sprechen. "Wir machen jetzt ja nur einen Schritt zurück und nicht zehn."
Damit geht er transparent um. Er gibt Interviews, hat ein Buch geschrieben, hält Vorträge und stellt seine Erfahrungen, die er mit Premium gemacht hat, für wissenschaftliche Arbeiten zur Verfügung. Sein Ziel: andere Menschen dazu zu bringen, über die bisherige Art des Wirtschaftens nachzudenken. Trotz der Rückschläge sagt er: "Ich lass' mir nicht von so ein paar gierigen Menschen die Grundidee der Gleichwertigkeit aller Menschen zerstören."