Reich des Todes
AUDIO: "Reich des Todes": Wie 9/11 die Gegenwart bis heute prägt (4 Min)

Reich des Todes – Hörspiel zu 25 Jahre 9/11

Stand: 04.09.2026 09:04 Uhr

Die Erinnerung an die Terroranschläge vom 11. September 2001 mag verblassen – die politische Epoche, die mit dieser Zäsur begann, dauert bis heute an. Rainald Goetz blickt in seinem Hörspiel in die Abgründe des Westens. Ist die Welt inzwischen noch kaputter?

von Michael Becker

Reich des Todes: was? Was soll denn das heißen? 25 Jahre 9/11. An die Weltverdüsterung erinnern, die damals, nach dem 11. September 2001, die Gesellschaften des Westens überfallen hat: den politischen Prozess vergegenwärtigen, der vom islamistischen Terroranschlag zur systematischen Folter von Gefangenen in den US-amerikanischen Lagern von Guantanamo und Abu Ghraib geführt hat.
Was sind das für Menschen, in der Politik, in der Bürokratie, in der konkreten Gefängniszelle, die diese Taten Wirklichkeit haben werden lassen, aus welchen Motiven heraus? Und was sind das für Mechanismen der Macht, im jeweils einzelnen Augenblick der Interaktion, die im Ergebnis staatlich betriebene Folter als Selbstverständlichkeit etabliert haben? Am Extremfall des Versagens politischer Kontrolle im führenden Staat der westlichen Welt, in den USA, zeigt sich beispielshaft Gefährdung der Demokratie.
Meine Weltsicht ist düster. Die Kaputtheit zeigen, die Nichtkaputtheit nicht. Eine vergiftete Bösartigkeit im Blick auf die Welt als Resultat der Lebenserfahrung annehmen, ist das Zynismus? Oder Weisheit? Dummheit, Neonaivität? Wir wissen zu wenig, wir müssen mehr wissen. Der Schauplatz ist der Kopf, das Innere der Gedanken, da spielt sich ALLES ab. Welcome to the final show.
Rainald Goetz, "Reich des Todes"

25 Jahre nach den Terroranschlägen

Regisseur Henri Hüster und Rainald Goetz bei den Vorbereitungen der Aufnahme.
Regisseur Henri Hüster und Rainald Goetz bei den Vorbereitungen der Aufnahme.

Ein Vierteljahrhundert nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wirken die politischen Erschütterungen der Nullerjahre erschreckend gegenwärtig. 9/11 markiert nicht nur eine historische Zäsur, sondern den Beginn einer bis heute andauernden Epoche, in der Ausnahmezustände, Sicherheitsversprechen und offene Machtpolitik die demokratische Ordnung des Westens nachhaltig verändern, erodieren und womöglich zerstören. Ist die Welt inzwischen noch kaputter?

Geschichte als Gleichzeitigkeit

Rainald Goetz‘ kolossaler Text Reich des Todes, 2020 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg uraufgeführt, ist kein Dokudrama, keine historische Rekonstruktion. Bei Goetz existiert Geschichte als Gleichzeitigkeit. Er verbannt die realen Akteure – Politiker, Militärs, Juristen, Folterer – jener Jahre in einen "Hades". In diesem Schattenreich der Macht verschmelzen sie mit historischen Figuren, wie dem preußischen Kriegsminister Roon oder Dr. Schill, dem ehemaligen "Richter Gnadenlos" in Hamburg. Gedanken, Argumente und Rechtfertigungsstrategien lösen sich aus ihrer Zeit, wandern durch die Jahrhunderte, fügen sich in neue Konstellationen.

Welcome to the final show

Schauspielerin Edith Saldanha und Regisseur Henri Hüster im NDR Hörspielstudio
Schauspielerin Edith Saldanha und Regisseur Henri Hüster im NDR Hörspielstudio.

Regisseur Henri Hüster hat gemeinsam mit Rainald Goetz die Hörspielfassung von Reich des Todes eingerichtet, die uns anlässlich des 25. Jahrestages der Terroranschläge vom 11. September ermöglicht, noch einmal hinabzusteigen - hinein in die Echos, die in unsere Gegenwart hineinwuchern. Mediale Artefakte, Popmusik, Walzertakte, ein Chor aus der Zwischenwelt verweben sich mit den Sprachmustern der Macht und der Stimme des Autors.

Der Autor

Henri Hüster & Rainald Goetz bei den Aufnahmen des Hörspiels "Reich des Todes".
Henri Hüster und Rainald Goetz bei den Aufnahmen des Hörspiels "Reich des Todes".

Rainald Goetz, geboren 1954, studierte Medizin und Geschichte, lebt in Berlin. Autor der Bücher Irre, Krieg, Kontrolliert, Festung und Heute Morgen. Er erhielt u.a. den Marieluise-Fleißer-Preis 2013 und Georg-Büchner-Preis 2015. Seine Stücke wurden mehrfach für den Mülheimer Dramatikpreis nominiert. Zum Abschluss des Buchs Schlucht erschien im Frühjahr 2024 das Buch Lapidarium mit den drei Theaterstücken Reich des Todes, Baracke und Lapidarium. Reich des Todes wurde 2020 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt und danach an zahlreichen weiteren Theatern im deutschsprachigen Raum inszeniert.

Reich des Todes

Autor
Rainald Goetz
Bearbeitung
Henri Hüster und Rainald Goetz
Ensemble
Rainald Goetz (Autor), Edith Saldanha (Geschichte/Erzählerin + Presse), Fabian Hinrichs (Präsident Grotten), Burghart Klaußner (Vizepräsident Selch), Samuel Weiss (Privatsekretär Pinsk), Andreas Spaniol (Chefjustiziar Dr. Banzhaf), Werner Wölbern (Geheimdienstdirektor Thurgau), Maria Schrader (Sicherheitsberaterin Frau von Ade), Michael Wittenborn (Justizminister Sebald), Gustav Peter Wöhler (Kriegsminister Roon), Gabriel Schneider (Justizrat Dr. Schill), Jens Harzer (Oberjustizrat Dr. Kelsen), Aurel Manthei (Obergefreiter Braum + Presse), Sandra Gerling (Brigadegeneralin Darkova), Julia Franz Richter (Cindy/Wachsoldatin), Rebekka Biener (Eve/Soldatin), Cino Djavid (Atta/Gefangener), Chor (unterschiedliche Konstellationen aus dem Ensemble)
Besetzung
Dagmar Titz
Komposition
Florentin Berger-Monit und Johannes Wernicke
Technische Realisation
Christian Alpen und Manfred Faust
Regieassistenz
Jördis Trauer und Alina Rohrer
Regie
Henri Hüster 
Dramaturgie
Michael Becker 
Produktion
NDR für die ARD 2026

Menschliche Silhouette in warmem Licht, gewölbter Tunnel, helle Öffnung voraus.

Die ganze Welt des Hörspiels an einem Ort - für alle, die Vielfalt und Überraschung suchen. Jede Woche hier in ARD Sounds.

Die brennenden Wolkenkratzer des World Trade Centers mit dunkler Rauchwolke, Flugzeug am orangefarbenen Himmel.

Wir klären, welche Rolle Hamburg – als Wohnort der Todespiloten – spielt. Und sprechen mit Menschen, die dieser Tag bis heute prägt.

Dieses Thema im Programm:

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