Social Media: Wie der NDR trügerische Fake News aufspürt
Die Abteilung Verifikation im NDR enttarnt Falschinformationen, die überwiegend auf Social Media kursieren. Die größte Herausforderung dabei sind Bilder und Stimmen, die mit Künstlicher Intelligenz (KI) geschaffen werden.
Fake News, Desinformation, Manipulation mit KI-Bots - in einer Zeit, in der Falschinformationen unsere Kommunikation fluten, sind faktenbasiertes Wissen und Orientierung essenziell. Passiert etwas Größeres wie ein Unglück, eine Naturkatastrophe oder ein Krieg, dann sind die Sozialen Medien voll mit erfundenen Bildern, Stimmen und Texten. Deshalb hat sich der NDR entschieden, nach dem Vorbild großer Medienhäuser wie der BBC oder der "Washington Post" ein Team zu gründen, das Fakten checkt und Dokumente, Fotos, Videos und Audios verifiziert.
Politische Akteure nutzen Fake News
"Demokratien leben von einer aufgeklärten Gesellschaft. Bestimmte politische Akteure haben es aber zu ihrer Strategie gemacht, mit Desinformationen und Falschinformationen Demokratien zu destabilisieren", sagt Sven Lohmann, Teamleiter der Verifikation im NDR. Dies versuche Trump in den USA im eigenen Land. Russische Akteure wiederum streuten gezielt falsche Informationen in Deutschland, um Unsicherheit und Misstrauen zu erzeugen. Auch in Deutschland gebe es Akteure, die falsche Informationen verbreiten oder durch das Weglassen von wichtigen Fakten falsche Eindrücke vermitteln.
"Wir prüfen nicht die eigenen Produkte, denn das ist ja journalistischer Standard, dass die Fakten in unseren Berichten stimmen", so Lohmann. "Wir beschäftigen uns mit Fake News, die auf Social Media kursieren, wenn sie eine gewisse Relevanz, einen gewissen Verbreitungsgrad erreichen und die politische Meinungsbildung beeinflussen."
Als Beispiel nennt Lohmann ein Video, das im Konflikt zwischen Israel und dem Iran Schlagzeilen machte, obwohl es nicht authentisch war. Der israelische Außenminister Gideon Saar teilte via Social Media den sechs Sekunden langen Film, der zeigen sollte, wie Israels Militär das Tor des berüchtigten Ewin-Gefängnisses in Teheran sprengte. Das Video wurde weltweit von zahlreichen Medien übernommen - es war auch in der Tagesschau und den Tagesthemen zu sehen. Erst im Nachhinein konnten nationale und internationale Faktenchecker Hinweise dafür finden, dass das Video mutmaßlich ein Fake war.
Ein Beispiel für eine Faktensammlung über öffentlich zugängliche Quellen ist die sogenannte russische Schattenflotte. Da Russland nicht verrät, welche Schiffe es benutzt, um beispielsweise Sanktionen gegen Öllieferungen zu umgehen, haben die Rechercheure Eignerschaft, Verkäufe und Schiffsbewegungen der vergangenen Jahre für eine Reihe von Schiffen nachvollzogen, um ein Muster zu erkennen und sie der "Schattenflotte" zuzuordnen.
Suche nach der Wahrheit - Journalisten vernetzen sich
Zusammenarbeit und Vernetzung ist bei der Suche nach der Wahrheit ganz wichtig, sagt Lohmann. Deshalb arbeiten unter dem Dach des ARD-Faktenchecks alle entsprechenden Einheiten der ARD, des Deutschlandfunks und der Deutschen Welle zusammen.
Am Anfang eines klassischen Faktenchecks steht immer die Frage nach den Quellen, ob ein vollständiges Bild der Faktenlage geboten wird oder ob Fakten nur ausschnittsweise wiedergegeben werden, um sie im eigenen Sinne zu interpretieren. Bei Dokumenten wird die Nachvollziehbarkeit geprüft und nach Widersprüchen gesucht. Bei Fotos und Videos geht es häufig darum, ob Proportionen oder Jahreszeiten zusammenpassen. "Wichtig zu wissen ist immer auch, wie sich welche Akteure warum verhalten", so Lohmann. "Auch staatliche Akteure sind nicht zwingend eine vertrauenswürdige Quelle."
Landtagswahl in MV - Faktenchecker beginnen Vorbereitung
Die Basis in der Verständigung von Menschen muss immer sein, dass die Fakten stimmen. "Das ist die Grundlage, auf der wir unsere Entscheidungen fällen - bis hin zu Wahlen", sagt Lohmann. Die nächste große Wahl in Norddeutschland ist die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September 2026. Die Vorbereitung darauf hat bei den Faktencheckern im NDR bereits begonnen. Denn schon viele Monate vorher wird überprüft, was Parteien im Wahlkampf sagen und versprechen.
KI: Kreative Seite schneller als die detektierende
Der größte Gegner von Faktencheckern heute ist die Künstliche Intelligenz. Zwar versuchen Journalistinnen und Journalisten, sich KI auch zunutze zu machen, aber KI-Tools zur Überprüfung von Bildern, Videos und Audioaufnahmen seien derzeit noch wenig aussagekräftig, so Lohmann. "Ich glaube, dass die kreative Seite der KI immer schneller sein wird als die detektierende", sagt er. "Deshalb sollten Newsrooms weiterhin mit Menschen ausgestattet sein, die in der Lage sind, Fakes zu enttarnen."