"Kurzer Prozess": Wenn Peter Pan, Pumuckl und Lillifee vor Gericht stehen
In ihrem Roman-Debüt "Bible Bad Ass" ging es um die unsichtbaren Frauen in der Bibel. Nun widmet sich Edith Löhle den Helden unsere Kindheit, von Peter Pan, über Alf bis zu Lillifee.
Peter Pan, Anführer einer anarchischen Jungenwelt, der jegliche Verantwortung auf Mädchen abschiebt? Mickey Mouse als ewiger People-Pleaser? Pumuckl, eine Gallionsfigur des Ghostings? Und die Schlümpfe als Vertreter einer männlich dominierten Gesellschaft, in der Frauen nur in Beziehung zu ihnen existieren? So zumindest sieht es der erste Internationale Moralgerichtshof:
In dem Prozess geht es um etwas Strukturelles, um Sprache, um Macht, um Verantwortung in der Öffentlichkeit. (...) Es stehen nicht nur Figuren der Popkultur vor Gericht, sondern eben auch Projektionsflächen für Ideale, die Millionen Menschen und vor allem Kinder geprägt haben (…) Es geht um Verantwortung - für das, was vermittelt, was verschwiegen, was glorifiziert wurde. Die Symbolkraft dieses Prozesses ist enorm. Auszug aus "Kurzer Prozess"
Schlumpfine, Pippi und Lillifee: Keine unschuldigen Vorbilder
Es sind jedoch nicht nur die männlichen Kindheitshelden, die sich vor Gericht verantworten müssen. Da tritt auch Schlumpfine als wenig einsichtige Zeugin auf. Es gibt schließlich Schlimmeres als schön zu sein. Oder Pippi Langstrumpf, die alles alleine kann, niemanden um Hilfe bittet und damit eine egoistische Alleingängerin idealisiert. Oder Lillifee:
Laut dem Gericht soll das "Lillifee-Rosa" Stereotype fördern, vor allem Mädchen aufs Schöne, Niedliche, und Harmonische beschränken. Auszug aus "Kurzer Prozess"
Sie alle stehen vor Gericht, weil sie uns als Kinder traumatisiert haben und eine toxische Gesellschaft befeuert haben - und Reha El Fahimi will sie drankriegen. Sie ist die Chefanklägerin in dem Verfahren, Kind ägyptischer Einwanderer. Ihre Mutter ist früh gestorben, ihr Baba hat sich in der Wohnung mit Al-Jazeera-Nachrichten eingerichtet. Sein Herz schlägt noch im Kairo der 1970er-Jahre. Dem ist auch Reha irgendwie verhaftet, und doch sieht sie in diesem Prozess die Chance ihres Lebens.
Zwischen Primetime-Traum und magischer Prozesslogistik
Auch die junge Lexi hofft, dass der Prozess sie an die Spitze der Popularität und des deutschen Fernsehjournalismus katapultiert. Endlich in die Primetime. Dass sie dabei auch äußerlich ständig an ihrer Selbstoptimierung arbeitet und über Leichen geht, gerät da zur Nebensache - ist in dem Kontext der toxischen Fantasiehelden aber umso zynischer.
Edith Löhle hat die Fantasiewesen und Disney-Helden sehr genau studiert, adaptiert ihre Sprache, ihre Gesten und ihr Verhalten, in den kurzen Kapiteln, perfekt. Witzig ist das oft, auch wenn da die ganz reale Logistikerin Franka Harry Potters Tarnumhang für eine Einkaufstour in einem Edelkaufhaus nutzt und im nächsten Moment die ungewöhnlichen Anforderungen des Prozesses bewältigen muss. Etwa das XXL-Aquarium für den Arielle-Prozess, oder einen adäquaten Aufenthaltsort für Olaf den Schneemann.
Die unbequeme Frage nach Opfer und Täter
Geschickt verwebt die Autorin die Fehlbarkeiten der Angeklagten mit dem Verhalten ihrer weiblichen Protagonistinnen Reha und Lexi. Da war doch dieser Moderationskollege, zu dem Lexi aufschaute und den sie auch ein wenig sexy fand:
Und dann fing er an, sie zu streicheln. Als er sie küssen wollte, stieß sie ihn zunächst zurück. (…) Immer wieder drückte sie ihn ein Stück zurück. Lexi ärgert sich bis heute, dass sie ihm nicht deutlicher gesagt hat, dass sie gerade nicht mit ihm schlafen will. Sie hat nicht "Nein" gesagt, aber auch nicht "Ja". Es war random, unnötig, und wenn sie ganz ehrlich ist, nicht das, was sie wollte. Aber ist das dann gleich Nötigung? Sie scheut vor dem Begriff zurück. Sie ist doch kein Opfer. Auszug aus "Kurzer Prozess"
Vielleicht doch? Vor allem aber wird Lexi zur Täterin, die in ihrem Verhalten dem des angeklagten Aladdins sehr ähnelt. Und die Chefanklägerin Reha muss sich nach einem Club-Besuch plötzlich Übergriffigkeit vorwerfen lassen.
"Kurzer Prozess": Bitterböses Lesevergnügen
So wirft Löhle ihre Protagonistinnen auf ihre eigenen Moralansprüche zurück. Können sie ihnen Stand halten? Wie kompliziert ist es, moralisch zu leben, ohne zu verletzten, zu manipulieren, zu unterdrücken? Löhle hebt nicht den Zeigefinger, stellt keine Dogmen auf und findet auch keine einfachen Antworten. Sie liefert mit "Kurzer Prozess" vielmehr eine bitterböse Satire, die einen schmunzelnd und mitunter auch leicht beschämt zurücklässt. Ein großes Lesevergnügen.
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Kurzer Prozess
- Seitenzahl:
- 287 Seiten
- Genre:
- Roman
- Verlag:
- Blumenbar
- ISBN:
- 978-3-351-05148-8
- Preis:
- 24 €