"Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke": Brillant-todkomischer Film
Joachim Meyerhoffs autobiografischer Roman lieferte die Vorlage für den todkomischen Film "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke". Simon Verhoevens Film mit dessen Mutter Senta Berger in der Rolle der Großmutter hat zwei Lolas beim Deutschen Filmpreis erhalten.
So hat Senta Berger die Lola als beste Hauptdarstellerin erhalten - und hat die Trophäe von ihrem Sohn, Regisseur Simon Verhoeven überreicht bekommen. Außerdem wurde Michael Wittenborn für die beste männliche Nebenrolle mit einer Lola ausgezeichnet.
Simon Verhoeven: Schockverliebt in das Drehbuch
Kindheitserinnerungen fließen oft ein in Literatur. Aber keiner hat dafür einen so eigenen anekdotischen Blick und eine so humorvolle Sprache entwickelt wie Joachim Meyerhoff. Die Bände seiner autobiografischen Roman-Reihe "Alle Toten fliegen hoch" sind nicht nur Bestseller, sondern für viele Leserinnen und Leser absolute Herzensbücher. Regisseur Simon Verhoeven hat sich vor allem in Band drei - "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" - schockverliebt: Weil er darin so viel von der eigenen Künstler- und Schauspielerfamilie wiederfand. Nun hat er diesen Teil fürs Kino verfilmt - mit seiner Mutter Senta Berger in der Rolle von Meyerhoffs schauspielernder Großmutter.
Am Anfang ist da diese Lücke, die der Unfalltod des älteren Bruders hinterlassen hat. Ein Schmerz, der Joachim lähmt. Monatelang verkriecht er sich in seinem Zimmer - bis eine plötzliche Eingebung sein Leben in eine neue Richtung lenkt: Er will sich an der Münchner Schauspielschule bewerben - womit er in die Fußstapfen seiner Großmutter Inge träte, die einst ein gefeierter Bühnen- und Filmstar war.
Großmutter Inge: Du willst also auf die Falckenberg-Schule gehen? Die Schauspielerei ist ja ein sehr spezieller Beruf. Nervenaufreibend, demütigend.
Großvater Hermann: Es ist vermutlich leichter, Astronaut zu werden.
Joachim: Ich würd’s trotzdem gerne versuchen. Szene aus "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke"
Senta Berger und Michael Wittenborn spielen schrullige, extravagante Großeltern
Zu seiner eigenen Überraschung besteht Joachim die Aufnahmeprüfung und zieht als 20-Jähriger zu Oma und Opa in die mondäne Münchner Villa nah dem Nymphenburger Schloss. Neben allerlei lustiger Episoden, die er im Schauspielunterricht erlebt, stehen die Großeltern im Zentrum des Geschehens.
Joachim Meyerhoffs Kunst ist es ja, Erlebtes, auch Schmerzhaftes, unter Zugabe von etwas Phantasie in wunderbar skurrile Erinnerungs-Anekdoten zu verwandeln. Die alternde Schauspieldiva und der Philosophengatte sind dafür eine unerschöpfliche Inspirationsquelle mit ihren Schrullen und Extravaganzen.
Früh morgens gurgelt das Paar, gespielt von Senta Berger und Michael Wittenborn, synchron vor dem Badezimmer-Spiegel. Für die Enkel schon in Kindertagen ein faszinierendes Ritual. Zum Frühstück gehört das belebende Glas Champagner, um 18 Uhr wird zur Zigarette ein Glas Whiskey gereicht, abends Rotwein - bevor man auf dem Teppich liegend klassische Musik hört, Großmutter im rosafarbenen Seiden-Hausanzug.
Joachim kämpft mit den Aufgaben an der Schauspielschule
Joachim, den sie zärtlich "Lieberling" nennt, findet, zwischen die Großeltern gekuschelt, für einen Moment Frieden mit sich und der Welt. An der Schauspielschule hingegen fühlt er sich fehl am Platz und vor unlösbare Aufgaben gestellt: Spaghetti im sprudelnden Wasser spielen oder mit den Brustwarzen lächeln.
Joachim: Und jetzt muss ich nächste Woche Effie Briest vortragen als Nilpferd.
Inge: Um Gottes willen, warum?
Hermann: Ja, das möchte ich auch wissen, warum?
Joachim: Habt Ihr das früher nicht gemacht?
Inge: Ich war niemals ein Nilpferd, niemals! Szene aus "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke"
Senta Berger musste von Rolle überzeugt werden
Für Regisseur Simon Verhoeven kam von Anfang an nur seine Mutter Senta Berger für die Rolle in Frage. Doch die musste erst einmal überzeugt werden: "Ich hab das Rollenangebot vom Simon erst einmal skeptisch überdacht und hab dann gesagt: Ich kann das nicht spielen", so Senta Berger. "Das ist auch zum Teil eine Diva mit großer Geste. Ich weiß nicht, ob ich das kann." Ehemann Michael Verhoeven aber bestärkte sie vor seinem Tod im April 2024 noch, die Herausforderung anzunehmen. Zum Glück, denn Senta Berger gelingt eine unvergleichlich charmante Inge: Ein klein bisschen divenhaft und bestimmerisch, dem Enkel aber so innig zugetan, wie eine Großmutter es nur sein kann.
Inge: Du schreibst wirklich sehr gut, finde ich. Du bist ein recht guter Beobachter.
Joachim: Findest Du?
Inge: Ja. Das ist eine Gabe, das ist gut. Wollt ich Dir nur sagen. Szene aus "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke"
Makellos hingezauberter Auftritt von Senta Berger
Auch Simon Verhoeven hat bei dieser Meyerhoff-Verfilmung alles richtig gemacht: Sämtliche Figuren, von Bruno Alexander als Joachim bis zu Anne-Ratte Polle und Karoline Herfurth als Lehrkräfte an der Schauspielschule, sind passgenau besetzt. Der Nymphenburger Villa hat er mit Liebe zum Detail und Jugend-Fotos seiner Mutter eine wahrhaft familiäre Note verliehen. Vor allem aber: Den Ton des Buchs getroffen und der absurden Komik ebenso viel Platz eingeräumt wie der Trauer, die Joachim in sich trägt.
Hermann: Joachim, hast Du denn mal den 'Jungen Werther' gelesen? Goethe. Ach, diese Lücke, diese schreckliche Lücke!
Inge: Diese entsetzliche Lücke.
Hermann: Ach ja, diese entsetzliche Lücke, die ich hier in meinem Busen fühle. Da geht es ja um diese große Sehnsucht, Joachim, den Schmerz, den wir alle in unserer Brust tragen über diese Lücke, weißt Du, zwischen uns und dem, was wir wollen. Szene aus "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke"
Eine Lücke werden auch die Großeltern hinterlassen, die vor Joachims Augen älter und gebrechlicher werden. "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" ist ein todkomischer und herzerwärmender Film über das Ankommen im Leben und zugleich das Abschiednehmen-Müssen. Sollte dieser makellos hingezauberte Auftritt von Senta Berger tatsächlich, wie von ihr angedeutet, der letzte vor der Kamera gewesen sein, sie würde eine entsetzliche Lücke hinterlassen.
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
- Genre:
- Drama
- Komödie
- Produktionsjahr:
- 2025
- Produktionsland:
- Deutschland
- Zusatzinfo:
- mit Senta Berger, Bruno Alexander, Tom Schilling, Michael Wittenborn
- Regie:
- Simon Verhoeven
- Länge:
- 127 Minuten
- Altersempfehlung:
- ab 6 Jahren
- Kinostart:
- 29.01.2026