Album der Woche: Tenebrae und die Kunst des perfekten Chorklangs
Das britische Ensemble Tenebrae gilt als einer der besten Kammerchöre der Welt. Für den 25. Geburtstag hat die Gruppe ein neues Album aufgenommen: "The Journey" vereint A-cappella-Werke von Komponistinnen und Komponisten der Gegenwart.
Eine schlichte Melodie, gesummt im Unisono. Die Sängerinnen und kurz darauf auch die Sänger von Tenebrae verschmelzen zu einer Einheit. Schon hier, in den ersten Takten, ist die Ausnahmequalität zu erahnen. So einheitlich und homogen klingen nicht viele Chöre auf der Welt.
"The Journey", also "die Reise", so heißt das Titelstück von Jason Max Ferdinand. Damit beginnt das Album. Es ist eins der Auftragswerke, die zum 25-jährigen Jubiläum von Tenebrae entstanden sind, und es unternimmt selbst eine Reise. Aus der einstimmigen Melodie erwächst allmählich eine Art Hymne, die sich immer weiter auffächert, bis sie von einer strahlenden Sopranstimme gekrönt wird.
Luftige Frauenstimmen und raue Männerakkorde
Er ist schon ein Luxusklangkörper, dieser Kammerchor. Stark, welchen Sound das Ensemble in allen Registern entfacht und wie lupenrein es jeden Ton auf den Punkt bringt. Um diese Qualitäten wissen die Komponistinnen und Komponisten natürlich, die für Tenebrae schreiben. Das merkt man den Stücken an.
Auch in "The Wanderer" von Sarah Henderson, in dem sie luftige Rhythmen der Frauenstimmen mit rauen Akkordflächen der Männer kontrastiert. Da passt einfach alles, das kann man kaum besser singen. Und das gilt für viele Werke auf dem Album.
Glasklare Klänge über die Vergänglichkeit
Tenebrae demonstriert sein Topniveau - ob in der Einleitung des Stücks "The Gallant Weaver" von James MacMillan mit seinen ätherischen Sopranklängen, oder beim faszinierenden "Media vita" von Kerensa Briggs, das über die Vergänglichkeit des Lebens reflektiert. Dort leuchten der Dirigent Nigel Short und sein Ensemble mit glasklarem Klang die geheimnisvollen Akkorde aus.
Von solchen herberen Momenten hätte ich mir persönlich noch etwas mehr gewünscht. Viele Stücke auf dem Album sind sehr eingängig. Das beliebte "On the Nature of Daylight" von Max Richter gleitet für meine Ohren in der Chorfassung sogar ziemlich nahe an die Kitschgrenze heran. Deshalb wären ein paar richtig widerständige Sounds und moderne Farben sicher eine gute Ergänzung gewesen. Aber das ist natürlich Geschmackssache.
Ein Album voller starker Stimmen und großer Momente
Der Einwand ändert nichts am Gesamteindruck: Das Album präsentiert viele schöne, teilweise großartige Stücke aus der zeitgenössischen Chormusik in Großbritannien und den USA. Und das Ensemble Tenebrae bekräftigt unter Nigel Short seinen hervorragenden Ruf; es ist für mich einer der besten Kammerchöre der Gegenwart.
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