Eine junge Frau lächelt freundlich in die Kamera
AUDIO: Gizem Çelik: "Gossip ist gar nicht so oberflächlich" (6 Min)

"Gossip ist politischer, als wir denken": Warum wir so gern über andere reden

Stand: 25.09.2026 15:15 Uhr

Gossip gilt als oberflächlich und gehässig. Doch die Autorin Gizem Çelik sieht im Klatsch über Stars und andere Menschen auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.

In ihrem Sachbuch "More than Gossip" untersucht sie, "warum die Popkultur bestimmt, wer wir sind".

Frau Çelik, wann haben Sie zuletzt Gossip gehört oder vielleicht sogar selbst verbreitet?

Gizem Çelik: Direkt wenn ich mein Handy aufmache. Man ist mittlerweile so viel konfrontiert mit Schlagzeilen über Menschen, die man gar nicht kennt, das ist schon Teil des Alltags bei jedem, der Social Media hat.

Ist Gossip also das, was wir früher in Klatschblättern und Illustrierten gelesen haben, oder wie würden Sie Gossip definieren?

Çelik: Gossip würde ich so definieren, dass man über eine dritte Person spricht, die gerade nicht anwesend ist. Wenn man "lästern" sagt, schwingt da noch etwas Gehässiges mit. Das wird auch zu Recht sehr kritisiert, aber ich habe ein bisschen den Ansatz, dass Gossip gar nicht so oberflächlich sein muss, wenn wir uns mehr damit beschäftigen, wer gossipt, und nicht, über wen gesprochen wird. Ich habe das Gefühl, dass wir ganz viel von uns selbst projizieren - Ängste, Bedürfnisse, Neid. Wenn wir uns mal anschauen, wer uns denn aufregt und warum, dann könnte das ziemlich tiefgründig sein und manchmal sogar politischer, als wir denken.

Cover:  Charles Spencer, Swan Song - Diana, meine Schwester

Fast 30 Jahre nach dem Tod von Diana veröffentlicht Charles Spencer brisante Details. Das britische Königshaus ist nicht erfreut.

Aber Gossip hat einen schlechten Ruf, oder?

Çelik: Ja, und ich will Gossip auch gar nicht romantisieren. Gossip reproduziert auf jeden Fall auch Dinge wie Sexismus, Rassismus, problematische Körperbilder. Aber ich glaube, dass Gossip Gespräche fördern kann, die viel mehr sind als nur: Wir reden über einen Star - sondern plötzlich sprechen wir auch über Themen wie Macht, Kapitalismus oder Frauenhass. Das finde ich dann sehr spannend.

Früher haben wir in Norddeutschland gesagt, wir können drei Sprachen: Hochdeutsch, Plattdeutsch und über andere Leute. Inwiefern hat sich dieser Gossip durch Social Media, TikTok und Instagram verändert?

Çelik: Das ist natürlich weiterhin so. Ich möchte auch gar nicht so tun, als wäre hier irgendjemand moralisch darüber erhaben. Gossip macht für viele einfach Spaß, auch wenn es gehässig ist.

An einer Wand hängt ein Plakat mit der Aufschrift "Post No Hate".

Die aggressive und oft unangemessene Art, wie in den sozialen Medien kommentiert wird, macht Inga von Thomsen fassungslos.

Buchcover: Gizem Çelik - More Than Gossip
"More than Gossip" ist bei Goldmann erschienen und kostet 18 Euro.

Aber Gossip erfüllt auch soziale Funktionen: Wir tauschen eigentlich Informationen aus. Wenn ich zu einer Freundin sage: "Mein Chef hat das gemacht, findest du das nicht auch schlimm?", dann tausche ich in dem Moment auch Werte mit meiner Freundin aus. Deswegen finde ich es so interessant, wenn wir über Stars reden. Weil wenn Millionen Menschen gleichzeitig über eine prominente Person lästern, und das tun wir in Deutschland sehr gerne, dann verhandeln wir plötzlich, welches Verhalten wir gesellschaftlich akzeptabel finden. Welcher Person geben wir die Bühne? Welche Person entschuldigen wir das 15. Mal? Und bei welcher Person sagen wir, dass wir ihr Gesicht nicht mehr sehen können? Eine Frau, die fremdgeht, sich scheiden lässt, sehr viele Partner hat - das regt die Leute oft auf, das sehe ich immer wieder in den Kommentarspalten. Mich interessiert dann weniger, was die Frau gemacht hat, sondern warum wir darauf so heftig reagieren.

Was möchten Sie also, dass die Menschen mitnehmen aus diesem Buch? Einen anderen Blick auf Gossip oder einen anderen Blick auf uns Menschen?

Çelik: Meine Traumvorstellung ist, dass man bei meinem Buch jedes Kapitel zuklappt und dann Popkultur ein bisschen anders sieht, aber hoffentlich auch die Welt. Dass man versteht, durch welche medienkritische Brille man Schlagzeilen sehen kann. Denn in meinem Buch nehme ich aktuellere Popkulturphänomene, aber auch ältere, und die Sachen vergleiche ich. Ich hoffe, dass ich die Lesenden so mit auf eine Reise nehme und wir zusammen durch diese Themen durchgehen. Weil auch für mich sehr viele Erkenntnisse dabei waren.

Das Gespräch führte Keno Bergholz.

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