Die Reise einer Seele: Edward Elgars "The Dream of Gerontius"
Was passiert mit unserer Seele, wenn wir sterben? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Und wenn ja, wie könnte das aussehen? Der britische Komponist Edward Elgar hat diesen philosophischen Gedanken ein ganzes Oratorium gewidmet.
Die Fragen nach dem "Wohin geht es nach dem Tod" beschäftigen die Menschen schon lange. Verschiedene Religionen haben darauf unterschiedliche Antworten. Eine berühmte Vision aus katholischer Sicht stammt vom britischen Kardinal John Henry Newman und seinem Gedicht "The Dream of Gerontius" - der Traum des Gerontius.
Es erzählt davon, wie die Seele eines alten Mannes ihre letzte Reise antritt. Sie kommt nach dem Tod ins Jenseits und gelangt bis zur Läuterung im Fegefeuer. Der Komponist Edward Elgar hat dieses Gedicht zur Grundlage seines Werks "The Dream of Gerontius" gemacht. Ein wichtiges Stück der englischen Chormusik, das in Großbritannien sehr beliebt ist.
Richard Wagners Musikdrama als Vorbild
Obwohl er einen geistlichen Stoff vertont, bezeichnete Elgar das Stück nie als Oratorium. Er verzichtet auf den oratorientypischen Wechsel von separaten Arien, Chören und Ensembles und folgt stattdessen eher dem Modell des Musikdramas nach dem Vorbild von Richard Wagner, den Elgar sehr verehrte. Das spürt man gleich zu Beginn des Werks, in einem instrumentalen Vorspiel. Es erinnert mit seinen weichen Konturen und der weihevollen Aura nicht zufällig an die Klangsprache von Wagners "Parsifal".
Elgars Kunst, die Stücke zu verweben
Mit seiner gedeckten Stimmung führt dieses Vorspiel direkt in die erste Szene des Stücks: Ein alter Mann namens Gerontius - der Name ist angelehnt an das griechische Wort für Greis - liegt im Sterben. Er spürt, dass er an der Schwelle zum Tod steht und spricht zu Jesus und Maria, er bittet um Gnade.
Der sterbende Gerontius bittet seine Freunde, für ihn zu beten. Sie erhören ihn und stimmen ein Kyrie an. Diese Passage ist ein schönes Beispiel dafür, wie Elgar die verschiedenen Abschnitte des Stücks ineinander verwebt. Zu den letzten Worten des Solisten setzen gleich schon die Mitglieder des Chores mit ihrem Kyrie ein.
Angst, Schmerz und Feierlichkeit in Musik gegossen
Nachdem die Freunde von Gerontius für ihn gebetet haben, fällt auch Gerontius selbst in ein Gebet, diesmal in lateinischer Sprache. Anders als in der ersten Arie des Gerontius, hat Elgar der Musik hier eine stärkere Dringlichkeit eingeschrieben. Man spürt die Angst und die Schmerzen des sterbenden Mannes.
Nach seinem Tod setzt Elgar eine deutliche Zäsur, mit einer der wenigen etwas längeren Generalpausen des Stücks. Dann tritt ein Priester auf, der dem verstorbenen Gerontius den letzten Segen spendet. Edward Elgar unterstreicht die feierliche Stimmung mit majestätischen Akkorden der Blechbläser.
Der erste Teil von Edward Elgars "The Dream of Gerontius" endet mit einem Chor, in dem der Priester und die Freunde des Gerontius zusammenkommen und dem Verstorbenen Frieden wünschen.
Neuer Schauplatz und andere Atmosphäre im zweiten Teil
Nach den teilweise ziemlich dunklen und auch dramatischen Phasen im ersten Teil des Stücks, herrscht im zweiten, deutlich längeren Teil eine ganz andere Stimmung: Hier führt der Text des Kardinals John Henry Newman und mit ihm Elgars Werk ins Jenseits. Alle irdischen Konflikte sind längst abgestreift. Diese friedvolle Atmosphäre inszeniert Elgar gleich in der instrumentalen Einleitung, mit einer Musik, die an den Charakter eines Wiegenlieds erinnert.
Die Seele findet ihren Schutzengel
Nach der instrumentalen Einleitung kommt der verstorbene Gerontius zu Wort, beziehungsweise seine Seele. Sie singt davon, wie sie schlafen gegangen ist und sich jetzt erfrischt fühlt. Sie spürt eine unaussprechliche Helligkeit in sich und einen neuen Sinn von Freiheit. Die Seele des Verstorbenen spürt, dass sie nicht alleine ist, sie hört eine Melodie, kann sie aber nicht zuordnen. Diese Melodie stammt von ihrem Schutzengel, der die Seele von jetzt an begleiten wird.
Die Seele des Verstorbenen Gerontius und ihr Schutzengel haben zusammengefunden. Die Seele weiß jetzt, was auf sie zukommt: Sie befindet sich auf dem Weg zum Thron Gottes, um von ihm über sich richten zu lassen. Diesen Weg beschreibt Edward Elgar in seinem zweiten Teil von "The Dream of Gerontius". Dieser ist am 20. September in der Reihe Chormusik auf NDR Kultur zu hören.
Hören Sie die Chormusik-Sendung von Marcus Stäbler vom Sonntag, 13. September 2026 auch in ARD Sounds. Die Chormusik können Sie auch als Podcast abonnieren - in ARD Sounds und überall, wo es Podcasts gibt.