"Fidelio" in Schwerin: Freiheit und Demokratie im Mittelpunkt
In Schwerin wird Beethovens "Fidelio" zum Plädoyer für Freiheit und Demokratie. Briefe der belarussischen Bürgerrechtlerin Maryja Kalesnikawa erweitern die Oper um eine aktuelle Perspektive.
2020 war das Beethoven-Jahr und damit der 250. Geburtstags des Komponisten. Das war Anlass für das Mecklenburgische Staatstheater seine Oper "Fidelio" bei den Schlossfestspielen unter freiem Himmel präsentieren zu wollen. Doch die Corona-Pandemie sorgte für eine Absage. Jetzt bringt das Mecklenburgische Staatstheater Beethovens einzige Oper doch noch auf die Bühne. Sechs Jahre sind mit politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen in Deutschland und darüber hinaus vergangenen. Die neue Inszenierung von "Fidelio" in Schwerin nimmt darauf direkten Bezug.
Alter Stoff verwoben mit aktuellen Bezügen zu Belarus
Leonore sucht ihren Mann Florestan, den sie im Gefängnis vermutet. Kurzerhand gibt sich Leonore als Mann, als Fidelio, aus, in der Hoffnung, so ihren Liebsten wiederzufinden. Die Regie für die Schweriner Inszenierung hat Kerstin Steeb als Gast übernommen: "Wir haben ganz viele Schnittstellen zu einem zeitaktuellen Beispiel gefunden, nicht aus Deutschland, dafür ein Beispiel nah an uns dran." Es sei ein Beispiel, wo es enden könne, wenn man Willkür betreibe, diktatorisch handle und Menschenrechte missachte, sagt Steeb. Und zwar in Weißrussland.
Zwei Frauen, eine Hoffnung
Gemeinsam mit Maike Graf hat Kerstin Steeb Briefe der belarussischen Bürgerrechtlerin Maryja Kalesnikawa für die Oper "Fidelio" verarbeitet: "Als ich im Dezember damit anfing, wurde Maryja Kalesnikawa in Belarus freigelassen. Das passierte einfach parallel. Ich hing in den Noten und las Floristans Text, der davon singt, dass ihm ein Engel erscheint, ein 'Engel Leonoren gleich'."
Dann habe sie sich mit der Leonore beschäftigt, wie sie von Liebe singt. "Diese Personen und Charakter sind sich so ähnlich, dass eine Person der anderen Hoffnung geben kann. Dass eine Maryja Kalesnikawa einer Leonore Hoffnung geben kann, wenn man sie auf die Bühne reinspült."
Es geht um Metaphysik und um Befreiung
Nun werden in Beethovens Musik einige Texte von Maryja Kalesnikawa integriert. Karen Leiber ist Sopranistin und singt die Rolle. "Ich habe das Libretto gelesen, den neuen Text, der wurde seitdem ein paar Mal überarbeitet und verändert. Ich hatte sofort das Gefühl, das funktioniert, weil die Originaltexte ein bisschen altbacken sind." Sie habe zuletzt eine Inszenierung in Zürich gesehen, wo es gar keine Texte gab. Auch das habe funktioniert. "Weil die Musik so stark ist. Es ist nicht so eine psychologische Oper wie häufig bei Puccini, sondern es geht mehr um Metaphysik, um Befreiung und darum, Licht ins Dunkel zu bringen."
Schlichtes Bühnenbild verleiht dem Stück Stärke
Karen Leiber ist der Meinung, das Stück bekomme durch das schlichte Bühnenbild eine Stärke, ebenso wie durch die Präsenz vom Orchester, das direkt davor sitzt. "Vor allem liebe ich das bei meiner Arie, 'Komm, Hoffnung' im ersten Akt, wo die Hörner spielen. Da bin ich einen halben Meter vom Orchester entfernt und fühle mich wie ein weiteres Horn." Die Bühne ist ein großer Kerker; leer, mit grauen Wänden, die Aufseher tragen weiße Kleidung, die Häftlinge rote.
Frauenstimmen im Chor werden politisch
Regisseurin Kerstin Steeb bringt in Schwerin keinen klassischen "Fidelio" auf die Bühne: "Es ist alles original Beethoven, aber wir haben in der Fassung durchaus auch hier oder da gestrafft." Gesangstexte wurden lediglich minimal geändert, nur da, wo es wirklich notwendig schien, sagt Steeb. Die Chorfrauen wurden gestärkt, sie haben auch Sprechrollen bekommen. "Wir haben ihnen die Aufgabe gegeben, die Briefe von Maryja ins Spiel zu bringen, und zeigen, wie sich in Belarus die Frauen vom Privaten ins Politische entwickelt haben."
"Fidelio" ist eine gewagte und aktuelle Inszenierung
Beethovens Oper "Fidelio" in Schwerin ist eine gewagte, aktuelle Inszenierung, die heute, in einem von Populisten bedrohten Europa, spielt. Dabei stellt sie die Leidenschaft für Freiheit und Demokratie in den Mittelpunkt.
Die Oper feiert heute Premiere am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin. Weitere Vorstellungen im Theaterzelt sind am 12., 18., 20. und 26. September sowie am 9. und 11. Oktober.