"Babylon Berlin"-Hörspiel: Komponistin erklärt, wie Weimarer Republik klingt
Mit "Haus Vaterland" erscheint bei ARD Sounds das Finale zur Hörspielserie "Babylon Berlin". Verena Guido hat die Musik zu allen vier Staffeln der Reihe geschrieben.
Im Interview spricht sie über die musikalische Gestaltung der Hörspielserie und die Herausforderungen, eine vergangene Epoche klanglich zum Leben zu erwecken.
Frau Guido, wie war das für Sie, sich in die Zeit der 20er- und 30er-Jahre zurückzuversetzen?
Verena Guido: Das ist schon immer die Zeit gewesen, die mich musikalisch und kulturell am meisten interessiert hat, die 20er-, 30er-Jahre. Kurt Weill war immer ein Lieblingskomponist von mir, insofern ist das kein Zufall, wenn ich da Klangfarben zitiere. Aber es ist auch so, dass der Regisseur nicht nur eine ganz stilechte Wiedergabe dieser Epoche haben wollte, sondern wir uns zusammen entschieden haben, dass wir da ein bisschen drüber hinaus gehen, zum Teil in eine Stillistik eines Film noir, der eher nach 50er-Jahre klingt. Weil das das Spektrum ein bisschen öffnet, weil wir nicht nur historisch abbilden, sondern auch Vergleiche mit der Jetztzeit ziehen wollen. Denn die Phrasen, die da im Zuge um die Machtergreifung herum fallen, sind einem auf gruselige Weise bekannt.
Die Fernsehserie "Babylon Berlin" hat einen ganz markanten, starken Soundtrack. War das auch ein Aspekt beim Entwickeln, sich da bewusst abzugrenzen, oder haben Sie darauf gar nicht geachtet?
Guido: Ich glaube, dass der Erfolg des Titelsongs von der ersten Staffel auch ein Grund war, dass wir überhaupt die Möglichkeit bekommen haben, und dass es der Wunsch war, auch Songs in den Hörspielen zu haben. Weil das auf vielen Ebenen ein Mittel ist, die Zeit wiederzugeben. Man kann mit den Liedertexten Anspielungen auf die Handlung machen, die Handlung ironisch unterlaufen, Andeutungen streuen, die Leute dann in der Handlung wiederfinden. Man kann Figuren setzen, die in der Handlung gar nicht vorkommen, die als Bühnenkünstler in Varietés agieren. Das haben wir sehr unterschiedlich verankert. Es sind manchmal Menschen, die Mordopfer sind, die dann singen - insofern ist das eine Meta-Ebene in der Musikbegleitung.
In der dritten Staffel hatten wir mal ein Ensemble, was so eine Art Comedian Harmonists-Soundalike mit eingebracht hat, in dem aber auch ganz viele Anspielungen auf die Handlung und auf die Gangsterbanden drin waren. Insofern wird die Aufgabe mit Songs noch reizvoller.
Gespielt hat ihre Musik das WDR Funkhausorchester. Wie war da die Zusammenarbeit? Sie waren bei den Aufnahmen mit dabei, richtig?
Guido: Ja, das war auch wichtig. Obwohl man so viel wie möglich vorher schon in die Partitur reinschreibt, muss man selber mit dem Manuskripttext im Hintergrund spekulativ arbeiten, weil es keine genau festgelegte Zeitlinie gibt, nicht wie bei einer Filmmusik. Falls der Dirigent Fragen hat, kann ich die in dem Moment beantworten.
Die Musik hat von Staffel zu Staffel eine hohe Wiedererkennbarkeit. Hat sie sich auf der anderen Seite auch weiterentwickelt?
Guido: Es gibt Lieblingshauptthemen vom Regisseur und mir, die immer mal wieder auftauchen. Es gibt aber auch Themen, die bestimmten Handlungssträngen zugeordnet sind. Das ist in dieser Staffel besonders komplex, weil es einen Teil der Handlung gibt, der in Masuren spielt: Es geht um einen Mord im Moor, und diese Mooratmosphäre muss gezeichnet werden. Dann geht es aber immer wieder nach Berlin, und da haben wir uns auch erlaubt, das Orchester in manchen Stellen technisch zu behandeln, wie das auf dem Peter-Fox-Album "Stadtaffe" gemacht wird. Es ist ganz vielfältig.
Die vierte Staffel ist auch die letzte. Ist die Geschichte damit für Sie auch musikalisch auserzählt? Wie fühlt sich der Abschied an?
Guido: Da ich mittlerweile auch andere Hörspiele und jetzt gerade ein Musical schreibe, fühlt sich das gar nicht so an. Es geht einem unter die Haut, wenn man die Machtergreifung durch die Nazis monatelang vertont, sich da reindenken muss und gleichzeitig die Vorgänge im Moment hier mitdenkt. Das ist auch belastend, es läuft einem da oft kalt den Rücken runter.
Es gibt einen Rap in der vierten Staffel, den eine der Figuren performt. Das ist ein junger, toller Darsteller, der eine historische Figur spielt, die es 1933 auf der Bühne wirklich gegeben hat, ein Person of Color, der da ein Varieté-Künstler und Schauspieler war. Sein Rap macht die Machtergreifung am Körper spürbar: Die trampeln über alles hinweg, was Kultur, was Kunst, was Varieté, was Ironie, was Eleganz war. Jetzt kommen die Stiefel und die Trommeln.
Das Gespräch führte Franziska von Busse.