Debatte um Medienkonsum: "Eltern müssen ein Vorbild sein"
Die Diskussion, wie Kinder und Jugendliche besser vor den Gefahren der digitalen Welt geschützt werden können, ist hitzig. Julia Freudenberg, Geschäftsführerin der Hacker School Hamburg, sieht vor allem die Eltern in der Verantwortung.
Die Gefahren in der digitalen Welt sind vielschichtig - und doch ist sie aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Daher muss es in erster Linie darum gehen, Kindern ein Rüstzeug an die Hand zu geben, um sich in der digitalen Welt zurecht zu finden. Die Hacker School in Hamburg, eine gemeinnützige Organisation, will genau das. Die Geschäftsführerin Julia Freudenberg begrüßt die aktuelle Debatte, denn sie mache auch Eltern achtsamer für das Thema. Eltern haben aus ihrer Sicht eine viel größere Vorbildfunktion, als sie oft wahrhaben wollen.
Die Politik liebäugelt gerade mit strengeren Regeln für Smartphones und Social Media an Schulen. Wie nehmen Sie diese Debatte wahr?
Julia Freudenberg: Das ist tatsächlich total spannend, das unter diesem Aspekt zu beleuchten. Ich glaube, dass "nein, weil" eine der coolsten Antworten überhaupt ist, um jungen Menschen auch mal aufzuzeigen, dass "Instant Gratification", also immer alles sofort zu haben, gar nicht so unbedingt der coolste Weg ist. An der Verbotsdiskussion finde ich schade, dass sie immer in ein Entweder-oder abgleitet. Es gibt die zwei Lager: Medienbildung versus Verbot. Ich würde das so einordnen, dass uns das Verbot oder eine Einschränkung dahingehend etwas bringt, dass es auch den Eltern insbesondere mal einen Schuss vor den Bug gibt, im Sinne von: Gib deinem Kind nicht einfach ein Handy und lass es allein, sondern beschäftige dich selber mal damit. Dann kannst du viel besser Anleitung geben und dir ein Bild davon machen, was dein Kind eigentlich jeden Tag im Internet sieht - oft ungeschützt. Und da finde ich das Verbot und diese Diskussion richtig gut, weil das Aufmerksamkeit schafft und insbesondere uns Eltern abholt, achtsamer zu sein.
Wird diese Verbotsdiskussion gerade auch deswegen geführt, weil es vielen Erwachsenen an der nötigen Kompetenz fehlt und sie sich auch nicht die Mühe machen, sich damit auseinanderzusetzen?
Freudenberg: Das bringt es total auf den Punkt. Ich hatte mein erstes Handy mit 19. Das war noch kein Smartphone, sondern ein Nokia 6310i. Damit konnte ich telefonieren und SMS schreiben, nichts anderes. Darauf machen auch viele Autorinnen und Autoren aufmerksam, wie Daniel Wolff mit seinem Buch "Allein mit dem Handy". Sie sagen: Eltern, setzt euch auf den Hintern und guckt euch an, was die Kids sehen. Grundsätzlich wollen wir doch alle, dass die Kinder mündig damit umgehen können. Es ist viel, viel entscheidender, dass die Kinder ein Verständnis dafür entwickeln, was da passiert, wie ich Einfluss auf meinen eigenen Algorithmus nehmen kann.
Für Kinder werden Handyverbote gefordert, während Mama und Papa ständig Nachrichten schreiben. Sollten Erwachsene, gerade Eltern, erstmal bei sich selbst anfangen?
Freudenberg: Absolut. Wenn ich meinem Kind sage: Nach neun Uhr kein Handy mehr und dann hängt Papa bis Mitternacht spielend am Smartphone - das werden die nicht akzeptieren. Viel besser wäre, zu sagen: Ab 21 Uhr kommen alle Handys in die Küche, nachts ist das Kinderzimmer bedingungslos smartphonefrei. Das wird auch nicht verhandelt. Gleichzeitig sollte man dieses Handel den Kindern auch erklären. Wir Eltern sind viel mehr Vorbildfunktion, als wir das oft wahrhaben wollen. Auch, wenn es darum geht, Neues zu lernen, ist meine ganz große Empfehlung, das einfach mal mit den Kindern zusammen zu machen und zusammen zu erleben. Wenn die Kinder sehen, dass auch wir Erwachsene lernen und das meinen, was wir sagen, dann haben sie die besten Vorbilder, die sie sich wünschen können.
Das heißt im Idealfall: Gemeinsam klare Regeln entwickeln?
Freudenberg: Auf jeden Fall. Mein Sohn hat einen sechsseitigen Mediennutzungsvertrag. Wenn zum Beispiel eine Nummer anruft, die du nicht kennst, rufst du nicht zurück und auf Fake-Anrufe, SMS und WhatsApp reagierst du auch nicht. Einfach nein. Oder auch ganz klare Zeiten gehören dazu. Als er mir sagte: Mama, für einen 14-Jährigen ist eine halbe Stunde Spielzeit am Tag einfach nur peinlich, da will ich mich nicht dran halten. Da war es an mir, nicht zu sagen: Doch, weil ich Mama bin. Sondern: Okay, woran könntest du dich denn halten? Schließlich haben wir ein neues Agreement getroffen und fahren richtig gut damit.
Inwiefern sind denn aus Ihrer Sicht die großen Anbieter und Plattformen in der Pflicht, Kinder und Jugendliche zu schützen?
Freudenberg: Da ist tatsächlich eine riesige Lücke und viel, viel mehr möglich, als im Moment gemacht wird. Das ist auch etwas, was mich wirklich zornig macht, hin und wieder zu sehen, wie leichtfertig mit der Kindheit unserer Kinder umgegangen wird. Das kostet natürlich richtig Geld, das muss man wollen. Aber das ist etwas, wo ich sehr, sehr stark in der Regulatorik ansetzen würde - denn möglich ist es.
Das Gespräch führte Stefan Schlag. Das komplette Interview finden Sie oben auf dieser Seite.