Wie bitte? Friesisch? Was ist das denn?
"Friesisch für alle" heißt die friesische NDR 1 Welle Nord-Sendereihe am Mittwochabend. Doch eigentlich müsste sie heißen "Nordfriesisch für alle". Denn Friesisch bezeichnet als Oberbegriff nicht nur die Gesamtheit nordfriesischer sondern auch westfriesischer und ostfriesischer Dialekte.
"Tatsächlich ist die dialektale Vielfalt ein wesentliches Merkmal des Friesischen. Es nimmt aufgrund dieses Tatbestandes eine einzigartige Stellung in der germanischen Sprachenfamilie ein. Friesisch gliedert sich in drei Zweige: Westfriesisch ist in der Provinz Friesland der Niederlande verbreitet und wird von etwa 400.000 Menschen gesprochen. Ostfriesisch ist im eigentlichen Kernland ausgestorben, hat sich aber außerhalb Ostfrieslands in der oldenburgischen Gemeinde Saterland erhalten und ist für rund 2.000 Menschen die Muttersprache. Nordfriesisch [...] wird an der Nordwestküste des Bundeslandes Schleswig-Holstein sowie auf der Insel Helgoland gesprochen. [...]
Friesisch zählt gemeinsam mit dem Nieder- und Hochdeutschen, dem Niederländischen und dem Englischen zur westgermanischen Sprachengruppe. Mit dem Angelsächsischen zählt es zum Nordseegermanischen (Ingwäonisch). In zahlreichen Wörtern zeigen sich noch heute Ähnlichkeiten mit der englischen Sprache. 'Schlüssel' zum Beispiel heißt auf englisch key, auf Föhr kai, in der Bökingharde koie; 'Ärmel' auf englisch sleeve, auf Föhr sliaw und in der Bökingharde sliiw."
(Prof. Dr. Thomas Steensen, geb. 1951 in Bredstedt, von 1987- 2018 Direktor des Nordfriisk Instituut in Bredstedt und Christina Tadsen, von 1991 bis 2008 Sprachlektorin des Nordfriisk Instituut in Bredstedt: Friesisch und die Mehrsprachigkeit im Sprachenland Nordfriesland. In: Das große Nordfriesland-Buch, Ellert & Richter Verlag)
Und was ist Nordfriesisch?
Ein ungewohntes Bild für Gäste: In manchen Gegenden Nordfrieslands stehen zweisprachige Ortsschilder. "Bredstedt" steht da zum Beispiel schwarz auf gelb. Und darunter: "Bräist" - die nordfriesische Variante. Für viele Menschen in Nordfriesland ist diese Sprache vorrangiges Identitätsmerkmal. Sie ist häufig auch Grundlage eines Gefühls der Zusammengehörigkeit mit den "Sprach-Friesen" in Niedersachsen und denen in den Niederlanden - trotz großer sprachlicher Unterschiede. Der Westfriese zum Beispiel und die Nordfriesin können einander kaum verstehen.
Je näher Husum, je mehr Plattdeutsch
"Die sprachliche Sonderstellung des Nordfriesischen wurde durch einen erheblichen dänisch-jütischen Einfluss verstärkt, der auch den zentralen Wortschatz betraf. Selbst die dänische Verneinung ikke, ej wurde als ai, ei, ek für 'nicht' in die meisten nordfriesischen Dialekte aufgenommen. 'Junge' ist zum Beispiel im Dänischen dreng, auf Föhr und in der Bökingharde jeweils dring, 'Feuer' heißt auf dänisch ild, auf Föhr ial, in der Bökingharde iijl. Als Faustregel gilt, wie schon der erste nordfriesische Wörterbuchschreiber Boy Jacobsen 1745 bemerkte, dass je näher Husum, je mehr Plattdeutsch, je näher Tondern, je mehr Dänisch mit unterläuft. Selbstverständlich sind in der Gegenwart alle nordfriesischen Dialekte den über Medien, Schule usw. einströmenden hochdeutschen Einflüssen ausgesetzt. [...]"
(Prof. Dr. Thomas Steensen, geb. 1951 in Bredstedt, Direktor des Nordfriisk Instituut in Bredstedt und Christina Tadsen, stellvertretende Leiterin des Nordfriisk Instituuut in Bredstedt: Friesisch und die Mehrsprachigkeit im Sprachenland Nordfriesland. In: Das große Nordfriesland-Buch, Ellert & Richter Verlag)
Was gibt es denn für nordfriesische Dialekte?
"Ferteel iinjsen!" ("Erzähl mal!") heißt der nordfriesische Kurzgeschichtenwettbewerb der NDR 1 Welle Nord. Streng genommen heißt er so allerdings nur in der Bökingharde, der Gegend um Niebüll. Wer hier friesisch spricht, der spricht frasch. Wer dagegen auf der Insel Föhr friesisch spricht, der spricht fresk, oder besser - fering. Und seine Aufforderung zum erzählen lautet hier "fertel ens!".
