Nachgedacht: Tod eines Tortenterroristen
Was ist nur aus der Torte als Mittel der politischen Auseinandersetzung geworden? Süßbittere Gedanken von Kolumnist Alexander Solloch.
Und schon wieder ein Einschnitt: Unsere Zeit gleicht wahrlich einem von tausend Tortenmessern zerfledderten Konditorenkunstwerk. Im Grunde wunderschön und zuckersüß - ehe sich alle mit Gebrüll draufstürzen und Hackepeter daraus machen. Das ist dann bitter.
Der nächste Einschnitt also: Noël Godin ist gestorben, Anfang der Woche, im Alter von 80 Jahren. Noël Godin - wer diesen Namen nicht kennt, kennt aber doch die von ihm zur Vollendung gebrachte Spezialform der politischen Kommunikation: den Tortenwurf.
Tortenwürfe als "burlesker Pazifismus"
Seit Ende der 1960er-Jahre überraschte der belgische Anarchist Autoritäten aller Art - Politiker, Unternehmer, Professoren, Geistliche und Künstler - mit seinen Attacken. Zu seinen Opfern zählten Nicolas Sarkozy, Bill Gates und der Schlagersänger Patrick Bruel; achtmal musste Frankreichs Vorzeigeintellektueller Bernard-Henri Lévy in die süße Sahne sinken.
Ins Visier nahm Godin nach eigenen Worten "Schnösel, die vom Geist der Ernsthaftigkeit und der eigenen Wichtigkeit vergiftet sind"; Tortenwürfe seien Ausdruck eines "burlesken Pazifismus'"; den Adressaten werde kein Schmerz zugefügt - nur ihrem Ego. Das sahen auch die Gerichte so: Godin wurde nie verurteilt.
Zeiten sind humorlos und verhärtet geworden
Der Tod des Tortenterroristen, wie er sich im Spaß selbst nannte, markiert das endgültige Aus dieser Form der Auseinandersetzung. Es gibt keine Tortenwürfe mehr. Nun könnte man sagen, das ist ja auch gut so, eine Torte ersetzt doch kein Argument, kein Mensch soll je auf diese oder andere Art gedemütigt werden, und überhaupt, Torten gehören nicht in Gesichter, sondern in die Kantine des NDR!
Das ist alles richtig - und doch zeigt das Ende des Tortenwurfs keinen Fortschritt der menschlichen Zivilisation an, sondern das Gegenteil: Er zeigt an, dass unsere Zeit viel zu verhärtet und humorlos geworden ist für so eine anarchische Patisseriepetitesse.
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MAGA macht's vor: "Flood the zone with shit"
Inzwischen wird im politischen Kampf eine andere Substanz vorrangig verwendet, sie ist übelriechend und von unschöner Farbe. Der rechtsextreme Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt hat vor ein paar Tagen auf einer Wahlkampfveranstaltung in Naumburg stolz von einer "Welle" gesprochen, die man "losgetreten" habe, und er konkretisierte: "eine braune Welle". Ehe man ihm zu diesem unerwarteten Anflug von Ehrlichkeit gratulieren konnte, korrigierte er, scheinbar peinlich berührt, die Farbe: eine "blaue" Welle sei es, "um Gottes willen".
Aber der Parfumverkäufer aus der Altmark hat ja recht. Der Erfolg seiner Partei beruht auf der Übernahme des bewährten und vielfach beschriebenen Rezepts von Trump und der MAGA-Bewegung: "flood the zone with shit", die Umgebung mit Unrat überfluten. Den ganzen Tag lang so viel Unsinn reden, so viele Lügen verbreiten, so viel Verächtlichkeit versprühen, dass die vernunftbegabten Menschen mit dem Einordnen, Korrigieren und Zurückweisen gar nicht mehr hinterherkommen - so muss man das anstellen, wenn man Lust darauf hat, das friedliche, freie Zusammenleben der Menschen zu zerstören.
Regierung verzagt, sprachlos und wirklichkeitsfern
Mit etwas Glück gibt's zu den eigenen Bemühungen dieser Art gratis noch Unterstützung der Regierenden obendrauf, dargeboten in Form von Verzagtheit, Sprachlosigkeit, Wirklichkeitsferne. Der Bundeskanzler, wie immer sehr freigiebig in dieser Hinsicht, antwortete nach der Kabinettsklausur in Neuhardenberg auf die Frage einer Journalistin nach etwaigen Hitzeschutzprogrammen, der Staat könne nun auch nicht alles allein lösen, und fügte hinzu: "Vielleicht darf ich die Kollegin Karin Prien zitieren, die darauf hingewiesen hat, dass in Israel kein Kind in die Schule geht, das nicht eine Flasche Wasser dabei hat."
Also geben wir unseren Kindern endlich mal Wasser mit. Und vielleicht auch, für alle Fälle, ein Stück Torte. Gegen den Kummer.
Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.