Sonnenstrahlen durch die Wolken über Wasser umgeben von Bergen.
AUDIO: Farbpracht und emotionale Tiefe - Teil 1/2 (56 Min)

Die Reise einer Seele: Edward Elgars "The Dream of Gerontius"

Stand: 14.09.2026 14:18 Uhr

Was passiert mit unserer Seele, wenn wir sterben? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Und wenn ja, wie könnte das aussehen? Der britische Komponist Edward Elgar hat diesen philosophischen Gedanken ein ganzes Oratorium gewidmet.

von Marcus Stäbler / Onlineversion Miriam Stolzenwald

Die Fragen nach dem "Wohin geht es nach dem Tod" beschäftigen die Menschen schon lange. Verschiedene Religionen haben darauf unterschiedliche Antworten. Eine berühmte Vision aus katholischer Sicht stammt vom britischen Kardinal John Henry Newman und seinem Gedicht "The Dream of Gerontius" - der Traum des Gerontius.

Es erzählt davon, wie die Seele eines alten Mannes ihre letzte Reise antritt. Sie kommt nach dem Tod ins Jenseits und gelangt bis zur Läuterung im Fegefeuer. Der Komponist Edward Elgar hat dieses Gedicht zur Grundlage seines Werks "The Dream of Gerontius" gemacht. Ein wichtiges Stück der englischen Chormusik, das in Großbritannien sehr beliebt ist.

Richard Wagners Musikdrama als Vorbild

Obwohl er einen geistlichen Stoff vertont, bezeichnete Elgar das Stück nie als Oratorium. Er verzichtet auf den oratorientypischen Wechsel von separaten Arien, Chören und Ensembles und folgt stattdessen eher dem Modell des Musikdramas nach dem Vorbild von Richard Wagner, den Elgar sehr verehrte. Das spürt man gleich zu Beginn des Werks, in einem instrumentalen Vorspiel. Es erinnert mit seinen weichen Konturen und der weihevollen Aura nicht zufällig an die Klangsprache von Wagners "Parsifal".

Elgars Kunst, die Stücke zu verweben

Mit seiner gedeckten Stimmung führt dieses Vorspiel direkt in die erste Szene des Stücks: Ein alter Mann namens Gerontius - der Name ist angelehnt an das griechische Wort für Greis - liegt im Sterben. Er spürt, dass er an der Schwelle zum Tod steht und spricht zu Jesus und Maria, er bittet um Gnade.

Der sterbende Gerontius bittet seine Freunde, für ihn zu beten. Sie erhören ihn und stimmen ein Kyrie an. Diese Passage ist ein schönes Beispiel dafür, wie Elgar die verschiedenen Abschnitte des Stücks ineinander verwebt. Zu den letzten Worten des Solisten setzen gleich schon die Mitglieder des Chores mit ihrem Kyrie ein.

Angst, Schmerz und Feierlichkeit in Musik gegossen

Nachdem die Freunde von Gerontius für ihn gebetet haben, fällt auch Gerontius selbst in ein Gebet, diesmal in lateinischer Sprache. Anders als in der ersten Arie des Gerontius, hat Elgar der Musik hier eine stärkere Dringlichkeit eingeschrieben. Man spürt die Angst und die Schmerzen des sterbenden Mannes.

Ein Sonnenuntergang mit Lichtring im Schnee.

Dieses Werk ist nur selten zu hören. Der Dirigent David Temple bringt die Komposition nach biblischen Texten zum Leuchten.

Nach seinem Tod setzt Elgar eine deutliche Zäsur, mit einer der wenigen etwas längeren Generalpausen des Stücks. Dann tritt ein Priester auf, der dem verstorbenen Gerontius den letzten Segen spendet. Edward Elgar unterstreicht die feierliche Stimmung mit majestätischen Akkorden der Blechbläser.

Der erste Teil von Edward Elgars "The Dream of Gerontius" endet mit einem Chor, in dem der Priester und die Freunde des Gerontius zusammenkommen und dem Verstorbenen Frieden wünschen.

