"Unerwäis": Chef und Schäfer Redlef Volquardsen
120 Milchschafe hat Landwirt Redlef Volquardsen: Die arbeiten alle mit ihm in seiner Schafskäserei in Tetenbüll (Kreis Nordfriesland). Und jedes der Schafe hat einen Namen, von Anke bis Zifa: Redlef Volquardsen ist kreativ, nützt ja nix.
Martha sei ein Schaf, dass er immer in der Herde erkennen könne, sagt er. Nicht nur, weil sie seit vielen Jahren eine wichtige Mitarbeiterin in seinem Betrieb ist und zweimal am Tag ihre Milch für seinen Käse hergibt, sondern auch, weil sie keinerlei Scheu vor Fremden hat: Martha kuschelt gerne. Gerade mit ihrem Chef, Redlef Volquardsen, auf der Wiese vor dem Hof auf Eiderstedt. Aber auch Badegästen rückt Martha freundlich und nachdrücklich auf den Pelz.
Zweimal die Woche bringt der Chef neue Besucherinnen und Besucher auf die Weide, denn zweimal die Woche ist Führung in der Friesischen Schafskäserei in Tetenbüll.
Sü en frasche mölkschäip koon tiin iir üülj wårde. Redlef Volquardsen, Schäfer
("So ein Friesisches Milchschaf kann zehn Jahre alt werden"),
erzählt er den Gästen dann immer. Martha ist unter den Augen des Chefs und Schäfers auf dem Hof zur Welt gekommen. Jedes Jahr im Frühjahr schenkt sie ihm ein bis drei Lämmer dazu. Die weiblichen, die auf dem Hof bleiben dürfen, brauchen dann auch wieder einen eigenen Namen.
Reichlich Lesestoff für Namensgebung
"Namensgenerator", "Wie soll mein Kind heißen?" oder "Schöne Babynamen finden": Redlef Volquardsen kennt die gängigen Titel auf dem Buchmarkt und hat in seinem Bücherschrank ein halbes Regal voll davon.
Wo sich werdende Eltern sorgsam um den bestpassendsten Namen für ihr Kind Gedanken machen, da fackelt der Chef längst nicht mehr lange: Hauptsache, der Name ist derzeit nicht in der Herde vorhanden und der erste Buchstabe der Lämmer ist deckungsgleich mit dem der Mutter. Marthas Lämmer müssen also immer mit "M" anfangen. "Och, Muka!" - Redlef ist gerade genervt.
Muka tritt das Geschirr ab
Es ist Melkzeit. Marthas Tochter Muka ist an diesem Morgen eine der ersten Schafdamen, die sich in den Melkstand gedrängt haben. Um Viertel vor sechs hat Redlef Volquardsen die ganze Herde von der Wiese hereingeholt. Ein malerischer Arbeitsweg. Ein Trampelpfad unter alten Bäumen führt direkt am Hofgraben entlang bis hoch zum Stall und in die Wartehalle. Dort harren die Schafe geduldig aus, bis sie an der Reihe sind. In den Melkstand selbst passen je 13 Schafe in zwei Reihen. Gerade also hat Redlef seiner Muka das Melkgeschirr auf die Zitzen gelegt und schon tritt sie es wieder herunter.
"Och, Muka!" Das ist ärgerlich, kommt aber schon mal vor. Noch immer ziemlich müde reinigt Redlef Mukas Euter zum zweiten Mal und legt das Milchgeschirr wieder an. Es ist warm hier drinnen und die Melkanlage pumpt die Milch in verlässlichem Rhythmus in den Behälter hier im Stall. Weiß und schaumig sammelt sie sich darin.
