Jazz-Musiker Felsch über John Coltrane: "Ein Übervater des Saxofons"
Vor 100 Jahren wurde John Coltrane geboren. Er gilt als einer der prägendsten Saxofonisten der Jazzgeschichte. Sein Album "A Love Supreme" machte seine Musik zu einem spirituellen Erlebnis.
Im Gespräch erzählt Fiete Felsch, Saxofonist der NDR Bigband und Professor an der Hamburger Musikhochschule, von Coltranes technischem Können, seiner spirituellen Kraft und dem nachhaltigen Einfluss seiner Musik auf Generationen von Musikerinnen und Musikern.
Du hast in einem Coltrane-Konzert Altsaxofon, Tenorsaxofon, Sopransaxofon, Blockflöte, Querflöte und Klarinette gespielt. Warum müssen die Saxofonisten eigentlich alles spielen?
Fiete Felsch: Das hat ein bisschen damit zu tun, dass ich das schon seit Jahren gerne mache, und Arrangeure wissen, dass sie jemanden bitten können, auch mal eine Blockflöte aus der Tasche rauszuzaubern. Wir müssen als Saxofonisten alle Nebeninstrumente bedienen, sogar vertraglich. Man hat sich auf bestimmte Sachen spezialisiert, und ich spiele auch sehr gerne Flöte und Klarinette.
Du hast in Amerika an der University of North Texas studiert. Welche Rolle hat da John Coltrane für Dich gespielt?
Felsch: Ich bin hauptsächlich Altsaxofonist, und Coltrane hat auf einigen Aufnahmen auch Altsaxofon gespielt. Er ist ein Übervater des Saxofons, und er hat auch über die Jazz-Welt hinaus durch seine Religiösität, seine Spiritualität viele Leute angesprochen, die vielleicht keine reinen Jazz-Liebhaber sind. Technisch war er ein wahnsinnig moderner Spieler, der auch heute noch Maßstäbe setzt. Er hat unfassbar viel geübt, auch nach den Proben, und Leute damit teilweise richtig in den Wahnsinn getrieben. Nach dem Spielen von eher traditionellem Material war das ein Türöffner in das volle Universum der Musik.
Du bist seit 2019 selber Hochschullehrer. Wie ist das mit Deinen Studierenden, musst Du denen so etwas hinterhertragen? Die haben ja noch viel mehr Musik vor den Füßen liegen.
Felsch: Das würde ich so nicht sagen. Coltrane ist als Improvisator, als Themengeber jemand, der sich mit speziellen Harmonien befasst hat, der eine Öffnung in Richtung modaler, offener Spielweise betrieben hat - etwa die extrem langen Soli. Da kommt man überhaupt nicht dran vorbei, und das wird auch freiwillig gerne gehört und auch versucht nachzuspielen.
Man transkribiert diese Soli wirklich Note für Note und spielt das dann. Hast Du das auch mal gemacht?
Felsch: Ich habe das auch gemacht. Es gab einen legendären Saxofonisten, der als erster Transkription in sehr großem Umfang betrieben hat, nämlich Andrew White. Da gab es auch Quellen, wo man diese gesamten Soli bekommen und auch nachspielen konnte. Ich habe meistens die Tenor-Soli auf dem Sopran gespielt, teilweise auch auf dem Tenor. Es ist sehr anspruchsvoll.
In welche Stimmung kommt man dabei?
Felsch: Das ist schon eine Weile her - Coltrane ist ja gestorben, als ich geboren wurde -, insofern hat das für mich immer noch eine wahnsinnig heilende und angenehme Grundaura, die aber bisweilen auch bluesig ist und gar nicht nur technisch oder rein intellektuell zu betrachten ist. Der Sound hat auch etwas wahnsinnig Hymnisches, was mit Sicherheit auch aufgrund von Coltranes Herkunft zu erklären ist. Er kommt aus einer extrem religiösen Familie und hat auch sein Spiel immer als etwas Religiös-Spirituelles begriffen: the healing force of the universe.
In einer Kirche in San Francisco wird zum Beispiel mit seiner Musik die Liturgie bestritten. Kannst Du erklären, wie sich das in der Musik niederschlägt?
Felsch: Das zu erklären, ist schwierig. Man muss da einfach nur reinhören. Es ist eine Festigkeit, eine Klarheit im Ton und im Ausdruck. Es gibt zum Beispiel Aufnahmen von 1957 von Thelonious Monk, mit dem er auch jahrelang zusammengespielt hat, wo er eigentlich gar nicht so exorbitant technisch-komplizierte Dinge spielt, aber ein Thema durch seine tonische Kraft trägt. Das ist hymnisch, es ist eine gute Beschreibung für dieses: Ich weiß, was ich sage, warum ich es sage, und ich glaube daran, was ich spiele.
Das Gespräch führte Mischa Kreiskott.