Dr. Franziska Saxler, Alina Kuhl, Dr. Dinah Gutermuth (v.l.).

Trash-TV: Toxisch oder Spiegel der Gesellschaft?

Stand: 04.09.2026 11:09 Uhr

"Der Bachelor", "Are You The One?", "Love Island" - die Liste der Reality-TV-Formate ist lang. Oft zu sehen: toxische Verhaltensweisen, Macht- und Grenzüberschreitungen. Was fasziniert an dem Format? Der NDR hat drei Expertinnen zu einem Gespräch darüber getroffen.

Fast ein Viertel der Deutschen guckt gerne Trash-TV. Doch warum eigentlich? Warum faszinieren uns Trash-TV-Formate trotz all der Grenzüberschreitungen, die dort zu sehen sind? Darüber haben wir mit den Psychologinnen Dr. Franziska Saxler und Dr. Dinah Gutermuth gesprochen, die sich einmal die Woche in ihrem Podcast "Trashologinnen" über Trash-TV austauschen und die Formate psychologisch einordnen, sowie mit Alina Kuhl, Gründerin von "The Monday Talks" und Expertin auf dem Gebiet häusliche und sexualisierte Gewalt.

Ist Trash-TV immer toxisch?

Franziska Saxler: Trash-TV ist auf gar keinen Fall immer nur toxisch, denn es liefert auch viele Möglichkeiten, Themen zu zeigen, die vorher noch nie gezeigt wurden. Wie zum Beispiel "Princess" oder "Prince Charming", wo queere Liebe das erste Mal so auf diese Art gezeigt wurde. Und am Ende ist es ja auch nur ein Abbild der Gesellschaft und zeigt, wo wir gerade stehen und was wir gerade für Entwicklungen machen. Und die können toxisch sein, sind es aber nicht unbedingt immer.

Eine Frau posiert neben einer Palme inmitten der Karibik.

Mittlerweile fester Bestandteil der Popkultur und der Hype nimmt zu: das Trash-TV. Eine Kolumne von Stella Kennedy.

Dinah Gutermuth: Ich würde auch sagen, dass Trash-TV schon immer ein Ort war, an dem Dinge angesprochen wurden, die im Mainstream - also im normalen Fernsehen - nicht thematisiert wurden. In den ersten Trash-TV-Shows, zum Beispiel "The Real World", ging es schon früh um AIDS-Erkrankungen. Es geht auch oft um toxische Beziehungen oder häusliche Gewalt - das sind Themen, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie sonst nicht so viel Beachtung finden. Vielleicht auch, weil es "Frauenthemen" sind. Und deswegen glaube ich, dass auch eine ganz große Chance darin steckt und Trash-TV nicht automatisch toxisch sein muss.

Was bedeutet "toxisch" psychologisch überhaupt?

Saxler: In der Psychologie sprechen wir eigentlich gar nicht von toxisch. Man würde eher dysfunktional sagen, und das bedeutet, dass uns etwas kurzfristig einen Vorteil bringt, langfristig aber eigentlich mehr negative Konsequenzen hat. Zum Beispiel, wenn man sich bedroht fühlt und das kompensiert, indem man aggressiv wird. Dann fühlt man sich kurzfristig vielleicht ein bisschen besser oder der Person ein bisschen überlegen, die einem gerade wehgetan hat. Langfristig ist es aber so, dass es schwerer wird, Beziehungen aufzubauen und das natürlich auch ganz schlecht ist für die Menschen, denen man aggressiv gegenüber wird.

Ein Aufkleber mit "Nur Ja heißt Ja" hängt an einem Laternenmast.

Nach dem Fall Gnarrenburg hat der NDR mit einer Juristin der Leibniz Uni Hannover über sexualisierte Gewalt gesprochen.

Alina Kuhl: Ich arbeite vor allem im Bereich Gewalt gegen Frauen und spreche viel mit Betroffenen. Darum sind für mich die Begriffe "emotionale Gewalt" oder "psychische Gewalt" wichtig, die oft dahinterstecken und die wir auch in Trash-TV-Formaten sehr oft sehen. Vor allem Manipulation und Gaslighting (eine Form von schwerer psychischer Gewalt, d. Red.) sind da fast an der Tagesordnung bei manchen Kandidaten.

Was hat Trash-TV mit sexualisierter Gewalt zu tun?

Kuhl: Ich vermute, das liegt auch daran, dass so viele Menschen auf sehr engem Raum zusammen sind und sehr stereotype Rollenbilder gefördert werden. Oft ist es auch so: Je toxischer oder sogar gewaltvoller sich Kandidaten verhalten, desto mehr Aufmerksamkeit bekommen sie. Das kann dazu führen, dass wir so ein Verhalten sehen.

Saxler: Gewaltübergriffe passieren viel häufiger, als wir das wahrhaben wollen - auch im echten Leben, außerhalb des Reality-TV. Gleichzeitig gibt es schon Kontexte, die sexualisierte Gewalt wahrscheinlicher machen: Trash-TV ist ein kompetitives Umfeld mit vielen Challenges. Es ist ein männerdominiertes Umfeld. Vielleicht nicht vom Geschlechterverhältnis, aber wenn wir uns angucken, was bei den Spielen im Trash-TV belohnt wird, ist das häufig stereotype Männlichkeit. Und es gibt starke Hierarchien. All diese Faktoren machen sexualisierte Gewalt wahrscheinlicher.

Trotzdem schauen sich viele dieses toxische Verhalten im Fernsehen an. Was sagt das über uns als Gesellschaft aus?

