Volker Kutscher: Warum "Emil und die Detektive" so fasziniert
Seit heute ist eine Neuverfilmung von Erich Kästners "Emil und die Detektive" im Kino zu sehen. Der Autor Volker Kutscher, bekannt durch seine Gereon-Rath-Reihe, die als Vorlage für die Serie "Babylon Berlin" diente, ist ein großer Fan des Buches.
Im Interview spricht Kutscher über seine frühe Begeisterung für Erich Kästner, die Verbindung zwischen "Emil und die Detektive" und dem Berlin der 1920er-Jahre sowie die zeitlose Botschaft des Romans.
Können Sie sich noch an den Moment erinnern, als Sie das Buch zum ersten Mal in Händen gehabt haben?
Volker Kutscher: So ganz genau nicht, das ist lange her. Das ist mein zweiter Kästner-Roman gewesen als Kind; ich habe angefangen mit "Pünktchen und Anton", da war ich Lese-Anfänger. Ich war von Anfang an von Kästner und dieser Welt fasziniert. Ich bin Jahrgang 62, und für mich war diese Welt gar nicht mal so fremd. Festnetztelefon und solche Dinge - das gab es ja alles schon im damaligen Berlin.
Ich habe immer mehr Kästner-Bücher gelesen, weil ich ein großer Fan von ihm war, und habe erst nach und nach gemerkt, dass das nicht die Welt war, in der ich lebte, sondern eine demokratische Welt vor dem Dritten Reich. Das wusste ich damals als Kind noch gar nicht. Das hat mich dann doch sehr fasziniert, dass diese Welt so tragisch untergegangen ist.
Und das hat auch die Faszination für die 1920er ausgelöst, für die Krimi-Reihe um Gereon Rath?
Kutscher: Ja, so kann man das sagen, weil ich durch die Kästner-Kinderbücher beim "Fabian" gelandet bin. Das war dieselbe Welt wie in "Emil" oder wie in "Pünktchen und Anton" - das Berlin der späten 1920er-, frühen 1930er-Jahre, aber da liefen schon Nazis herum und es wurde etwas politischer und dunkler. Die ganze Hoffnung, die in "Emil" mitschwingt, die ich so faszinierend finde - den Kindern gehört die Zukunft -, wird da gebrochen.
Ich muss gestehen, dass ich den aktuellen Film nicht kenne. Aber den allerersten von Billy Wilder, der damals auch das Drehbuch geschrieben hat. Ich finde das sehr tragisch, wenn man den sieht. Der ist 1931 mit sehr vielen Kinder-Laiendarstellern gedreht worden. Dieser Film strahlt diese Hoffnung aus, und wenige Jahre später sind die Kinder im Krieg, im KZ als Opfer, als Täter, wie auch immer. Die haben noch ein ganz mieses Schicksal vor sich. Den Film mit diesem Wissen zu sehen - da muss man schon sehr schlucken.
Es gibt noch weitere Verfilmungen: 1954, 2001 und den aktuellen. Wie haben Sie diese "Updates" wahrgenommen? Wie radikal kann man so einen Stoff an die jeweilige Zeit anpassen?
Kutscher: Es ist immer schwierig mit Verfilmungen. Ich bin jemand, der nichts gegen Kino und Fernsehen hat, weil ich das auch durchaus nutze. Aber ich finde das Lesen sehr wichtig. Den Stoff kann man sehr gut anpassen. Ich glaube, beim Lesen passt er sich auch von selbst an. Er ist überhaupt nicht angestaubt und es passt in die heutige Zeit.
Gut, es gibt vielleicht einen kleinen Jungs-Überschuss - Pony Hütchen ist das einzige Mädchen, was da eine wichtige Rolle spielt. Vielleicht hat mir deswegen "Pünktchen und Anton" noch ein bisschen besser gefallen, da ist die Mädchen-Rolle etwas wichtiger und ausgebauter.
Aber wie Kinder die Welt entdecken, erwachsen werden, merken, dass nicht alles eitel Sonnenschein ist in der Erwachsenenwelt, dass es da auch böse Leute gibt und sie das selbst in die Hand nehmen - das ist eine sehr zeitlose Angelegenheit.
Was ist für Sie die zentrale Botschaft bei "Emil und die Detektive"?
Kutscher: Die Zukunft liegt in unserer Hand. Wir können aktiv werden, etwas dafür tun. Wir können die Dinge zum Besseren wenden. Man muss sich nicht dem Schicksal ergeben. Das sind Botschaften, die Kästner immer in seinen Kinderbüchern hat, obwohl er selbst durchaus skeptischer war. Aber diesen Optimismus in diesen Büchern mitzugeben, war für mich jedenfalls sehr wichtig.
Das Gespräch führte Philipp Schmid.