"Die Kunst der Märchenillustration": Wenn Bilder neue Welten öffnen
Die "guten" alten Märchen gelten vielen heute als brutal oder nicht kindgerecht. Trotzdem werden sie weiter erzählt und gelesen. Joanna Ebenstein versammelt in einem Bildband Märchenillustrationen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute.
Die alte, gebückte Frau mit dem Stock in der Hand sieht beinahe freundlich aus: Hänsel streckt ihr vorsichtig die Hand entgegen, Gretel versteckt die ihre sorgsam hinter dem Rücken. Und tatsächlich, das Hexenhäuschen sieht auf diesem Bild eher wie ein Giftpilz aus als wie ein aus Lebkuchen gebautes Versprechen. Joanna Ebenstein hat es in einer der ersten illustrierten Ausgaben der Grimmschen Märchen gefunden, herausgekommen um 1880.
Eine Frau wie eine Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Figur: schwarzes, langes, weit ausgestelltes Kleid, kleiner Kopf, darauf ein gewaltiger Hut, an dem an Fäden Süßigkeiten baumeln. So sieht die spanische Künstlerin Ana Juan die Hexe rund 130 Jahre später. Die Metropolitan Opera in New York warb mit dieser Illustration für Engelbert Humperdincks Oper "Hänsel und Gretel".
Wenn Märchenfiguren aus ihren Rollen fallen
"Hexen und gefährliche Frauen" ist dieses Kapitel überschrieben. Ebenstein sortiert nicht historisch, sondern - absolut einleuchtend - thematisch, versammelt Illustrationen zu "Helden und Bösewichten", "Drachen, Dämonen und Bestien", "Feen", "Prinzessinnen und Heldinnen".
"Um ihre Welt zu betreten, muss man bereit sein, das Rationale loszulassen“, zitiert sie die "Mary Poppins"-Autorin Pamela L. Travers.
Auf dem Bild von Franz von Stuck, deutlich geprägt durch den Jugendstil der Jahrhundertwende, beugt sich die Prinzessin vor goldenem Himmel mit arrogant geschürzten Mundwinkeln über den Frosch - auch er trägt eine kleine, funkelnde Krone. Das Märchen geht gut aus, aber was folgt eigentlich danach? Was erleben Prinzessin und Prinz, wenn sie über Jahre zusammenleben? Folgt man der kanadischen Künstlerin Dina Goldstein, hängt er mit einer Dose Bier vor dem Fernseher, während sie sich um die Kinder kümmert - eine junge Frau mit schwarzen Haaren, weißem Teint und roten Lippen: Schneewittchen im Jahr 2008.
Von "Alice im Wunderland" bis zur "kleinen Meerjungfrau"
2009 kam die Verfilmung von "Alice im Wunderland" mit Johnny Depp als verrücktem Hutmacher in die Kinos. Der australische Künstler Charles Blackman tuschte in den 1950er-Jahren Alice als blondes Mädchen mit geschlossenen Augen inmitten eines Blütenmeers, daneben das weiße Kaninchen. Die Reise: eine Fantasie im Kopf.
Auch der Schönen und dem Biest sind viele Illustrationen gewidmet: Das Biest erscheint mit Wildschweinkopf oder als gigantischer Maulwurf mit Säbelzähnen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
"Die ganze Welt ist eine Abfolge von Wundern, aber wir sind so an sie gewöhnt, dass wir sie Normalität nennen", schreibt Hans Christian Andersen, dessen Figuren ebenfalls viele Illustratorinnen und Zeichner inspiriert haben. Allen voran: die kleine Meerjungfrau. Edvard Munch zeigt auf seinem Ölgemälde, wie sie sich aus dem Wasser zieht, während sich der Fischschwanz in die heiß begehrten Beine verwandelt. Die Melancholie in ihrem Gesicht weist weit voraus.
Ein Bildband voller überraschender Entdeckungen
Unendlich viel lässt sich entdecken in diesem Band. Die einzelnen Kapitel leitet Joanna Ebenstein jeweils kurz ein, allgemein verständlich, niedrigschwellig, einordnend. Dass die Grenzen manchmal fließend sind zwischen dem Genre Märchen und anderen - geschenkt. Was zählt, sind die Figuren, und da zeigt sie eine beeindruckende Bandbreite, die spiegelt, wie sich die Rezeption über die Jahrzehnte verändert hat. Gleichzeitig wird deutlich, dass es auch bei den Gebrüdern Grimm schon Frauenpower gab.
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Die Kunst der Märchenillustration
- Seitenzahl:
- 240 Seiten
- Genre:
- Bildband
- Verlag:
- Laurence King
- ISBN:
- 978-3-9624-4484-6
- Preis:
- 42 €