LNG: Deutschland importiert so viel Flüssiggas wie noch nie
Die Einfuhr von Flüssigerdgas hat in den vergangenen Monaten deutlich an Fahrt aufgenommen. Vor allem über das Terminal in Mukran auf Rügen kommt inzwischen viel mehr LNG. Das hat geopolitische Gründe.
Nach geringen Importzahlen zu Jahresbeginn haben die Importe von Flüssigerdgas (LNG) im Mai und Juni deutlich zugelegt. Mitte Juni wurden innerhalb einer Woche insgesamt drei Terawattstunden Erdgas ins Netz eingespeist – ein neuer Höchstwert. Zum Vergleich: Eine deutsche Großstadt verbraucht jährlich etwa zwei bis drei Terawattstunden.
Zwar gingen die Importe in der zweiten Juli-Hälfte wieder leicht zurück, sie bleiben jedoch im Vergleich zum ersten Quartal auf hohem Niveau. Zweieinhalb Jahre nach dem Start des ersten Terminals in Wilhelmshaven im Dezember 2022 speist Deutschland damit so viel LNG ein wie noch nie zuvor.
Besonders viel Erdgas über Mukran auf Rügen
Besonders stark ausgelastet ist das umstrittene Terminal Mukran auf Rügen. Daten der Bundesnetzagentur zufolge wurden dort im zweiten Quartal 10,2 Terawattstunden Erdgas eingespeist und damit deutlich mehr als an den anderen deutschen LNG-Terminals. In den ersten drei Monaten des Jahres lag der Anteil Mukrans an den LNG-Importen noch deutlich niedriger.
Rügen: Drehkreuz für Gaslieferungen nach Zentraleuropa
Dass der Standort Rügen an Bedeutung gewinnt, führt Energiemarkt-Analyst Andreas Schröder vom Marktdatenanbieter ICIS unter anderem auf geopolitische Entwicklungen zurück. Durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine rücke Europa in der Gasversorgung enger zusammen. "Rügen ist als Standort interessant, insbesondere für die Weiterlieferung von Gas in Richtung Zentraleuropa," so Schröder. "Das ist wichtig, weil Zentraleuropa - also zum Beispiel Tschechien, die Slowakei oder auch Österreich - seit Januar weniger Gas aus Russland bekommen."
Zuwächse auch in Wilhelmshaven und Brunsbüttel
An den Terminals in Wilhelmshaven und Brunsbüttel steigen die LNG-Einspeisungen ebenfalls. Grund dafür ist auch dort das Ziel, unabhängiger von russischen Gaslieferungen zu werden. Die Bundesregierung hatte deshalb den Ausbau der LNG-Infrastruktur beschleunigt. "LNG ist eine wichtige Quelle geworden, weil die Lücke, die durch den Wegfall der russischen Gaslieferungen entstanden ist, geschlossen werden muss", erklärt Geopolitik-Experte Andreas Goldthau.
Neben der gestiegenen Nachfrage spielen laut Marktexperte Schröder auch technische Faktoren eine Rolle: Nach weiteren Ausbauten seien die Terminals nun erstmals voll einsatzbereit. „In Brunsbüttel kann erst jetzt die volle Kapazität genutzt werden", erklärt Schröder. "Auch das Terminal in Mukran hatte anfangs Schwierigkeiten und logistisch komplexe Verfahren. Diese wurden mit dem neuen Rügenterminal vereinfacht. Jetzt ist es deutlich besser ausgelastet als zuvor.“
Im Sommer kaufen, im Winter verbrauchen
Hinzu kommt ein saisonaler Effekt: "Typischerweise ist Gas im Sommer etwas günstiger als im Winter, weil die Nachfrage im Winter höher ist", erklärt Energie-Experte Schröder. Daher sei es attraktiv für Firmen der Branche, im Sommer Gas einzukaufen, das dann zu speichern und im Winter zu verbrauchen. Die Gasspeicher würden jetzt für den Winter gefüllt - und Flüssiggas helfe dabei, obwohl der Anteil von Flüssigerdgas im Vergleich zum gesamten Import von Erdgas noch relativ niedrig ist - trotz der Rekordwerte.