Vermögen im Norden: Wie (un)gerecht ist die Verteilung?
Auch in Norddeutschland - ob in Großstädten wie Hamburg oder auf dem Land - wird spürbar, wie ungleich Vermögen verteilt ist. Einerseits werden enorme Summen verwaltet, andererseits kommen viele kaum über die Runden. Die Debatte, ob die Politik mit neuen Steuern für Vermögende und reiche Erben eingreifen sollte, wird lauter.
Im Büro des Vermögensverwalters Daniels, Gritzka, Kraft & Co. in der Hamburger Innenstadt, unweit der Binnenalster, gibt es einen Einblick in die Welt der sehr vermögenden Menschen. Vier Finanzexperten kümmern sich dort darum, das Geld ihrer Klienten nach Möglichkeit zu vermehren. "Der typische Kunde bei uns hat 200.000 bis eine Million Euro an flüssigem Vermögen, ohne Immobilien. Gemeinsam mit ihm vereinbaren wir eine Strategie, wie das Geld angelegt und dadurch die Ziele erreicht werden können", erklärt Vermögensverwalter Christian Gritzka. Ob Wertpapiere, ETFs, Anleihen, Aktien oder Edelmetalle - die Bandbreite der Optionen ist dabei groß.
Vermögensverwaltung ist Vertrauenssache
Egal, ob für ein kleines Unternehmen wie das von Finanzexperte Gritzka oder ein großes wie Proaktiva (1.400 Kunden, knapp eine Milliarde Euro verwaltetes Vermögen): Immer gehe es auch darum, das Risiko zu managen, erklärt Konstantinos Liolis. Bei den großen Beträgen, um die es geht, ist das Geschäft Vertrauenssache. Oft gewinnen die Verwalter neue Kundinnen und Kunden durch Mund-zu-Mund-Propaganda hinzu.
Vermögensverwalter Liolis von Proaktiva und seine Kolleginnen und Kollegen in der Branche merken, dass das Geschäft und die Zahl der Kunden weiter stark wächst. In der Bevölkerung in Deutschland sind beträchtliche Rücklagen vorhanden. So verfügt laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) jeder zweite deutsche Haushalt über ein Vermögen von mehr als 100.000 Euro.
Rendite von etwa 5 Prozent ist für viele das Ziel
Die Ziele der Anlegerinnen und Anleger unterscheiden sich gar nicht so sehr, wie Vorstand Tobias Gabriel von der HAC VermögensManagement AG erklärt: "Die meisten wollen, dass ihr Vermögen real erhalten bleibt, also die Inflation wieder reinholt. Zwei, drei Prozent Rendite im Jahr. Und dann 'ein Schnaps obendrauf', also ein bis zwei Prozent zusätzlich. Insgesamt stellen sie sich eine Rendite von fünf Prozent vor." Ambitioniertere und risikobereitere Kunden streben demnach bis zu sieben Prozent Ertrag im Jahr an, so Gabriel.
Marktentwicklung setzt den Rahmen
Die Vermögensverwalter-Branche sei dabei natürlich auch abhängig von der Marktentwicklung: "Findet Wachstum statt, dann können wir das anzapfen für unsere Kunden", sagt Gabriel. In den vergangenen Jahren habe das meist sehr gut funktioniert.
Laut einer Befragung der Bundesbank wuchs das durchschnittliche Vermögen der Menschen in Deutschland zwischen 2017 und 2023 um 40 Prozent. Rechnet man die Inflation raus, landet man für diese sechs Jahre bei einem Vermögenszuwachs von durchschnittlich immer noch 13 Prozent. Das Durchschnittsvermögen der deutschen Haushalte betrug laut Armuts- und Reichtumsbericht vor zwei Jahren übrigens 325.000 Euro. Dabei sind aber große Unterschiede zwischen Jung und Alt und auch zwischen Ost und West zu beachten. Und: Die Statistik wird von denjenigen verzerrt, die Millionen oder sogar Milliarden besitzen. Zehn Prozent der Menschen hierzulande besitzen mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens, das reichste Prozent über ein Drittel.