Schafsmilch im Kaffee
Redlef nimmt einen Schluck Kaffee - natürlich mit frischer Schafsmilch. Das frühe Aufstehen jeden Morgen macht ihm zu schaffen. Im Sommer ist es immerhin schon hell, wenn er die Schafe reinholt. Aber im Winter, bei Regen und Wind: Das ist schon manchmal ziemlich scheußlich, sagt er. Die zwei Stunden im Melkstand versöhnen ihn wieder. "Huum tört ai foole eeftertånke. Iinfåch rutiine-årbe än di däi fångt deerma önj" ("Man braucht nicht viel nachzudenken, das ist Routinearbeit und der Tag beginnt damit").
So kann er seinen Händen die Arbeit überlassen und dabei die Gedanken schweifen lassen: Pläne schmieden und sinnieren, was den Tag über noch ansteht.
Reifezeit im Käsekeller
Die Laibe im Käsekeller einzeln in die Hand zu nehmen und sorgfältig mit Salzlake abzureiben: Das steht fast jeden Tag auf dem Programm. Für ihn selbst oder für einen seiner Mitarbeitenden. Gerade ist Redlef im Eingangsbereich der Käserei in seine "Käsekeller-Gummistiefel" geschlüpft, jetzt schrubbt er sich gründlich die Hände und zieht sich seine Käseschürze über. Ja keine Keime eintragen. Schritt für Schritt steigt er die glitschige Treppe in den Käsekeller hinab. Hier ist es feucht und kühl, ideal für die Reifung von Käse.
Als er sich damals überlegt hat, ob und mit welcher Geschäftsidee er den Hof seiner Eltern und Vorfahren weiterführen möchte, kam ihm das alte Gewölbe direkt unter dem Wohnhaus der Familie gerade recht: Käse machen, das wär's doch. Ganz klein hat er damals - vor mehr als 20 Jahren - angefangen: mit einem 20-Liter-Einweck-Topf in der Wohnküche.
Di jarste säis wus fantastisch. Deer toocht ik, na, as jä åles gånz iinfåch. Redlef Volquardsen, Schäfer
("Der erste Käse war fantastisch. Da dachte ich, na, ist ja alles ganz einfach.")
Der zweite Käse schmeckte auch gut, aber ganz anders und so ging es weiter. Viele Versuche später bekommen er und seine Käserin und die anderen zwei- und vierbeinigen Mitarbeitenden es verlässlich hin, dass jede Käsesorte jedes Mal gleich schmeckt.
Friesisch verkauft sich gut
"Roter Friese“, "Frischer Friese", "Schwarzes Schaf" oder auch "Friesaki". Alles, was irgendwie mit "Friesisch" oder "Schaf" heißt, verkauft sich gut in Nordfriesland und auf Eiderstedt. Eine Beobachtung, die sie damals bei der Geschäftsentwicklung miteinbezogen haben: Friesische Schafskäserei. "Huum koon dan wörklik aw di noome seet?! Bai üs as dåt duch wörklik echt än wörklik frasch!" ("Wer kann denn wirklich auf den Namen setzen? Bei uns ist das doch wirklich echt und wirklich Friesisch").
So erklärt er es auch den Gästen. Die friesische Tradition, aus der Milch von ein paar Schafen Käse herzustellen, seine Friesische Sprache und sein Anspruch, natürliche Bio-Lebensmittel herzustellen, alles das thematisiert Redlef bei jeder Führung auf dem Hof. Und dann ist da ja auch noch Martha. Wer einmal mit ihr und den anderen Friesischen Milchschafen mitten in der Herde gekuschelt hat, der versteht das stille Glück, mit Schafen zu arbeiten, dem schmeckt der Käse vom Hof noch mal so gut. Redlef Volquardsen hat sich in seiner Lehrzeit in die Schafe und das Arbeiten mit Milch und Käse verliebt. "Ik mäi dåt hål!" ("Ich mag das gerne").
Jetzt einmal am Gatter laut pfeifen und alle kommen zum zweiten Mal an diesem Tag angerannt. Am Nachmittag ist wieder Melkzeit in der Friesischen Schafskäserei in Tetenbüll. Chef und Schäfer Redlef Volquardsen geht vorweg, Martha und Co. folgen ihm. Gerne.