Kuhl: Es hat ganz vielfältige Gründe, warum wir Trash-TV gucken und warum wir uns darüber empören oder amüsieren. Themen wie beispielsweite patriarchale Gewalt kennen viele aus dem realen Leben. Die sitzen vor dem Fernseher und denken: Oh, das erinnert mich sehr an das, was bei mir zu Hause passiert. Deshalb ist es auch so wichtig, dass es Formate wie die "Trashologinnen" gibt, die das einordnen. Ein anderer Teil sind Leute, die sich noch nie mit dem Thema "Gewalt gegen Frauen" auseinandergesetzt haben und davon irgendwie fasziniert sind. Auf jeden Fall sind das alles Dynamiken, die wir in der Gesellschaft so auch haben und uns im Trash-TV widergespiegelt werden. Deshalb berührt uns das und macht was mit uns.

Trash-TV hat sich in den letzten Jahren verändert. Bestimmte Verhaltensweisen, über die früher einfach gelacht wurde, werden heute kritisch hinterfragt: toxische Beziehungen, Gaslighting, Macht- und Grenzüberschreitungen. Ist Trash-TV einfach toxischer geworden oder haben wir nur gelernt, genauer hinzusehen?

Saxler: Wir haben auf jeden Fall gelernt, genauer hinzusehen. Trash-TV ist meines Erachtens nicht toxischer geworden. Wenn wir uns überlegen, was früher einfach noch normal war, zum Beispiel "Germany's Next Topmodel", wo minderjährige Frauenkörper vermessen wurden und denen gesagt wurde: Ihr seid aber zu dick. Das hat sich total verändert, und unser Bewusstsein darüber hat sich auch verändert.

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Hintergrund: Wie funktioniert die neue Google-Funktion?

Kuhl: Da hat sich ganz viel getan. Ich war vor kurzem schockiert bei dem Kinofilm "Was haben wir gelacht?". Früher war eine Ohrfeige, also eine ganz klare Form von körperlicher Gewalt, eine Lachnummer. Jede Comedy-Sendung hat sich darüber lustig gemacht. Da hat sich schon einiges getan, nicht nur im Reality-TV, sondern generell in der Gesellschaft und auch in der gesamten Medienlandschaft.

Woher kommt der Umschwung?

Gutermuth: Einen großen Teil hat sicherlich das Internet dazu beigetragen. Ich denke da an das #MeToo-Movement. Früher gab es einfach nicht so ein Medium, wo sich die Leute für Erfahrungen verbinden konnten. Es gab ein paar Zeitschriften, wo aber auch meistens Männer in den Machtpositionen saßen und entschieden haben, was geschrieben wurde. Heute können alle auf Social Media gehen und sich mit Menschen verbinden, die Dinge genauso sehen und merken: Wir sind nicht alleine. Klar, Social Media hat auf jeden Fall auch Schattenseiten, aber diese Vernetzung, besonders von marginalisierten Gruppen, ist eine sehr positive Veränderung.

Im Vordergrund sieht man einen Teddybär, im Hintergrund die Silhuette eines Kindes.

Die Zahl der registrierten Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern ist in Mecklenburg-Vorpommern gestiegen - das bestätigen auch Beratungsstellen.

Saxler: Es ist aber nicht nur Social Media, sondern auch ein gesamtgesellschaftliches Umdenken, was gerade stattfindet. Wenn wir uns anschauen, wie lange zum Beispiel Vergewaltigung in der Ehe noch legal möglich war, dann ist das einfach gar nicht so lange her. Oder auch, dass Frauen rein rechtlich nicht mehr der Besitz ihrer Ehemänner sind. Wenn wir ein paar Generationen zurückgehen, dann war das noch Normalität. Es ändert sich gerade, was wir als normal ansehen, und das sehen wir auch in den Formaten.

Wie sollte sich Trash-TV ändern, um weniger toxisch zu sein?

Saxler: Es bräuchte auf jeden Fall mehr Einordnung, wenn Gewalt und Grenzüberschreitungen passieren. Das geschieht jetzt schon vereinzelt, aber davon darf es noch viel, viel mehr geben. Außerdem könnten die Formate solche Themen auch mehr thematisieren und Aufklärungsarbeit leisten, ohne dass es sich zu trocken anfühlen muss.

Kuhl: Zum Beispiel als Spiele innerhalb der Formate, wo die Kandidat*innen lernen könnten: Was ist denn eine toxische Beziehung oder wie kann ich mehr auf meine Partnerin zugehen? Und, ich will nicht immer sagen: Gott, die armen Männer, aber was ist denn mit den Männern, die unter dem Patriarchat leiden? Auch denen könnte man aufzeigen, welche Vorteile sie hätten, wenn sie sich nicht so unterirdisch verhalten würden.

Gutermuth: Wie wir anfangs bereits gesagt haben: Trash-TV ist ein Abbild der Gesellschaft. Was wir dort sehen, passiert auch zu Hause. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass Trash-TV auch Normalität schafft. Wenn wir beispielsweise immer wieder Männer sehen, die sich ihren Freundinnen gegenüber ganz schrecklich verhalten und denen niemand etwas entgegnet, dann schafft das eine gewisse Norm, wie eine Beziehung abzulaufen hat. Es gibt eine Show, "Bad Boyfriends", da hatte ich zwischenzeitlich Angst, die mit meinem Partner zu gucken, weil ich dachte: Wenn er das jetzt sieht und das sein neuer Standard wird ...

Gutermuth & Saxler (lachen): ... dann war alle Arbeit umsonst.

Das Interviwe führte Julia Kaiser.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 03.09.2026 | 14:30 Uhr

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Fernsehen

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