Vogelgrippe-Ausbruch weitet sich aus - vor allem bei Kranichen
Die Zahl der Geflügelpest-Fälle steigt aktuell in Norddeutschland stark an. Vor allem Wildvögel sind betroffen: Unter ihnen gab es seit Anfang September 222 Fälle im Norden - 139 allein in den ersten fünf November-Tagen.
In Norddeutschland sind in dieser Vogelgrippe-Saison bislang 61 Fälle bei Legehennen, Mastputen und anderem gehaltenem Geflügel registriert worden. Häufig sind von einem Ausbruch in einem Betrieb mehrere Tausend Tiere betroffen. So mussten im Landkreis Vechta in einem Legehennenbetrieb mehr als 170.000 Tiere getötet werden.
"Besorgniserregender Anstieg" der Vogelgrippe-Fälle
Die Dynamik des Infektionsgeschehens in Deutschland sei "besorgniserregend", so Elke Reinking vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), das in Deutschland für die Forschung der Tiergesundheit zuständig ist.
Die Gesamtzahl der Fälle liegt in der noch jungen, seit rund zwei Monaten laufenden Vogelgrippe-Saison zwar deutlich unter den großen Ausbrüchen der Winter 2020/21 und 2021/22. Einen so starken Anstieg wie derzeit habe es jedoch auch damals nicht gegeben, sagt Reinking.
Risikoeinschätzung: hoch
Das FLI hat deshalb am Donnerstag die höchste Alarmstufe ausgerufen für die Hochpathogene Aviäre Influenza (HPAI), so die offizielle Bezeichnung für Vogelgrippe oder Geflügelpest. Das Forschungsinstitut schätzt nun das Ansteckungsrisiko bei Vögeln als "hoch" ein. "Von Entwarnung kann man noch lange nicht sprechen", schätzt Martin Rümmler, Vogelschutzexperte beim NABU, die aktuelle Entwicklung ein.
Von den bisher 159 Vogelgrippe-Fällen in Norddeutschland in dieser Saison wurden im Westen Niedersachsens Infektions-Ausbrüche eher aus größeren Haltungen mit mehreren Tausend Tieren gemeldet. Im Landkreis Cloppenburg sind bisher zwölf Geflügelhaltungen betroffen, in Vechta sechs, in Diepholz und Oldenburg jeweils vier Betriebe.
"Die Kraniche sind betroffen wie noch nie"
Im Süden und Westen von Mecklenburg-Vorpommern gibt es hingegen mehr Fälle bei wild lebenden Vögeln: 26 in Nordwestmecklenburg, 24 im Landkreis Mecklenburgische Seeplatte und 19 in Ludwigslust-Parchim. Dabei kann sich ein gemeldeter Fund laut FLI auf mehrere infizierte Wildvögel beziehen. "Die Kraniche sind in dieser Saison die Pechvögel", sagt Elke Reinking vom FLI. "Noch nie waren in Deutschland so viele Kraniche betroffen wie in dieser Vogelgrippe-Saison", bilanziert Martin Rümmler vom NABU.
Auf der Spur des H5N1-Virus
Aktuell untersucht das FLI, welchen Weg die aktuelle Virusvariante genommen hat. Die Wissenschaftler vermuten, dass das Virus, das seit 2020 in Europa kursiert, in dieser Saison aus Südosteuropa eingetragen wurde, so Reinking. Beim Herbstvogelzug seien Kraniche an ihren Rastplätzen dann möglicherweise mit Wildenten zusammengetroffen, die das Virus in sich trugen, aber schon eine gewisse Immunität dagegen entwickelt hatten, sodass sie selbst nicht erkranken.
"Geflügelhalter sollten Sicherheitsmaßnahmen überprüfen"
Da Infektionen zwischen Wildvögeln und Geflügelhaltungen in beide Richtungen stattfinden, betonen Reinking und Rümmler, wie extrem wichtig Sicherheitsmaßnahmen in großen wie auch in kleinen, privaten Geflügelhaltungen sind - damit weder Viren eingeschleppt noch weitergetragen werden. "Wir haben keine Möglichkeit, die Wildvögel direkt zu schützen - die Kraniche gehen elendig zugrunde", sagt Reinking. Einige Landkreise erlauben nun Jägerinnen und Jägern, kranke Kraniche zu töten.
Tote Wildvögel melden, aber nicht anfassen
Um die weitere Ausbreitung einzudämmen, müssen tote Wildvögel zügig aufgesammelt, gemeldet und ordnungsgemäß verbrannt werden. Dabei helfen laut Rümmler derzeit auch viele ehrenamtliche Vogelschützer mit, um die stark ausgelasteten Veterinärbehörden zu unterstützen. Elke Reinking vom Friedrich-Loeffler-Institut warnt jedoch: "Ungeschulte Laien ohne Schutzanzug und FFP3-Maske sollten tote oder kranke Tiere keinesfalls anfassen." Aber es sei wichtig, jeden Fund der Veterinärbehörde zu melden.