Krank durch Musik: Wie die Branche ihre Talente verschleißt
Stress, Angst, Depression - über 70 Prozent unabhängiger Musiker leiden laut einer britischen Studie unter psychischen Belastungen. Besonders betroffen: Nachwuchskünstler. Und der Druck wächst weiter.
Vergangene Woche spielte Sängerin jolle vor 35.000 Menschen auf der Hamburger Trabrennbahn - als Support von Superstar Nina Chuba. Jolle hat das geschafft, wovon viele junge Menschen träumen: Sie macht Musik als Beruf, begeistert Zehntausende Fans, hat Freude auf der Bühne. Doch das fiel ihr früher gar nicht so leicht: "Bevor ich auf eine Bühne gegangen bin, hatte ich Todesangst. Ich dachte wirklich, ich gehe da jetzt raus und das wird die Blamage meines Lebens. Vor meinem ersten Auftritt habe ich mich sieben Mal übergeben. Ich kam mit dem Stress gar nicht gut klar."
Alkohol und Suizidgedanken: Jolles langer Weg zu sich selbst
Es ist nicht einfach nur Bühnenangst, die jolle umtreibt. Die Hamburgerin spricht seit Jahren öffentlich über ihre mentale Gesundheit. Im Alter von neun Jahren hat sie zum ersten Mal Suizidgedanken. Am Anfang ihrer Musikkarriere versucht sie, die Angst vor Auftritten mit Alkohol zu betäuben. Heute ist sie nüchtern, macht seit Jahren Therapie, hat eine Coachin an ihrer Seite und setzt bewusst Grenzen, zum Beispiel bei ihrem Tourplan. Doch das ist gar nicht so einfach in dieser schnelllebigen Branche - gerade, wenn man am Anfang der Karriere steht: "Es ist wahnsinnig schwer, weil die Branche einem das Gefühl gibt: Es gibt ein Momentum. Jeder hat dieses Momentum am Anfang seiner Karriere - so sagt man -, und wenn man das nicht mitnimmt, dann funktioniert es nicht. Das stimmt aber eigentlich nicht."
Suizidgedanken: Wo Betroffene Hilfe bekommen
Bei akuter Suizidgefahr: Notruf 112
Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (Tel.: 0800/111-0-111) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116 111; wochentags von 14 bis 20 Uhr)
Auf den Seiten der Deutschen Depressionshilfe sind Listen mit regionalen Krisendiensten und mit Kliniken zu finden. Zudem gibt es viele Tipps für Betroffene und Angehörige.
Über www.telefonseelsorge.de ist eine Online-Beratung möglich.
Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen bietet die Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: www.suizidprophylaxe.de.
In der deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige, um die Situation und die Versorgung Depressiver zu verbessern. Sie bieten Depressiven eine E-Mail-Beratung als Orientierungshilfe an.
Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).
0,4 Cent pro Stream: Wenn Musik kaum zum Leben reicht
Jolle hatte bereits vor ihrer Karriere mit ihrer psychischen Gesundheit zu kämpfen. Doch auch die Strukturen innerhalb der Branche lassen viele Nachwuchskünstler ausbrennen. Touren, Nachtarbeit und kreativer Druck sind das Eine. Doch vor allem die Konkurrenz wird seit Jahren immer größer: Heute kann jeder Musik veröffentlichen, KI-Musik ist auf dem Vormarsch.
Nachwuchskünstler müssen ständig neue Songs liefern, ständig Content auf Social Media posten, um relevant zu bleiben. Am Anfang der Karriere in Eigenregie. Sie müssen viel mehr Aufgaben gleichzeitig stemmen, sagt Nathalie Mong, Psychotherapeutin und Coach für Newcomer. "Auch die Einkommensmöglichkeiten haben sich verändert. Das ist allen bekannt: Vorher gab es die CDs, heute gibt es 0,4 Cent pro Stream. Auch live hat sich seit Corona und aufgrund der Inflation viel verändert: geringere Einkommensmöglichkeiten, also finanzieller Stress."
Tour durch kleine Clubs spielt nicht genug ein für Band
Das bestätigt auch Jeremias Otto vom Landesverband zur Förderung von Popularmusik in Niedersachsen. Er ist selbst Musiker und sagt, dass der Kostendruck auch dazu führe, dass sich immer mehr Musiker alleine durchschlagen - ein weiterer Faktor, der auf die Psyche schlagen kann: "Du kannst nicht eine Tour spielen durch 200er-Clubs - selbst wenn die alle ausverkauft sind - und davon vier Leute in der Band bezahlen. Das funktioniert nicht mehr", betont er.
Die logische Konsequenz davon sei, dass weniger Menschen in diesen Musikprojekten stecken und viel mehr Aufgaben auf die einzelnen Personen verteilt seien. "Man muss gleichzeitig Bookerin, Promoterin, Artist und Produzentin sein, um in diesem professionellen Sektor zu bestehen", so Otto.
Ein Umdenken setzt ein - aber reicht das?
Es scheint sich auch etwas zu verändern: Immer mehr große Musiker wie Nina Chuba, Lewis Capaldi oder Shawn Mendes, sprechen über ihre mentale Gesundheit, gönnen sich Pausen. Der Label-Riese Universal Music hat kürzlich das Projekt "Bridges" gegründet. Psychologen begleiten junge Künstler über mehrere Monate und unterstützen sie bei mentalen Herausforderungen. Bei Branchentreffen wie dem "pop meeting" in Hannover kommt das Thema immer wieder auf die Agenda.
Auch Beispiele wie Sängerin jolle machen Mut. Jolle konnte sich durch ein zweites Standbein finanziell unabhängig machen und hat viel Unterstützung durch ihr Team, sagt sie. Das sei ein Privileg. Aber es zeigt auch: Musikmachen, ohne daran kaputt zu gehen, ist möglich: "Ich bin der Beweis dafür, dass man eine gesunde Karriere haben kann, in der man nicht über seine Grenzen geht, in der man nicht seine Seele verkauft und in der man durchaus auf seine Gesundheit achten kann."