Missbrauch, Macht und abgesagtes Stück - Theater Osnabrück in der Kritik
Die Absage des Theaterstücks "Ödipus Exzellenz" in Osnabrück, in dem es um Missbrauch in der katholischen Kirche geht, sorgt weiter für Wirbel. Am Donnerstag demonstrierten gut 100 Menschen vor dem Theater. Geht es um berechtigte Rücksichtnahme auf religiöse Gefühle oder um Zensur?
Es sollte das große Eröffnungsstück der neuen Spielzeit am Theater Osnabrück werden: "Ödipus Exzellenz" - eine moderne Adaption des antiken Dramas, verknüpft mit dem Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche. Kernstück der Inszenierung: ein nachgestellter katholischer Gottesdienst auf der Bühne. Doch Ende Juli verkündete das Theater Osnabrück überraschend die Absage. Grund: "künstlerische Differenzen" mit dem Regieteam um Lorenz Nolting.
Nachgestellter Gottesdienst sorgt für Wirbel
Der Konflikt entzündete sich an einer zentralen Szene: einem nachgestellten katholischen Gottesdienst auf der Bühne. Intendant Ulrich Mokrusch fühlte sich unwohl dabei, religiöse Symbole so zu verwenden: "Was mich gestört hat, war, dass es ungeformt war. Es gab keine künstlerische Gestaltung dieses Gottesdienstes. Es war der Gottesdienst eins zu eins und auch sehr konkret nachempfunden mit allen Handlungen und dann plötzlich eine Spielszene, die ich als sehr dramatisch empfand und im Grunde nicht passend zu dem, was vorher war."
Doch für das Künstlerteam war genau diese Gottesdienst-Szene unverzichtbar. Sie sollte zeigen, wie Täter die Sprache der Kirche, Gebete und Rituale missbrauchten, um ihre Verbrechen zu rechtfertigen. "Dort bedient sich die Kirche des Mittels der Bußgottesdienste. Das heißt, sie wandelt Straftaten in Sünden um. Diese Sünden vergibt sie sich oder bittet dafür Vergebung und tut dann so, als wäre damit die Aufarbeitung, die Aufklärung mehr oder weniger abgeschlossen", sagt Regisseur Nolting.
Missbrauchsopfer Haucke kritisiert Indendanz
Als Intendant Mokrusch die Gottesdienst-Szene verbot, eskalierte der Streit. In den Gesprächen habe der Intendant sich - so das Regieteam - von der Darstellung "missbraucht und beschmutzt" gefühlt. Für Karl Haucke, der als Missbrauchsbetroffener an dem Stück mitwirkte, eine völlig verfehlte Wortwahl: "Schon die Aussage 'Ich fühle mich missbraucht' finde ich schon sehr übergriffig."
Auch das Wort "beschmutzt" kritisiert Haucke. Völlig unabhängig von kirchlichen Zusammenhängen, sei das ein Begriff, mit dem Betroffene signalisieren, was Ihnen passiert sei. Man sage nicht "Ich bin vergewaltigt worden", sondern "Ich fühle mich beschmutzt." Wenn jetzt da jemand, der eigentlich nur seinen eigenen Machtanspruch durchsetzen wolle, dieses Wording gebrauche, "dann sage ich, das ist unanständig".
Haucke, der als Kind in einem katholischen Internat jahrelang missbraucht wurde, kämpft heute für Aufarbeitung - auch mit den Mitteln der Kunst. Eine Studie des Bistums Osnabrück hatte erst im vergangenen Jahr mindestens 400 Missbrauchsfälle in der Region dokumentiert. "Wir haben uns sehr deutlich bezogen auf diese Studie. Ich habe gemerkt, dass, wenn ich zu einem Theaterpublikum spreche oder Szenen einspiele, es eine viel größere Wirkmacht hat, als es ein dreistündiges Gespräch mit Generalvikar und Bischof hätte."
Indendant Mokrusch bedauert Wortwahl
Gegenüber dem NDR Kultur bedauert Intendant Mokrusch seine Äußerung: "Wie immer bei so Zitaten aus persönlichen Gesprächen, die über zwei Stunden gehen, fallen solche Wörter, auch diese, ja, in einem völlig anderen Kontext. Ich nehme auch zur Kenntnis, dass das missverständlich ist und möchte mich dafür auch entschuldigen."
"Kunst muss wehtun"
Öffentlich wurde kolportiert, das Bistum Osnabrück hätte Einfluss genommen. Doch das weisen Kirchenvertreter gegenüber NDR Kultur zurück. An einer Podiumsdiskussion wollte am Donnerstagabend aber keiner teilnehmen. Parallel dazu protestierten gut 100 Menschen mit einer mobilen Bühne auf dem Theatervorplatz gegen die Absage. Darunter Aktivisten der religionskritischen Giordano Bruno Stiftung und Ensemble-Schauspieler wie Thomas Kienast. "Theater muss wehtun, wenn es wichtige Themen anzusprechen hat" - so eine Aussage der Protestierenden.
Auch für Karl Haucke liegt darin ein Sinn der Kunstfreiheit: "Die 1.000 Vergewaltigungen haben wehgetan. Warum soll die gesellschaftliche Aufarbeitung dessen nicht auch wehtun? Ich glaube sogar, es geht gar nicht, ohne dass es wehtut."
Das Stück "Ödipus Exzellenz" wird es in Osnabrück nun nicht zu sehen geben - stattdessen soll die Komödie "Kunst" von Yasmin Reza die Spielzeit am Theater Osnabrück eröffnen.