Die nordfriesische Sprache besteht aus einer Vielzahl verschiedener Dialekte. In Nordfriesland unterscheidet man, jeweils von Nord nach Süd, folgende Hauptdialekte (die sich teilweise wiederum in verschiedene Unterdialekte aufgliedern):
Inselnordfriesisch:
- Syltring (sölring)
- Föhring-Amring (fering-öömrang)
- Helgoländisch (halunder)
Festlandsnordfriesisch:
- Wiedingharder (freesk)
- Bökingharder (frasch)
- Karrharder (fräisch)
- Nordergoesharder (fräisch, freesch)
- Mittelgoesharder (freesch)
- Halligfriesisch (freesk) [...]
Zweiteilung ins Insel- und Festlandsfriesische
Die drei inselnordfriesischen Hauptdialekte weisen teils erhebliche Unterschiede auf, sind aber bei aller Verschiedenheit untereinander enger verwandt als mit dem Festlandsnordfriesischen. Dieses bildet eher ein Kontinuum, weist also in der Regel nur graduelle Abweichungen auf. Dass für einen Gegenstand in den verschiedenen Dialekten völlig unterschiedliche Wörter benutzt werden, kommt nur selten vor. Eine solche Ausnahme bilden die friesischen Entsprechungen für "Tisch", der in der Bökingharde scheew, auf Föhr und Amrum boosel, auf Sylt staal, auf Helgoland taffel genannt wird.
Welche Ursachen haben die außergewöhnliche nordfriesische Dialektvielfalt herbeigeführt?
"Die Zweiteilung ins Insel- und Festlandsfriesische besteht schon von Anfang an. Die Friesen kamen nämlich in zwei Schüben aus ihrem ursprünglichen Siedlungsgebiet an der südlichen Nordseeküste hierher. Zunächst wurden ab dem 7. Jahrhundert vor allem die Inseln Sylt, Föhr, Amrum, Helgoland sowie das westliche Eiderstedt besiedelt. Vom 11. Jahrhundert an nahmen die Friesen systematisch auch das Festland in Besitz und machten das sumpfige Land urbar, indem sie die oberste Torfschicht abgruben - zeitweise wurde aus ihr Salz gewonnen - und sodann den Marschboden beackerten. Dass das Friesische der Halligen als Festlandsfriesisch gilt, ist auf die zum Zeitpunkt der Einwanderung ganz anders geartete Küstengestalt zurückzuführen.
Es gab kein nordfriesisches Staatswesen, das vereinheitlichend hätte wirken können. Ebenso fehlte ein auf die ganze Region ausstrahlendes politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum.
Die einzelnen nordfriesischen Harden (Verwaltungsbezirke) waren größtenteils durch Meeresarme, Flüsse oder sumpfige Niederungen voneinander getrennt und hatten verhältnismäßig wenig Verbindung miteinander. Sie entwickelten sich in vieler, vor allem auch in sprachlicher Hinsicht weitgehend unabhängig. Man identifizierte sich stark mit der eigenen Harde, der eigenen Insel und auch mit dem eigenen Dialekt, den man jeweils für 'das eigentliche', 'das reinste' Friesisch hielt."
(Prof. Dr. Thomas Steensen, geb. 1951 in Bredstedt, von 1987- 2018 Direktor des Nordfriisk Instituut in Bredstedt und Christina Tadsen, von 1991 bis 2008 Sprachlektorin des Nordfriisk Instituut in Bredstedt: Friesisch und die Mehrsprachigkeit im Sprachenland Nordfriesland. In: Das große Nordfriesland-Buch, Ellert & Richter Verlag)
Wer spricht Nordfriesisch?
Dem NDR 1 Welle Nord-Reporter, der eine Reportage aus der Gemeinde Alkersum auf Föhr macht, erzählt der ältere Herr stolz: "Uk dön jong lidj wat heer san snaake altermal fering; hoker nian fering snaaket as 'out' (auch die jungen Leute, die hier sind, sprechen friesisch; wer kein Friesisch spricht, ist "out"). "In" ist also, wer hier den heimatlichen Zungenschlag beherrscht - kein Wunder, neben der Gemeinde Risum-Lindholm auf dem Festland ist die Insel Föhr eine Hochburg des Nordfriesischen. Insgesamt sprechen in ganz Nordfriesland annähernd 10.000 Menschen Friesisch.
Seit 1800 als Schriftsprache verwendet
"Durch die Jahrhunderte war Friesisch die allgemein gebräuchliche Sprache in der Familie, im Dorf und im Nahbereich. Als Amts-, Kirchen- und Schulsprache herrschte jedoch spätestens seit der Reformation das Niederdeutsche. Nordfriesisch blieb lange auf den mündlichen Gebrauch beschränkt. Erst von etwa 1800 an wurde es zunehmend als Schriftsprache benutzt. Seitdem ist eine recht breite und vielfältige Literatur entstanden. Wie groß das Interesse ist, zeigten verschiedene Autorenwettbewerbe.
