Authentisch statt perfekt: Wie Laientanz das Publikum berührt
Projektleiterin Brigitte Uray erzählt im Gespräch, wie beim Braunschweiger Tanzprojekt "tanzwärts!" Menschen ohne Vorerfahrung die Bühne des Staatstheaters erobern und dabei eine neue Haltung zu sich selbst und zur Theaterwelt entdecken.
Seit mehr als einem Jahrzehnt gibt es am Staatstheater Braunschweig die Reihe "tanzwärts!": ein Projekt, bei dem die Menschen die Bühne des Theaters bespielen, die sonst eher im Publikum sitzen. Angelehnt an die jeweils aktuelle Produktion des Tanztheaters entwickeln Laien zusammen mit den Profis des Staatstheaters einen Abend. Der wird dann unter professionellen Bedingungen aufgeführt.
Frau Uray, was ist das aktuelle "tanzwärts!"-Projekt und womit beschäftigt sich das?
Brigitte Uray: Das aktuelle Projekt nennt sich "tanzwärts! Stadt.Land.Oker" und ist thematisch verbunden mit Gregor Zölligs Produktion "Das Rauschen der Stadt", das Anfang der Spielzeit Premiere hatte. Darin setzen wir Braunschweig in den Fokus, das Lebensgefühl in unserer Stadt, und wir denken, dass die Braunschweiger*innen oder Menschen aus der Umgebung das sehr gut auf die Bühne bringen können.
Wer macht bei "tanzwärts!" mit? Braucht man da Vorerfahrungen?
Uray: Das ist unterschiedlich. Es melden sich Menschen an, die schon Tanzerfahrung haben, in einer Tanzschule sind oder vor 30 Jahren mal getanzt haben und das wieder ausprobieren möchten. Die Motivationen sind unterschiedlich. Man braucht aber grundsätzlich keine Tanzerfahrung, sondern kann sich einfach bewerben. Man muss fünf Wochen Zeit haben, sodass man intensiv proben kann. Wir nehmen alle Menschen mit, und es ist immer ein bisschen eine Wundertüte, wer sich anmeldet.
Tanzen, seinen Körper einsetzen, seinen Körper zeigen - das kostet durchaus Überwindung, wenn man es noch nie gemacht hat. Was sind Ihre Methoden, da das Eis zu brechen?
Uray: Wenn man sich anmeldet, würde man schon gerne auf der Bühne stehen. Das ist eine Grundvoraussetzung. Wir versuchen den Menschen zu zeigen, dass jeder und jede mitmachen kann. Dass wir uns alle mit dem Körper ausdrücken können, egal wie der aussieht und ob man Talent oder Erfahrung hat oder nicht.
Das liegt ein bisschen in der Anleitung, der Bewegung. Da gehen wir auf die Teilnehmenden ein und lassen sie auch etwas improvisieren, damit sie selber ausprobieren können, wie ihr Ausdruck ist und wie sie das Thema in der Bewegung umsetzen können. Das kann eine kleine Geste sein - es muss nicht immer ein riesiges Solo mit Drehungen oder Sprüngen sein.
Wie entwickeln Sie so einen Abend? Wie gestalten die Amateurtänzerinnen und -tänzer die Performance mit?
Uray: Das ist unterschiedlich. Wir haben einige Choreografinnen. Im neuen Projekt werden das zwölf Menschen sein, die mit den Teilnehmenden arbeiten. Das sind ungefähr 65 Teilnehmende, die wir in kleine Gruppen aufteilen, um Teile der Choreografie zu erarbeiten. Am Ende setzen wir diese Teile zusammen. Es gibt Szenen, wo alle zusammen tanzen oder mal zwei Gruppen miteinander verschmelzen.
Die Choreografinnen geben manchmal auch kreative Aufgaben. Vielleicht fragen sie: "Was bedeutet Braunschweig für euch?" Oder: "Wie würdet ihr das Lebensgefühl im Park ausdrücken?" Da sind die Choreografinnen unterschiedlich, wie sehr sie die Menschen mit einbeziehen. Oft entstehen Texte. Wie es im neuen Projekt ist, weiß ich nicht, weil wir das noch nicht begonnen haben.
Profis aus diesem Bereich haben oft jahrelange Ausbildungen und Trainings hinter sich. Prallen da manchmal mit Laien künstlerische Visionen auf technische oder körperliche Grenzen?
Uray: Bestimmt. Aber die Choreografinnen wissen, dass das Laien sind. Wir haben viel Erfahrung mit den Projekten. Darin liegt ein gewisser Zauber. Es hat oft eine sehr große Authentizität, wenn Menschen auf der Bühne sind, die schon ein Leben gelebt haben und dann eine simple Bewegung machen - das kann viel Ausdruck haben.
Klar, manchmal überschätzt man vielleicht die Gruppe und denkt sich Schritte aus, die sie nicht so hinkriegen. Dann muss man nochmal adaptieren. Man muss flexibel bleiben als Choreografin, aber auch als Teilnehmende. Wir ändern und schauen, dass wir am Schluss - obwohl es Laien sind - eine tolle Vorstellung auf die Bühne bringen.
Was haben Sie persönlich durch die Zusammenarbeit mit Laien über das Tanzen neu gelernt, was im Profibetrieb vielleicht manchmal verloren geht?
Uray: Dieses Authentischsein, dass man als Tänzer nicht unbedingt das körperliche Idealbild haben muss, um auf der Bühne etwas auszudrücken.
Wie können Tanzerfahrungen oder Fähigkeiten, die ich als Laie bei "tanzwärts!" sammle, meinen Alltag bereichern?
Uray: Manche haben uns zurückgespiegelt, dass sie jetzt eine andere Haltung haben, wenn sie durch den Alltag gehen. Dieses Gefühl, etwas in einer Gruppe erreicht zu haben, ist ein ganz stolzes Gefühl. Man bekommt auch einen nderen Zugang zur Theaterwelt. Es gibt einen echten Einblick hinter die Kulissen. Wie entsteht eigentlich ein Tanzstück? Was gehört alles dazu? Die Menschen kommen nach der Vorstellung zu uns und besuchen uns immer wieder. Die sind mit uns eng verbunden.
Das Gespräch führte Eva Schramm.