"Der amerikanische Weckruf": Warum uns Trumps USA eine Lehre sein müssen
Die Politikwissenschaftlerin Cathryn Clüver Ashbrook analysiert in ihrem Buch den Zustand in den USA unter Trump und zeigt auf, was Europa und Deutschland daraus lernen müssen. "Der amerikanische Weckruf" steht auf der Longlist für den NDR Sachbuchpreis 2026.
In der Einleitung zu ihrem Buch schreibt Cathryn Clüver Ashbrook:
Die Veröffentlichung der Unabhängigkeitserklärung vor 250 Jahren markierte (…) nicht nur den Bruch mit der englischen Monarchie, sondern etablierte die unveräußerlichen Rechte der Einzelnen. Die Individualrechte konnten sich demnach nur frei entfalten, wenn der regierende Tyrann abgeschüttelt wurde. (…) Heute, (…) sitzt der Tyrann (allerdings) nicht in England, sondern im Weißen Haus. Auszug aus "Der amerikanische Weckruf"
Die Verfasser der "Declaration of Independence" von 1776, mit der sich die britischen Kolonien von König Georg lossagten, hätten allerdings schon mit eingepreist, dass ihre revolutionäre, neue politische Ordnung stets weiterentwickelt und geschützt werden müsse.
Trump überschreite verfassungsmäßige Kompetenzen
Die US-amerikanische Demokratie als ein unvollkommenes, fragiles System aus Bürgerrechten, Gewaltenteilung und institutionellen Kontrollmechanismen sei nicht selbstverständlich, sondern müsse dauerhaft geschützt werden. Eindringlich beschreibt Clüver Ashbrook, dass Donald Trump und seine politischen Berater diese Grundlagen systematisch aushöhlten.
"Es ist eine Rückabwicklung dessen, was die Verfassungsväter wollten. Natürlich soll die Macht im Volke liegen - we the people. Aber die Übertragung auf die Exekutive, das legen Strategen wie Stephen Miller, der Vizestabschef im Weißen Haus, als absolut aus", erklärt die in Deutschland geborene Clüver Ahsbrook im Gespräch.
Die Macht des Präsidenten werde zulasten von Kongress, Justiz, Bundesstaaten, Medien und unabhängigen Behörden kontinuierlich ausgeweitet, attestiert Cathryn Clüver Ashbrook. Trump überschreite seine verfassungsmäßigen Kompetenzen.
"Große misogyne Energie" schwingt mit
Dass dieser Systemumbau von langer Hand geplant ist und diese gesellschaftlichen und politischen Veränderungen teilweise eine jahrzehntelange Vorgeschichte haben, beschreibt Cathryn Clüver Ashbrook auch in ihrem Buch. Und wie sehr die Verwerfungen und unterschiedlichen Strömungen Merkmale eines regelrechten Kulturkampfes aufwiesen.
"Es soll zurückgehen in das Amerika der 1950er-Jahre. Da schwingt eine große misogyne Energie mit. Schwule, lesbische und Transgendermenschen fühlen sich in den USA derzeit sehr bedroht. Genauso wie Menschen, die phänotypisch nicht weiß sind. Der Kulturkampf kommt mit einer Brutalität, wie das in einem Land wie den USA fast nicht zu sehen war, wenn man es nicht so stark verfolgt hat", so Clüver Ashbrook weiter.
Zwischenwahlen im November bedroht
Clüver Ashbrook nennt die US-Demokratie eine "i-liberale Demokratie" - also noch keine echte Autokratie, oder gar Diktatur, aber kurz davor. Denn der Zustand der US-amerikanischen Demokratie könnte sich weiter verschlechtern, fürchtet sie.
Nämlich dann, wenn die Trump-Administration tatsächlich weiter und im größeren Stil versuchen könnte, Einfluss auf die anstehenden Zwischenwahlen im November zu nehmen. Sollte das passieren, würden wir keine normalen Wahlen sehen, sondern hätten Autokratie, meint die Politologin.
Buch ist Weckruf an Europa und Deutschland
Was es braucht, um das zu verhindern und wie es um Widerstand und Protest gegen die antidemokratischen Einflussnahmen bestellt ist, legt Cathryn Clüver Ashbrook kenntnisreich in ihrem Buch dar. Ihr "Weckruf" gilt vor allem uns Europäern und Deutschen.
"Ich schreibe im letzten Kapitel darüber, dass wir aufpassen müssen, dass sich ein Muster wie die MAGA-Bewegung, das durchgesetzt hat, dass die Schwachpunkte einer Demokratie nach und nach systematisch angegangen werden, uns hier nicht passiert."
Dass ähnliche Muster besonders dort auftreten können, wo Institutionen, Bildung und Öffentlichkeit anfällig sind, hält uns Clüver Ashbrook eindrücklich vor Augen. "Der Amerikanische Weckruf" benennt die Schwachstellen liberaler Demokratien und zeigt auf, was Politik, Justiz und Gesellschaft jetzt dringlichst tun müssen.