"Taxmenow" wünscht sich Steuergerechtigkeit
Die Debatte darüber, ob und wie große Vermögen in Zukunft anders besteuert werden sollten, ist nicht neu. So fordert etwa "Taxmenow", eine Initiative von Vermögenden für Steuergerechtigkeit, dass Kapitalerträge höher besteuert werden und weniger Ausnahmen für Milliardärs-Familien bei der Erbschaftsteuer gemacht werden. Es gehe angesichts einer "extremen Ungleichheit" darum, die "Macht des Geldes wieder ein bisschen umzuverteilen", sagt etwa der Autor Yannick Haan, der sich bei "Taxmenow" engagiert.
ARD-Deutschlandtrend: Knappe Mehrheit für Erbschaftssteuer-Reform
Sollten die Steuern auf hohe Erbschaften angehoben werden? 51 Prozent der Befragten im ARD-Deutschlandtrend (September 2025) sagen, eine solche Maßnahme würde in die richtige Richtung gehen. 42 Prozent hielten dies für falsch. Besonders groß ist der Rückhalt für eine solche Erbschaftssteuer-Reform unter Anhängern von Grünen, Linken und SPD. Bei Unionsanhängern entspricht die Zustimmung dem Durchschnitt der Befragten, unter AfD-Anhängern ist sie am niedrigsten.
2024 betrug der Gesamtwert der steuerlich erfassten Vermögenstransfers in Deutschland rund 113 Milliarden Euro. Nach Abzügen waren davon rund 64 Milliarden Euro steuerpflichtig - und vom Fiskus an Erbschafts- und Schenkungssteuer festgesetzt wurden am Ende 13,3 Milliarden Euro.
Verwalter: Vermögende wollen einen Beitrag leisten
Auch Vermögensverwalter Tobias Gabriel von HAC weiß aus Gesprächen mit Kunden, dass sich vermögende Menschen Reformen der bestehenden Regelungen wünschen. Sie seien grundsätzlich bereit, "einen Beitrag zu leisten". Allerdings sehen sie dabei in erster Linie die Politik am Zug. Sie müsse feststellen, was gerecht ist und was nicht. Viele hätten das Gefühl, "dass da zu wenig passiert". Dabei mangelt es ja nicht an Ideen, diskutiert wird etwa über eine Reform der Erbschaftssteuer oder die Einführung einer Reichensteuer.
Unabhängig davon, was sich in Zukunft für sie vielleicht ändert, würden viele Vermögende aber bereits jetzt etwas zurückgeben, berichten die Vermögensverwalter. Sie engagierten sich mit ihrem Geld zum Beispiel in Stiftungen, in Museen und Schulen oder würden mehr Arbeitsplätze in Deutschland schaffen.
Trotz Vollzeitjob "reichte Geld nicht zum Leben"
Von höheren Steuern für Vermögende oder einer Reform der Erbschaftssteuer könnten unter dem Strich auch die profitieren, die in Deutschland mit wenig Einkommen auskommen müssen - wenn sie im Gegenzug entsprechend entlastet würden.
Sophia Ikpoh aus Niedersachsen hat neun Jahre lang als selbständige Raumausstatterin gearbeitet. Trotz Vollzeitbeschäftigung reichte es in ihrem Traumberuf aber nicht für ein ausreichendes Einkommen - auch deshalb, weil ihre Handwerks-Dienstleistung weniger gefragt ist als früher. "Die Situation wurde schwieriger. Und das Geld reichte einfach zum Leben nicht mehr aus", berichtet die 33-Jährige aus ihrem Alltag.
