VEREINT im Norden: Kunst als Bindeglied für Generationen
VEREINT im Norden ist die Programmaktion, mit der der NDR das vielfältige Vereinsleben in Norddeutschland zeigen möchte. Im Hamburger Bucerius Kunstforum werden Jugendliche zu Kunstvermittlern für Senioren. Dabei entstehen Begegnungen, Gespräche und neue Perspektiven.
Im Bucerius Kunstforum in Hamburg finden regelmäßig Führungen statt, in denen Schülerinnen und Schüler der Oberstufe des Hamburger Wilhelm-Gymnasiums Besuchergruppen durch die wechselnden Ausstellungen begleiten. Der neue Kurs des Kunstprofils der Schule hat zum ersten Mal eine Gruppe Seniorinnen und Senioren in die Welt des Fotografen F.C. Gundlach eingeführt.
"Keine Sorge, wir stellen nur dumme Fragen!"
Die Stimmung ist locker, es wird gelacht und getuschelt und alle sind ein bisschen aufgeregt. Rund 25 Menschen zwischen Mitte 50 und Anfang 90 sitzen an Tischen in einem Raum im Untergeschoss des Kunstforums, sie blicken gespannt nach Vorne. Den Schülerinnen und Schülern, die mit angehefteten Namensschildern vor der Gruppe aufgereiht stehen, ist anzumerken, dass sie es kaum erwarten können, dass es endlich los geht.
Christine, eine der Seniorinnen, spricht für die ganze Gruppe, und versichert: "Wir sind immer eine pflegeleichte Truppe, die dankbar dafür ist, dass sie hier sein und mit euch durch die Ausstellungen gehen darf und euer Wissen aufnehmen kann. Keine Sorge, wir stellen nur dumme Fragen!" Das sorgt für erleichtertes Gelächter auf allen Seiten.
Junge Leute gehen auf ältere Menschen zu
Kunstlehrer Uwe Niemann fordert die Schülerinnen und Schüler auf, sich ihre Partnerinnen und Partner zu suchen. Die Jugendlichen laufen los, es entsteht ein großes Gewusel und es ist beeindruckend, wie leicht es allen fällt, aufeinander zuzugehen. Ein Vierergespann besteht aus dem Ehepaar Helmut und Inge, sie sind 92 und 84 Jahre alt. Sie werden von den beiden 16-Jährigen Janne und Molly durch die Ausstellung begleitet. Die Gruppe betrachtet die Fotos und schaut sich immer wieder auch gegenseitig an. Sie sprechen, lachen und lernen voneinander.
Ähnlich läuft es bei Peter und Amelie. Die Schülerin beschreibt professionell und leidenschaftlich zugleich einzelne Fotografien F.C. Gundlachs: "Es sind fast 200 Bilder. Die Modefotografien sind sehr bekannt - die kennt man."
Kunst als Katalysator, um ins Gespräch zu kommen
Kunstlehrer Uwe Niemann wundert dieser intensive Austausch nicht, er begleitet seine Schülerinnen und Schüler seit Jahren auf diesem Weg: "Kunst ist offenbar ein wunderbarer Katalysator, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Das ist auch das Ziel hier!" Seine Schülerinnen und Schüler werden unter anderem vom Bucerius Kunstforum ausgebildet und können gute Vorträge über die Bilder halten. Aber darum gehe es nicht nur, sagt Kunstlehrer Niemann. "Es geht darum, mit dem Gast ins Gespräch zu kommen."
Zwei Jahre lang begleiten die Schülerinnen und Schüler des Kunstprofils des Wilhelm-Gymnasiums unterschiedlichste Gruppen durch die wechselnden Ausstellungen. Dazu gehören andere Schulklassen, im selben Alter oder auch ein bisschen älter oder jünger, Gruppen geflüchteter Menschen und Seniorinnen und Senioren. Das ist eine riesige Herausforderung für die zu Beginn meist erst 15- oder 16-Jährigen Schülerinnen und Schüler.
Jung und Alt treffen sich zwei Jahre lang
Philipp ist erleichtert, dass er es mit Wila so gut getroffen hat - und umgekehrt: "Ich habe viel von Philipp gelernt", sagt die Seniorin. Und auch Philipp fand es angenehm mit Wila. "Sie redet fast mehr als ich. Ich war anfangs nur ein bisschen nervös."
Es ist inzwischen Teil des Konzepts, dass die allererste Führung für die Schülerinnen und Schüler mit kulturbegeisterten und deutlich älteren Menschen stattfindet, so Lehrer Uwe Niemann: "Sie sind sehr wohlwollend und unterstützen die Schüler. Man lernt sich über zwei Jahre kennen und man begegnet sich wieder. Es ist ein Geben und Nehmen, ein Hin und Her und alle profitieren oder sind glücklich miteinander."