"Territorium": Deutsche Verstrickung in Hawaiis Freiheitskampf
Sabrina Janesch erzählt in "Territorium" von Hawaiis Annexion durch die USA und der Rolle deutscher Siedler. Im Zentrum stehen mutige Frauen, die sich gegen koloniale Macht und für Hawaiis Unabhängigkeit einsetzten.
Wie stiehlt man ein Land? Folgt man dem amerikanischen Rezept der letzten Tage, so nehme man zu gleichen Teilen Manipulation des Kabinetts, Unterwanderung des Militärs, Außerkraftsetzung der Verfassung und die auf dem Fuße folgende Ausrufung einer provisorischen Regierung, deren Vertreter weder gewählt noch anderswie legitimiert sind. Auszug aus "Territorium"
Das schreibt die Journalistin Emma Nāwahī 1893. Sie ist eine der zentralen Figuren in Sabrina Janeschs geschichtsprallem Roman, eine hellwache, mutige Aktivistin und eine wichtige Stimme im Kampf um die hawaiianische Unabhängigkeit.
Historische Fakten und erzählerische Freiheit
"Ich würde sagen, dass vielleicht 96 Prozent aller Figuren im Roman tatsächlich auf historischen Persönlichkeiten basieren, die ich allesamt mit großer Fairness und Respekt behandelt und beschrieben habe", sagt Janesch.
Aber natürlich habe sie sich literarische Freiheiten genommen, Leerstellen füllen müssen. Vier Jahre hat sie an "Territorium" gearbeitet, viel Recherche ist eingeflossen in dieses Projekt, der Gipfel war eine Reise nach Hawaii. Hier konnte die Autorin auch mit Nachfahren sprechen, darunter viele deutschstämmige.
Deutsche Siedler zwischen Loyalität und Verantwortung
Deutsche ließen sich verstärkt ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf den Inseln nieder; sie kamen nicht als Kolonialherren, sondern waren ausgewandert und 1893 längst zu einem Teil der Gesellschaft geworden. "Ich glaube dadurch und auch durch die Vermischung hawaiisch-deutscher Familien gab es da ein ganz starkes Gefühl der Treue, der Loyalität. Als Hawaii schließlich annektiert wurde, ist tatsächlich all das passiert, was man befürchtete: Die hawaiische Sprache wurde kriminalisiert, Hula, Mele, die traditionellen Gesänge, all das wurde verboten und ist über die nächsten Jahrzehnte beinahe ausgestorben", so Janesch.
Frauen, die sich gegen die Macht stellen
Janesch hat die Figuren für den Roman geschickt ausgewählt. Neben Emma Nāwahī gibt es zwei weitere starke Frauen: die zunächst unter Hausarrest gestellte, dann abgesetzte fortschrittliche Königin Lili`uokalani, deren Deutschlehrerin und Gesellschafterin Gertrude Wolf, die sich bei Janesch zu einer militanten Unterstützerin des Widerstands entwickelt, und Carl Pana´ewa Widemann, Sohn eines Deutschen und einer Hawaiianerin. Er wird zu einem der Anführer der Rebellion im "Paradies":
Wenn Geschichte plötzlich erschreckend aktuell wird
Janesch erzählt plastisch, detailgenau und mitreißend. Dabei entwickelt sie ihre Geschichte der hawaiischen Rebellion gegen die imperialistische, wirtschaftlich getriebene Interessenpolitik der USA bewusst beispielhaft. Direkte Bezüge zu heute muss sie dabei gar nicht herstellen, das geschieht im Kopf der Lesenden: "Als ich das Buch schrieb, war schon von Trumps Seite die Rede davon, Grönland zu annektieren. Dann hat er gesagt, Einwanderer in Ohio würden Hunde und Katzen fressen, und da bin ich fast hintenüber von meinem Schreibtischstuhl gefallen, weil ähnliche Sprüche damals in Hawaii bemüht wurden, dass die indigenen Polynesier Hunde fressen und sozial verkommen seien und das müsste man alles bereinigen. Es sind immer die gleichen Sprüche, es ist die gleiche Fremdenfeindlichkeit und die gleiche Herablassung", sagt Janesch.
Doch die Autorin beschreibt auch, wie schwierig Rebellion ist und das große Dilemma, dass mit Pazifismus gegen zu allem entschlossene Imperialisten nichts zu erreichen ist. So ist diese spannende, informative und teils auch unterhaltsame Reise in die Vergangenheit gleichzeitig eine in die Gegenwart.
Territorium
- Seitenzahl:
- 480 Seiten
- Genre:
- Roman
- Verlag:
- Rowohlt Berlin
- ISBN:
- 978-3-7371-0254-4
- Preis:
- 26 €