Aalglatt, vorhersehbar, ohne Botschaft: "Der Fall McNeal" enttäuscht
2024 lief es am Broadway, nun während des Hamburger Theaterfestivals am Deutschen Schauspielhaus in der Hansestadt: "Der Fall McNeal" vom Wiener Burgtheater mit Joachim Meyerhoff in der Hauptrolle konnte jedoch nicht überzeugen.
Bühnenkunst vom Feinsten: Das Hamburger Theaterfestival bringt Jahr für Jahr Theaterstücke mit den bekanntesten Schauspielerinnen und Schauspielern von den größten Bühnen im deutschsprachigen Raum in die Hansestadt. In "Der Fall McNeal" geht es um den narzisstischen Schriftsteller Jacob McNeal. Dessen neuester Roman ist auch mithilfe von KI entstanden - dennoch ist er der nächste Literaturnobelpreisträger.
Konstruiertes Theaterstück
Warum schreiben Menschen Bücher? Jacob McNeal, Protagonist in "Der Fall McNeal", gespielt von Joachim Meyerhoff, hat eine einfache Antwort: "Na klar, man will die Leute unterhalten, die sollen umblättern, sollen das mögen, aber das ist nicht alles: Es geht doch auch darum, die Menschen zu einem Ort der Wahrheit zu führen."
Der sagenhaft erfolgreiche Autor erfährt in genau dem Augenblick, als seine Ärztin ihm wegen seiner Alkoholsucht ein baldiges Leberversagen diagnostiziert, dass er den Literaturnobelpreis gewonnen hat. Klingt etwas konstruiert? Ist es auch. Wie das ganze Stück.
Das Stück hat nichts zu sagen
Was für ein aalglatter Theaterabend! Trotz eines Top-Ensembles vom Wiener Burgtheater, trotz eines Joachim Meyerhoff in der Hauptrolle, einer perfekt eingerichteten und designten Bühne mit großer Videoprojektionsfläche und schwarz lackierten Seitenwänden. Nur leider fällt alles wie ein aufgeblasenes Soufflé in sich zusammen.
Denn das Stück hat nichts zu sagen. Eine Zuschauerin sagt nach der Vorstellung ernüchtert: "Die Geschichte war ziemlich langweilig, sehr abstrakt, fand ich. Und ich war auch von Meyerhoff ein bisschen enttäuscht. Als Schauspieler hat er nicht so richtig performt."
Aufführung wirkt unecht und vorhersehbar
Handlung gibt es hier keine, sondern wir sehen die Studie eines blasierten, herablassenden Künstlers, dessen Ruhm darauf basiert, dass er KI verwendet und dass er von anderen klaut. Sogar das einzige unveröffentlichte Manuskript seiner Ehefrau, die er in den Suizid getrieben hat. In einem Interview entpuppt er sich als zynischer Frauenverächter und als Harvey-Weinstein-Versteher: "Ich habe Harvey Weinstein beneidet", heißt es im Theatertext. "Wissen Sie was? Männer wie er, die bekamen, was sie wollten."
Im Kern geht es um die Frage: Was ist in Zeiten von Künstlicher Intelligenz noch "echt"? Nur: Dieser Theaterabend wirkt so unecht und vorhersehbar, dass man schnell das Interesse verliert. Obwohl Joachim Meyerhoff als McNeal, als Wolf im Schafspelz, wirklich alles an authentisch-rasiermesserfeinem Spiel auspackt. Von echtem Schmerz ist aber nichts zu spüren.
Fehlender Spannungsbogen und nichts Neues
Auch das allererste Bild will wohl zeigen, was denn eigentlich Wahrheit ist. Die riesige Video-Leinwand im Hintergrund wird zum Spiegel, zeigt ein Live-Bild des Publikums im Zuschauerraum des Schauspielhauses. Alles schon gesehen. Regisseur Jan Bosse liefert ein Meyerhoff-Solo ohne Zwischentöne.
Es ist ein Abend, der nichts Neues erzählt - außer: Kunst basiert auch auf der Lüge. Ach! Roman-Autoren sind bisweilen toxische Männer - wieder: Ach! Die Figuren im Stück von Ayad Akhtar haben keine Entwicklung. Ein Spannungsbogen fehlt komplett. Am Ende wird Jacob McNeal von seiner Ex-Geliebten wegen seines sexuellen Übergriffs konfrontiert. Da endlich kommt etwas wie Spannung auf.
Keine echte Reflexion über Kunst in Zeiten von KI
So bleibt die große Sehnsucht bei diesem schauspielerisch gekonnten Abend: "Ich würde mal so gerne mal was schreiben, was wirklich an die Substanz dessen geht, was überhaupt heißt zu 'schreiben'", drückt es McNeal aus.
An die Substanz geht hier nichts. Das Stück stolpert über seine eigene Behauptung: Es rollt einem erfundenen Soziopathen den roten Teppich aus - ein ehrliches Nachdenken über die Rolle der Kunst in Zeiten von KI findet nicht statt.
Das Hamburger Theaterfestival geht noch bis zum 21. Juni. Am 9. Juni steht "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" vom Berliner Ensemble auf dem Programm am Thalia Theater.