Stadtführung mit Virtual-Reality-Brille macht Geschichte erlebbar
Geschichte anschaulich zu machen, gelingt vielen Schulbüchern nicht. Dabei kann die Vergangenheit so spannend sein: In Hannover gibt es eine Stadtführung, die es Teilnehmenden ermöglicht, die letzten 300 Jahre hautnah zu erleben - und zwar mit virtueller Realität.
Es braucht ein paar Erklärungen und ein wenig Zuppelei, bis die VR-Brille gut vor den Augen sitzt. Brillenträger lassen die Sehhilfe einfach auf und ziehen die VR-Brille oben drüber. Und schon beginnt die Stadtführung der etwas anderen Art. Los geht es durch die Straßen von Hannover, in Richtung des ersten Stopps.
Mit dabei ist auch Florian Schmidt. Er komme selbst aus Hannover, erzählt er: "Ich bin sehr interessiert daran, etwas über meine Heimatstadt zu lernen. Die Verknüpfung von einer interaktiven und einer geführten Tour ist herrlich."
Fackel durch die Stadt tragen: Auftritt der VR-Brillen
In der Nähe des Aegidientorplatzes angekommen, gibt es zunächst eine kurze Einführung. Wir befinden uns im Jahr 1636, also mitten im Dreißigjährigen Krieg. Ein fahrender Händler möchte in die Stadt eingelassen werden, wird aber aus Sicherheitsgründen von der Wache abgewiesen. Dann werden die Brillen aufgesetzt. Florian Schmidt berichtet, was er sieht:
"Ich bin in einer Nachtszene zwischen den Stadtmauern von Hannover. Ich darf eine Fackel tragen und entdecken, was es zu sehen gibt. Da ist eine Nachtwache und dort zwei schlafende Schweine."
Besondere Herausforderung für den Stadtführer
Der Clou: Die Brille reagiert auf Bewegung. Damit ist es möglich, auch Gegenstände in der virtuellen Realität zu greifen und damit zu interagieren. In dieser Szene ist es eine Fackel, mit der zum Beispiel in einen Pferdewagen geleuchtet werden kann. Für Stadtführer Thomas Ganz bedeutet das ein ganz anderes Arbeiten: "Das ist anspruchsvoller, weil ich den Aspekt der Sicherheit und die Technik viel mehr im Auge behalten muss. Es ist aber weniger anspruchsvoll, als wenn ich eine Tour komplett selbst durchmoderieren muss, die zwei bis drei Stunden geht."
"Man fühlt sich wie in einer anderen Zeit"
An der nächsten Station dreht sich alles rund um das Universalgenie Gottfried Wilhelm Leibniz und dessen Entdeckung des binären Zahlensystems. In der virtuellen Realität kann passend dazu an der Kurbel einer Rechenmaschine gedreht werden. Das sorgt für belustigte und auch skeptische Blicke von Passanten. Die Teilnehmer der Stadtführung loben diese interaktiven Elemente: "Jeder kennt den Film 'Zurück in die Zukunft'. Hier fühlt man sich auch wie in einer anderen Zeit", berichtet einer von ihnen.
Am Kröpcke, direkt in der Innenstadt, gibt es für die Besucherinnen und Besucher dann trotzdem eine kleine Schrecksekunde, als sich bei der virtuellen Kutschenfahrt um 1875 das Gefährt plötzlich in Bewegung setzt. Stadtführer Thomas Ganz kann beruhigen: "Ihnen kann nichts passieren!"
Umgebung reagiert in Echtzeit
Christoph Boyn ist der technische Entwickler der Tour. Das Besondere an seinen Stadtrundgängen sei die Produktion in Echtzeit, erklärt er. Blickt man also in eine bestimmte Richtung oder macht eine bestimmte Geste, löse das erst die jeweilige Situation aus. Sein innovatives VR-Projekt finanziert Boyn aktuell noch aus eigener Tasche.
Die Stadtführung endet am Leineschloss. Das abschließende Fazit von der Gruppe fällt positiv aus: "Ich hätte gerne noch mehr Zeit in der virtuellen Welt verbracht", sagt ein Mann und eine andere Person stimmt zu: "Ich sehe Hannover jetzt mit ganz anderen Augen."
Die Stadtführungen finden freitags bis sonntags in Hannover statt. Eine Anmeldung ist online möglich.