Von Blaualgen zu Vibrionen - wie sich die Ostsee verändert
Wärme und Überdüngung setzen der Ostsee seit Jahrzehnten zu - mit sichtbaren Folgen: In warmen Sommerwochen bilden sich Blaualgenteppiche, Ansammlungen von Bakterien. Sie sind so groß, dass man sie sogar aus dem All erkennen kann.
Satellitenbilder, die ab 2016 vorliegen, zeigen, dass insbesondere im Osten Mecklenburg-Vorpommerns, aber auch an der schleswig-holsteinischen Küste immer wieder Blaualgenteppiche vorkommen. Das ergaben die Auswertungen von NDR Data. Besonders häufig zu sehen waren Blaualgen auf der Ostsee in der Nähe der Bäder Heringsdorf und Zinnowitz auf Usedom, Binz auf Rügen und Zingst: An über 140 der 156 ausgewerteten Tage waren sie auf den Satellitenbildern sichtbar. Doch auch die Ostsee nahe Fehmarn und die Lübecker Bucht fallen durch eine große Zahl von Tagen mit Blaualgen auf.
Blaualgen: nicht neu, aber immer häufiger
Blaualgen gibt es schon sehr lang, vermutlich seit 3,5 Milliarden Jahren. Sie gehören zu den ältesten Lebensformen der Erde überhaupt. Auch das Phänomen Blaualgenblüte ist nicht neu - damit ist eine plötzliche, massenhafte Vermehrung der Algen gemeint, die sich dann zusammenklumpen und bei wenig Wind als regelrechte Algenteppiche auf dem Wasser schwimmen. Blaualgen mögen süßes oder salzarmes Wasser, daher sind sie besonders in Binnengewässern zu finden - wie zuletzt etwa im Hamburger Stadtparksee - oder eben der Ostsee, aber kaum in der Nordsee. Neu ist, dass sich in der Ostsee eine Art Teufelskreis in Gang gesetzt hat, der dazu führt, dass Blaualgenblüten immer häufiger auftreten und immer größer werden.
Eigentlich sind Blaualgen gar keine Algen, sondern Bakterien. Wissenschaftlich korrekt heißen sie Cyanobakterien. Weil es sich aber so eingebürgert hat, soll hier weiter von Blaualgen die Rede sein.
Starke Erwärmung und Düngemittel lassen Blaualgen sprießen
Warum es häufiger zur massenhaften Vermehrung von Blaualgen kommt, erklärt die Meeresbiologin Anke Kremp vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde (IOW): "Das liegt vor allem an zwei Faktoren. Der eine ist die momentane Klimaerwärmung. Blaualgen lieben Wassertemperaturen ab zwanzig Grad aufwärts", so Kremp. Die Ostsee hat sich seit den 1990er-Jahren um knapp zwei Grad erwärmt - und damit deutlich schneller als andere Meere.
"Der andere Faktor ist der Jahrzehnte-lange Eintrag von Nährstoffen in die Ostsee durch die intensive industrielle Landwirtschaft. Blaualgen ernähren sich von Stickstoff und Phosphor - beides häufige Bestandteile von Düngemitteln", sagt Kremp. "Das Problem ist, dass sich das Ganze nun verselbstständigt hat und zu einem Teufelskreis geworden ist." Selbst bei einem sofortigen Stopp von Düngemitteln würde es Jahrzehnte dauern, bis die Nährstoffsituation in der Ostsee wieder so wäre wie vor dem Beginn der industriellen Landwirtschaft, so Kremp. Ohne Änderungen und durch die Klimaerwärmung aber verstärke sich das Problem.
Lebensgefahr für Hunde - für Menschen nicht
Blaualgenblüten haben auf uns Menschen ganz konkrete Auswirkungen: Die Blaualgenarten, die in der Ostsee vorkommen, produzieren Giftstoffe und können Leber und Nerven schädigen. Für Hunde kann ein Bad in Blaualgen lebensgefährlich sein, für Menschen allerdings nicht. Dafür müsse man schon "literweise Blaualgenwasser" trinken, so Anke Kremp. "Aber es ist eben doch Vorsicht geboten beim Baden, auch weil Blaualgen schon in niedrigen Konzentrationen zu Hautreizungen führen können", sagt die Wissenschaftlerin.
In der zweiten Augustwoche 2024 gab es in der Lübecker Bucht besonders viele Blaualgen. Links zu sehen: das optische Satellitenbild, rechts die ausgewerteten Daten: Je stärker die Einfärbung, desto mehr Algen im Wasser.
Viele Blaualgen, viele Vibrionen
Tödlich enden kann für bestimmte Personengruppen allerdings der Kontakt mit anderen Bakterien, die in der Ostsee vorkommen und die man selbst in großen Mengen nicht sehen kann: Vibrionen. Und die hängen eng mit Blaualgen zusammen, denn Vibrionen ernähren sich von abgestorbenen Blaualgen. Das heißt: Kurz nach einer Blaualgenblüte kann es zu einer explosionsartigen Vermehrung von Vibrionen kommen. Der Mikrobiologe Matthias Labrenz vom IOW entwickelt zurzeit ein Vibrionen-Frühwarnsystem, das auf genau diesem Zusammenhang beruht und eine spezielle Kamera-Drohne nutzt. Im Sommer 2026 will der Forscher aus Warnemünde das System gemeinsam mit Umweltbehörden und Tourismusverbänden testen.
