"Wir müssen selbst aktiv werden": Anne Rabe über den AfD-Sieg in MV
Die AfD hat die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern für sich entschieden. Die Schriftstellerin Anne Rabe, die gebürtig aus Wismar stammt, selbst SPD-Mitglied ist und sich unter anderem im PEN Berlin engagiert, ist erschüttert.
Im Interview spricht Rabe über Wut, Zerstörungslust und die Frage, was Demokratinnen und Demokraten jetzt tun müssen - und was von der Politik allein nicht mehr zu erwarten ist.
Frau Rabe, wie geht's Ihnen heute mit dem Wahlergebnis?
Anne Rabe: Ehrlich gesagt, bin ich immer noch ziemlich niedergeschlagen. Der Schock von gestern Abend hat sich noch nicht ganz gelegt. Ich bin ein bisschen erschüttert, wie das Land.
Was hat Sie an dem Wahlergebnis gestern Abend am meisten schockiert?
Rabe: Das, was schon in den letzten Wochen sichtbar wurde, was sich lange angedeutet hat, ist, dass wir uns in einer massiven innenpolitischen Krise befinden, wo keine der demokratischen Parteien bisher eine richtig gute Antwort darauf hat. Auch wenn Manuela Schwesig eine enorme Aufholjagd gelungen ist, gestaltet sich alles doch als schwierig.
Nichtsdestotrotz war dieses Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen AfD und SPD, welches die AfD für sich entschieden hat, abzusehen. Warum ist es trotzdem eine so große Überraschung?
Rabe: Ich weiß gar nicht, ob es wirklich so eine ganz große Überraschung ist. Ich glaube schon, dass das Herausfallen der CDU aus einem Landesparlament keinen Demokraten, keine Demokratin erfreuen kann, weil es ein Hinweis darauf ist, wie sehr an den Grundfesten unserer Republik gerüttelt wird. Es hat mich nicht wirklich überrascht, aber wenn es dann zur Realität wird, dann trifft es einen noch mal tiefer. Wenn ich sehe, dass es Orte gibt, bei denen 70, 78 Prozent AfD gewählt haben, dann trifft mich das doch.
Sie stammen aus Wismar und leben inzwischen in Berlin. Haben Sie schon was von Freundinnen und Freunden oder Familienmitgliedern gehört, die in Mecklenburg-Vorpommern leben?
Rabe: Nach der Wahl noch nicht, aber ich war in den letzten Wochen in Mecklenburg unterwegs und höre vor allen Dingen viel Sorge. Ich bin viel in der Zivilgesellschaft vernetzt, und da haben viele Menschen Angst vor dem, was jetzt passiert. Wir sehen in Mecklenburg einen ganz klaren Unterschied zwischen dem städtischen und dem ländlichen Raum. Wir haben eine klare Dominanz der AfD im ländlichen Raum, und dort haben viele Menschen Angst, wie sich die Stimmung weiterentwickelt.
Wie müsste Politik dieser Angst begegnen?
Rabe: Ich weiß gar nicht, ob die Politik dazu im Moment wirklich in der Lage ist. Es kommt jetzt vor allen Dingen darauf an, dass die Bürgerinnen, die Demokratinnen selbst aktiv werden, dass wir noch näher zusammenrücken, dass wir uns gegenseitig unterstützen, mit Geld, mit Expertise, dass Initiativen, insbesondere aus Westdeutschland, Initiativen im Osten unterstützen. Es geht oft gar nicht um richtig viel Geld, aber ein bisschen, um die Jahresmiete, um die Betriebskosten zu halten, sodass wir diese Orte sichern, an denen man sich ohne Angst begegnen und austauschen kann. Es ist jetzt ganz wichtig, dass die Demokratinnen und Demokraten begreifen, was die Stunde geschlagen hat.
Trotzdem ist interessant, dass die AfD wohl mehr als 60.000 Stimmen auf sich vereinen konnte von Menschen, die bis dato nicht gewählt haben in Mecklenburg-Vorpommern. Warum scheint die Antwort auf die Probleme für so viele in Ihrem Heimatbundesland die AfD zu sein?
Rabe: Es ist vielschichtig. Seit Jahren gelingt es der AfD so gut wie keiner anderen Partei, Nichtwähler zu mobilisieren. Das ist ein Trend, der sich schon lange abgezeichnet hat. Wir haben schon früher gesehen, was rechtsextreme Parteien klein gemacht hat: Wenn man, wie bei der NPD zum Beispiel, nicht mit der zusammengearbeitet hat, nicht auf sie zugegangen ist, dann sind die Wähler der NPD ganz oft ins Nichtwählerlager gerückt, weil sie frustriert waren, weil ihre Stimme nichts bewirken konnte.
Jetzt aber haben wir seit Jahren eine Entwicklung, was die AfD lange als Leitspruch hatte: AfD wirkt. Sie treibt die Parteien vor sich her, sie bringt alle in Not. Die Menschen haben das Gefühl, jetzt können sie richtig was reißen, richtig was verändern, das System kaputt machen. Das ist eine ganz große Motivation. Es ist auch erstaunlich, dass man mit so einem schwachen Spitzenkandidaten den Wahlsieg eingefahren hat. Da ist eine große Wut auf das System und eine große Zerstörungslust.
Das Gespräch führte Keno Bergholz.