Die seit dem 19. Jahrhundert entstandene friesische Bewegung hat es sich zum Ziel gesetzt, friesische Sprache und Kultur zu bewahren und fortzuentwickeln. Lange Zeit wurden diese Bestrebungen jedoch von der übermächtigen nationalen Auseinandersetzung zwischen Deutsch und Dänisch im alten Herzogtum Schleswig überlagert und überschattet.
Friesische Vereine kulturell aktiv
Verschiedene friesische Vereine und Institutionen haben sich herausgebildet. Der Nordfriesische Verein, 1902 als erster Heimatverein für ganz Nordfriesland gegründet, umfasst mit den ihm angeschlossenen Vereinigungen heute etwa 5.000 Mitglieder. Er hat sich korporativ dem Schleswig-Holsteinischen Heimatbund angeschlossen. [...]
Die örtlichen friesischen Vereine leisten mit großem Engagement eine vielfältige kulturelle Arbeit. Sie bieten friesische Sprachkurse an, bemühen sich um friesisches Theaterspiel, unterhalten Tanz- und Trachtengruppen, richten zum Teil das 'Biikebrennen' aus, das jeweils am 21. Februar gefeierte 'Nationalfest' der Nordfriesen, setzen sich für Natur- und Denkmalschutz ein und vieles mehr.
Die rund 600 Mitglieder zählende Foriining for nationale Friiske, gegründet 1923 als friesisch-schleswigscher Verein, bemüht sich vor allem um die Förderung der friesischen Sprache in möglichst vielen Lebensbereichen. Die Foriining arbeitet mit der dänischen Minderheit zusammen und lässt sich politisch vom Südschleswigschen Wählerverband (SSW) vertreten. [...]
Nordfriisk Instituut setzt sich für Erforschung der Sprache ein
Als zentrale wissenschaftliche Einrichtung in Nordfriesland für die Pflege, Förderung und Erforschung der friesischen Sprache, Geschichte und Kultur dient seit 1965 das Nordfriisk Instituut in Bredstedt. Es wird von dem Verein Nordfriesisches Institut getragen, der 1948 gegründet wurde. Das Institut unterhält unter anderem eine Fachbibliothek und ein Archiv, gibt die Vierteljahresschriften 'NORDFRIESLAND' und 'Der Maueranker', das 'Nordfriesische Jahrbuch' sowie Bücher in deutscher und friesischer Sprache heraus. Es bietet Kurse, Vorträge, Seminare, Fachtagungen und Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen an. [...]
Friesisch auch in Kindergärten
Über ein eigenes Schulwesen verfügen die Nordfriesen - im Unterschied etwa zur dänischen Minderheit in Süd- und zur deutschen Minderheit in Nordschleswig - nicht. Stattdessen wird an den staatlichen Schulen sowie an einzelnen Schulen der dänischen Minderheit auch Friesisch unterrichtet. Seit den 1970er-Jahren konnte dies, wie zuvor schon einmal in den 1920ern, fast flächendeckend an allen Grund- und Hauptschulen im friesischen Sprachgebiet erreicht werden. Allerdings werden in der Regel nur vom dritten bis zum sechsten Schuljahr zwei Wochenstunden erteilt, und zwar auf freiwilliger Grundlage. Zunehmend berücksichtigt wird die friesische Sprache auch in Kindergärten. [...]
Im öffentlichen Leben wird der friesischen Sprache seit einigen Jahren mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Seit dies 1997 erlaubt wurde, haben mehrere Gemeinden ihre Ortstafeln zweisprachig deutsch-friesisch gestaltet. In vielen Orten gibt es auch friesische Straßenschilder. Manche Standesämter ermöglichen es Hochzeitspaaren, sich auf friesisch trauen zu lassen. Im kirchlichen Bereich werden seit einigen Jahren wieder gelegentlich Gottesdienste auf friesisch gehalten, die großen Zuspruch finden."
Nordfriesische Wörterbuchstelle in Kiel
An der Universität Kiel besteht seit 1950 die Nordfriesische Wörterbuchstelle, die bereits mehrere lexikalische Werke für den wissenschaftlichen und praktischen Gebrauch sowie friesische Lehrbücher und Sprachkurse herausgegeben hat. Geleitet wird die Wörterbuchstelle von dem Inhaber der 1978 eingerichteten Professur für Friesisch. Das Friesische Seminar an der Universität Flensburg dient vor allem der Ausbildung von Friesischlehrkräften; es ist zurzeit nicht hauptamtlich besetzt.
(Aus: Prof. Dr. Thomas Steensen: Die Nordfriesen. In: Kulturen-Sprachen-Minderheiten. Ein Streifzug durch die Dänisch-Deutsche Grenzregion)