Vibrionen: Gefahr für Vorerkrankte und Immun-Geschwächte
Dieses Frühwarnsystem hilft allen, denen Vibrionen gefährlich werden können. Gesunde Menschen sind nicht gefährdet. Aber Menschen mit Vorerkrankungen, beispielsweise Diabetes, und Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Ältere Menschen mit offenen Wunden sollten ebenfalls vorsichtig sein. Seit 2003 sind in Mecklenburg-Vorpommern 14 Menschen an den Folgen einer Vibrionen-Infektion gestorben, zuletzt im Juli 2025 ein 68-Jähriger. Für Schleswig-Holstein gibt es erst seit 2020 eine Meldepflicht. Hier werden aber nur Todesfälle aus Schleswig-Holstein gezählt, Verstorbene aus anderen Bundesländern - wie etwa im Fall eines Badegastes vom August 2021 - werden nicht aufgeführt.
Badeverbote können verunsichern und nerven
Blaualgenteppiche gelangen manchmal bis an die Badestrände der Ostsee heran und damit bis vor die Füße der Menschen - eine Herausforderung für den Tourismus. Denn wenn wegen der Bakterien Badewarnungen oder Badeverbote ausgesprochen werden müssen, kann das die Gäste verunsichern und nerven. In jedem Jahr tummeln sich Millionen Touristen an der Ostsee, ganze Regionen sind wirtschaftlich auf sie angewiesen. Wenig überraschend, dass viele Tourismus-Betreibende und die Behörden vor Ort in Hab-Acht-Stellung sind bei diesem Thema.
"Imageschaden möglich": Herausforderung für den Tourismus
Eike Doyen ist Touristikleiter von Heiligenhafen, einem Badeort, der bisher nicht von einem Blaualgen-Badeverbot betroffen war. Aber Doyen ist wachsam, denn er weiß, was so ein Fall bedeuten würde: "Situationen, die den Badebetrieb einschränken, sind für die Betreiber der Badestellen immer eine Herausforderung", es müsse dann sehr sensibel kommuniziert werden, vor Ort und in den sozialen Medien. Doyen sagt: "Ob bei einem Blaualgen-Befall vor Ort Einbrüche bei den Gästezahlen resultieren, bezweifle ich stark, aber ein kurzer Knacks und im schlechtesten Fall ein temporärer Imageschaden sind möglich."
Blaualgenteppiche sind flüchtige Gebilde
Wenn Badeorte auf ihre ausgezeichnete, regelmäßig getestete Wasserqualität verweisen, auf Satellitenbildern aber eindeutig ein Blaualgenteppich zu sehen ist, muss das kein Widerspruch sein: Die Satellitenbilder sind nicht Meter-genau, ein Blaualgenteppich kann sich beispielsweise einen Kilometer vorm Strand befinden und die Badenden nicht beeinflussen. Und: Blaualgenteppiche auf der Ostsee sind oft flüchtige Gebilde, je nach Wind- und Wetterlage können sie innerhalb eines Tages massiv da und wieder fort sein. Außerdem wird die Wasserqualität nicht immer genau dann getestet, wenn ein Teppich vor Ort ist - und ohnehin meist nur an offiziellen Badestellen. Ein Test ist also immer nur eine Momentaufnahme.
Vor Usedom gibt es sehr häufig intensive Blaualgenblüten. Zinnowitz und Heringsdorf etwa verzeichneten in den letzen Jahre besonders viele Tage mit starker Algenbedeckung. Die interaktive Karte zeigt die Sommermonate seit 2023.
Regelmäßige Tests und geschulte Rettungsschwimmer
In der Badesaison zwischen Mai und September testen die Gesundheitsämter einmal im Monat das Wasser der offiziellen Badestellen, bei Verdacht auf Befall häufiger, bei Meldungen von Blaualgen-Sichtungen auch gezielt. Die Gesundheitsministerien der Länder Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern informieren auf ihren Seiten über Befunde und Badeverbote. Besonders anschaulich klärt der Kreis Ostholstein Gäste und Einheimische mit dieser Übersichtskarte über eventuelle Badeverbote auf.
Die Rettungsschwimmerinnen und -schwimmer an den Badestränden sind geschult darauf, Blaualgen zu erkennen. Peter Franz und Lukas Reuter von der DLRG Haffkrug-Scharbeutz beispielsweise erzählen, dass auf den Türmen der Wasserrettungsstation Scharbeutz und Timmendorfer Strand ein Dokument jederzeit griffbereit liegt, dass bei der Erkennung von Blaualgen und der Einordnung des Schweregrades hilft.
Blaualgen erkennen: Diese Faustregel hilft
Blaualgen oder nicht? Wenn es Sommer ist und warm und auf oder knapp unter der Wasseroberfläche grünliche Schlieren oder Flächen zu sehen sind, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es sich um Blaualgen handelt. Das ist kein Grund zur Panik, aber man sollte vorsichtig sein. Als Faustregel gilt: Wenn man bis zu den Knien im Wasser steht und die eigenen Füße nicht mehr sehen kann, sollte man besser nicht baden. Und wer einen Hund besitzt, sollte aufpassen, dass dieser kein Wasser trinkt. Wie Blaualgen-Befall an Stränden aussieht, zeigen Fotos des Landesgesundheitsamtes Schleswig-Holstein.
Auch vor der schleswig-holsteinischen Küste treten Blaualgen immer wieder auf. Die Karte zeigt, wie sich die Algen seit Sommer 2018 entwickeln.
Mitarbeit
Design und Visualisierung: Gorm Labenz
Satellitenanalyse: Vertical52
Recherche: Paula Nolte