Neuer Schauplatz und andere Atmosphäre im zweiten Teil

Nach den teilweise ziemlich dunklen und auch dramatischen Phasen im ersten Teil des Stücks, herrscht im zweiten, deutlich längeren Teil eine ganz andere Stimmung: Hier führt der Text des Kardinals John Henry Newman und mit ihm Elgars Werk ins Jenseits. Alle irdischen Konflikte sind längst abgestreift. Diese friedvolle Atmosphäre inszeniert Elgar gleich in der instrumentalen Einleitung, mit einer Musik, die an den Charakter eines Wiegenlieds erinnert.

Die Seele findet ihren Schutzengel

Nach der instrumentalen Einleitung kommt der verstorbene Gerontius zu Wort, beziehungsweise seine Seele. Sie singt davon, wie sie schlafen gegangen ist und sich jetzt erfrischt fühlt. Sie spürt eine unaussprechliche Helligkeit in sich und einen neuen Sinn von Freiheit. Die Seele des Verstorbenen spürt, dass sie nicht alleine ist, sie hört eine Melodie, kann sie aber nicht zuordnen. Diese Melodie stammt von ihrem Schutzengel, der die Seele von jetzt an begleiten wird.

Die Seele des Verstorbenen Gerontius und ihr Schutzengel haben zusammengefunden. Die Seele weiß jetzt, was auf sie zukommt: Sie befindet sich auf dem Weg zum Thron Gottes, um von ihm über sich richten zu lassen. Diesen Weg beschreibt Edward Elgar in seinem zweiten Teil von "The Dream of Gerontius". Dieser ist am 20. September in der Reihe Chormusik auf NDR Kultur zu hören.

Hören Sie die Chormusik-Sendung von Marcus Stäbler vom Sonntag, 13. September 2026 auch in ARD Sounds. Die Chormusik können Sie auch als Podcast abonnieren - in ARD Sounds und überall, wo es Podcasts gibt.

Nahaufnahme von Notenblättern mit lila und roter Beleuchtung. Darauf liegt der Schriftzug "CHOR MUSIK" in großen weißen und rosa Buchstaben.

In der Sendung präsentieren wir Singen auf höchstem Niveau. Chormusik aus allen Jahrhunderten, aus allen Ländern und Zeiten und Chöre aus aller Welt.

Die NDR Radiophilharmonie mit Chefdirigent Stanislav Kochanovsky

In kaum einer anderen Komposition hat sich Elgars komplexe Persönlichkeit so niedergeschlagen wie in dieser Sinfonie.

Menschen sitzen am Lagerfeuer und singen

In ganz Europa haben Menschen sie geschrieben - heute werden sie oft am Lagerfeuer gesungen: Eine Reise durch europäische Volkslieder.

Ein Mann mit grauen Haaren und Brille, blau kariertem Hemd und rotem Pollunder sitzt an einem Schreibtisch und komponiert, vor ihm Noten und Schreibwerkzeuge. Es ist Sir John Rutter.

Er komponiert für Laien und für Profis: John Rutter hat es geschafft, Chormusik für alle zugänglich zu machen. Sein Leben im Zeichen der Chormusik.

Chorleiter und Dirigent Simon Halsey beim Dirigieren

Der britische Chordirigent Simon Halsey gilt als einer der besten seines Fachs und begeistert Profis und Laien.

Hornistin des NDR Jugendsinfonieorchesters spielt Elgars Enigma-Variationen

Edward Elgars Enigma-Variationen stehen auf dem Programm des NDR Jugendsinfonieorchesters unter der Leitung von Stefan Geiger.

Dirigent Sakari Oramo beim Konzert mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester in der Elbphilharmonie.

Das NDR Elbphilharmonie Orchester spielt Edward Elgars Zweite Sinfonie unter der Leitung von Sakari Oramo.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Chormusik - Klangwelten der Vokalmusik entdecken | 06.09.2026 | 17:00 Uhr

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