Kein großer Spielraum für Altersvorsorge
Obwohl sie das Kreative und den Kundenkontakt bei ihrer Arbeit sehr geliebt hat, entschloss sie sich schließlich schweren Herzens dazu, einen anderen Job zu suchen. Mit 1.800 Euro netto pro Monat verdiente sie für eine Raumausstatterin zwar verhältnismäßig gut. Aber: Laut einer IW-Statistik gehörte sie mit diesem Betrag unter den Vollzeit-Beschäftigten zum "ärmsten" Fünftel der arbeitenden Bevölkerung in Deutschland.
Ausreichend vorzusorgen fürs Alter, das habe sie mit diesem Verdienst nicht geschafft, erklärt sie: "In Deutschland ist die Rente nicht besonders hoch. Ich muss zusehen, wo ich bleibe, denn man weiß ja nicht, was die Zukunft bringt. Deshalb würde ich auf jeden Fall einen Großteil für später weglegen."
Verbraucherzentrale: Hohe Kosten bei Anlageprodukten
Aber: Wie können die, die verhältnismäßig wenig verdienen, eine sinnvolle Altersvorsorge betreiben? Die Verbraucherzentrale Hamburg rät Menschen wie Sophia Ikpoh, sich auf jeden Fall unabhängig beraten zu lassen. Der erste Weg sollte demnach auf keinen Fall zur Bank führen. Deren Anlageprodukte seien meist für Geringverdienende nicht geeignet, da sie mit hohen Kosten verbunden sind, wie Sandra Klug von der Verbraucherzentrale erklärt: "Das heißt, wenn ich nur sehr wenig einzahlen kann und davon wird mir dann auch noch was weggenommen, weil die Kosten so hoch sind, dann ist die Rendite am Ende natürlich noch schlechter."
Unabhängige Beratungsangebote
Auch von der Riesterrente in ihrer jetzigen Form rät die Expertin der Verbraucherzentrale als Altersvorsorge ab. Sie sei zwar von der Idee her eigentlich gut, aber die Produkte am Markt wären es nicht. Klug hofft, dass die geplante Reform der Riesterrente positive Folgen hat: "Vielleicht haben wir in Kürze vernünftige Produkte und können auch Verträge empfehlen." Bis es soweit ist, gelte es aber, abzuwarten.
Wichtig sei es, dass sich die Menschen schlau machen und über die vorhandenen Möglichkeiten informieren. Geeignet dafür seien etwa das Onlineangebot der Stiftung Warentest oder unabhängige Kurse, bei denen am Ende kein Produkt verkauft wird. Bei der Verbraucherzentrale kosten solche Kurse 35 Euro für zwei Stunden. Laut Klug wird man dort unabhängig und neutral beraten und bekommt die nötigen Informationen. Um den Rest könne man sich dann selbst kümmern, denn: "Das Ganze ist keine Raketenwissenschaft."
Jobwechsel auch mit Blick auf Versorgung im Alter
Sophia Ikpoh hat sich mittlerweile online schlau gemacht und ein Depot eröffnet. Wie viel oder wie wenig sie anlegt, kümmere da keinen. Am Ende aber zählt für sie jeder Euro. Nachdem sie ihren Traumberuf Raumausstatterin aufgegeben hat, fängt sie nun im Berufsleben noch einmal neu an. Sie absolviert eine dreijährige Ausbildung zur Fachangestellten für Arbeitsmarktdienstleistungen bei der Agentur für Arbeit.
Eine Festanstellung ist ihr nach dem Ende der Ausbildung bereits sicher. Als Einstiegsgehalt verdient sie dann nach eigener Aussage etwa 1.000 Euro mehr im Monat als mit neun Jahren Berufserfahrung als Raumausstatterin. Statistisch gesehen hätte sie dann einen für sie wichtigen finanziellen Aufstieg "geschafft": Statt zum unteren Fünftel gehört sie dann einkommenstechnisch zur Mittelschicht. Und kann dann endlich anfangen, nachhaltig fürs Alter vorzusorgen.