Ein einzelner Mann sitzt in einer Kirche.
AUDIO: NDR Data zu Kirchenaustritten im Norden (1 Min)

Austritte und Todesfälle: Weniger Kirchenmitglieder im Norden

Stand: 02.04.2026 09:12 Uhr

Im Norden wenden sich immer mehr Menschen von der evangelischen oder katholischen Kirche ab. Die Zahl der Kirchenaustritte ist hoch. Für die Kirchen wird das zunehmend zum Problem.

von Katharina Bews und Frauke Reyer

Nicht immer hat der Kirchenaustritt etwas mit dem eigenen Glauben zu tun. So schreibt Petra aus Schleswig-Holstein in einer #NDRfragt-Umfrage: "Ich bin evangelisch erzogen. Mit Kinderkirche und Kinderkirchenchor. Der Glaube gab mir Trost. Das Christliche empfinde ich nach wie vor als Haltung in meinem Leben. Aber mit zunehmendem Bewusstsein nahm ich die Religion als Machtgefüge wahr und bin aus der Kirche ausgetreten." Viele handhaben es so wie die 66-Jährige aus Schleswig-Holstein: Sie sagen Ja zum Glauben, Nein zur Kirche.

Ein Drittel weniger evangelische Christen im Norden

In den vergangenen 20 Jahren hat die evangelische Kirche in den nördlichen Bundesländern 31 Prozent ihrer Mitglieder verloren. Nicht ganz so steil war der Abwärtstrend bei der katholischen Kirche in Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern: Sie hatte 16 Prozent weniger Mitglieder im Jahr 2024 gegenüber 2004.

"Vor Jahrzehnten war ja eher die Kirchenmitgliedschaft das Normale und der Austritt die Ausnahme", sagt Petra-Angela Ahrens, langjährige Referentin im Sozialwissenschaftlichen Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Damals habe man sich eher für einen Kirchenaustritt rechtfertigen müssen. Heute, so ihre Beobachtung, müsse man eher erklären, warum man Kirchenmitglied bleibt.

Niedersachsen: Jeder Zweite ist noch in der Kirche

Trotz des deutlichen Mitgliederschwunds spielen die christlichen Kirchen weiterhin eine wichtige Rolle in Norddeutschland. Insbesondere in Niedersachsen, wo im Jahr 2024 mehr als die Hälfte der Bevölkerung der evangelischen oder der katholischen Kirche angehörte. In Schleswig-Holstein waren es fast 42 Prozent, in Hamburg knapp 28 Prozent. Wie in allen ostdeutschen Bundesländern gehören auch in Mecklenburg-Vorpommern besonders wenig Menschen einer Kirche an - nur knapp 16 Prozent.

Viel mehr Todesfälle als Taufen

In den meisten Bundesländern werden heute deutlich mehr Menschen beerdigt als getauft – oft sogar doppelt so viele. Das zeigt, wie stark die Kirchenmitgliederzahlen sinken, selbst ohne zusätzliche Austritte. "Früher war es ganz selbstverständlich, Säuglinge oder Kleinkinder zu taufen, und diese Selbstverständlichkeit gibt es schon länger nicht mehr", sagt Kirchensoziologin Petra-Angela Ahrens. Hinzu kommt die demografische Entwicklung: Die Zahl älterer Menschen steigt, und mit ihr auch die Zahl der Beerdigungen.

Die EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs.

Die Vorsitzende des EKD-Rates sagte auf NDR Info, der Rückgang der Zahl der Kirchenmitglieder sei "schmerzhaft", teils sei dieser durch demografischen Wandel begründet.

Deutlich mehr Kirchenaustritte als vor 20 Jahren

Doch der Mitgliederschwund hat noch eine weitere Ursache: Immer mehr Menschen treten aktiv aus der Kirche aus. Die Zahl hat sich über einen Zeitraum von fast 20 Jahren etwa verdoppelt.

Viele Menschen sind im Alter zwischen 18 und Ende 20, wenn sie aus der Kirche austreten, so Gert Pickel, Kirchensoziologe von der Uni Leipzig. "Man muss nicht mehr mit den Eltern oder Großeltern in die Kirche gehen. Und man hat eine Arbeitsstelle angenommen und merkt, das kostet ja Geld, dass ich da Mitglied bin." Laut einer Studie der EKD zu Kirchenaustritten finden heutzutage mehr Kosten-Nutzen-Abwägungen statt als früher.

So schreibt Matthias (47) aus Hamburg bei #NDRfragt: "Ich bin zwar aus der Kirche ausgetreten, aber trotzdem bezeichne ich mich gern als Christ oder sogar Protestanten. Der Austritt hatte rein finanzielle Gründe und fiel mir wirklich nicht leicht." Die Ersparnis der Kirchensteuer liegt laut einer Untersuchung der Forschungsgruppe Weltanschauungen auf Platz vier. Deutlich wichtigere Austrittsgründe sind jedoch die sexuellen Missbrauchsskandale und dass die Kirche unglaubwürdig sei. "Leider ist mein Bild der Kirche durch die vielen Missbrauchsfälle gestört. Da läuft Vieles falsch, gerade in der Aufarbeitung. Deswegen bin ich ausgetreten", schreibt Claudia (60) aus Niedersachsen bei #NDRfragt. "Das Geld für die Kirchensteuer spende ich lieber für Kinder."

Neue Ideen, um Menschen in der Kirche zu halten

Um Mitglieder zu halten oder gar zurückzugewinnen, versuchen die Kirchen ganz unterschiedliche Wege: Sie laden zu offenen Krabbelgruppen, Nähtreffs und Spieleabenden ein - nicht nur für Gemeindemitglieder. Eine kompakte Pilgerreise zur Vorbereitung auf die Konfirmation oder auch Gruppentaufen unter freiem Himmel - zum Beispiel am Hamburger Elbstrand, im Lübecker Altstadtbad, an der Büsumer Lagune, am Strand von Schwerin und an anderen Orten im Norden. Solche Angebote werden zwar vielfach angenommen, können den Trend der schwindenden Mitglieder aber nicht umkehren.

Stillgelegte Kirchen verlängern den Weg zum Gottesdienst

Gleichzeitig werden die Kirchen für viele Mitglieder schwieriger zu erreichen. Immer mehr Gemeindezentren und Kirchen müssen stillgelegt werden, da sie nicht mehr finanzierbar sind. Durch die sinkenden Mitgliederzahlen, gibt es auch weniger Kirchensteuer-Einnahmen. Mindestens 46 katholische Kirchen und Kapellen sind im vergangenen Jahr deutschlandweit aufgegeben worden. Für die evangelische Kirche wurden bisher keine Zahlen veröffentlicht.

"Das sind wirkliche Dilemmata, in denen die Kirche steckt", sagt Petra-Angela Ahrens. Denn eigentlich müsse man näher an den Leuten dran sein, um sie in der Kirche zu halten.

Buntes Licht in der Kirche für Disco statt Gottesdienst.

Die Nordkirche ist jährlich mit Zehntausenden Austritten konfrontiert. Ihre Gemeinden werden kreativ.

Ein Altar-Arrangement mit einem Kruzifix mit goldener Jesusfigur in der Mitte.

Auch die Bistümer in Niedersachsen sind vom Mitgliederschwund betroffen. Grund dafür sind Austritte und Sterbefälle.

Eine Glocke steht vor einer leeren Kirchenbank.

Widerspenstige verlassen die Kirche, weil ihr Glaube ihnen nicht egal ist. Für die Institution Kirche sind diese Gläubigen eine Zumutung.

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