Buch wie ein Bällebad: "Die Linkshänderinnen" ist pures Vergnügen
Wer Heinrich Steinfest liest, sollte sich ans Hinters-Licht-Geführt-Werden gewöhnen. Seine neue Novelle "Die Linkshänderinnen" ist voller Überraschungen, Witz und einer ganz eigenen Magie.
Wenn man die Bedeutung des Wortes "Novelle" nachschlägt, ist zu erfahren, dass es bei dieser Gattung immer um eine "unerhörte Begebenheit" geht. Wenn nun je die Beschreibung "unerhörte Begebenheit" für eine Geschichte zutreffend ist, dann ganz gewiss bei Heinrich Steinfest. Hier purzeln uns verrückte Einfälle, überraschende Wendungen und unerwartete Ereignisse so entgegen, dass man sich als erwachsene Leserin fühlen mag wie ein fröhliches Kind im Bällebad.
Tobsucht im Flieger: Aus Chaos wird Freundschaft
Es beginnt damit, dass bei einem Flug von Chicago nach Frankfurt zwei Testfahrer einer bekannten Automarke in Streit gerieten und dabei auf halber Strecke so tobsüchtig wurden, dass sie anfingen, den Flugzeuginnenraum zu demolieren.
Das Flugzeug startet neu, und inzwischen sind etliche der Passagiere miteinander ins Gespräch gekommen. Drei Frauen - Nora, Tilda und Ruth - freunden sich an; sie haben festgestellt, dass sie alle drei Linkshänderinnen sind. Sie beginnen nach ihrer Ankunft in Europa, sich Nachrichten zu schreiben. Nicht etwa die üblichen: Ich auf Kreta, ich im Café, meine Katze bei Sprung in die Suppe...
Nein, sie schrieben sich lange Nachrichten, in denen sie ihr Leben, ihre Freuden und ihre Sorgen offenbarten wie ein Zuckerstück, das sich in heißem Wasser auflöst und in keiner Weise mehr an seine kompakte, quadratische Form erinnert. Sondern eine gleichmäßig verteilte, traurig-tröstliche Süße bildet. Auszug aus "Die Linkshänderinnen"
Linkshänderinnen eröffnen eine Bar
Bei Heinrich Steinfest liest man manche seiner Sätze doppelt, um sich an ihrem raffiniert verschachtelten Inhalt zu freuen. Die Linkshänderinnen werden sich zusammentun, um eine Bar zu eröffnen, die sie "Elsbeths Hoffnung" nennen. Dort erfinden sie kühn gemischte Cocktails mit so herrlichen Bezeichnungen wie: "Prousts gewonnene Zeit", "Das Glück einer geselligen Frau" oder "Captain in the Storm".
In einem Hotel in der Nachbarschaft der Bar gibt es versehentlich eine Doppelbuchung. Nicht eine Reisegesellschaft rückt aus Frankreich an, sondern gleich zwei: eine Gruppe mit Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern und eine mit Floristinnen und Floristen.
Wenn Blumen und Seele sich begegnen
Über die Floristen erfahren wir, dass ein ehemaliger Europameister im Kickboxen und eine Anschieberin im Zweierbob zur Gruppe gehören. Man tut sich spontan zusammen, auch bei den Vorträgen. Haben Blumen und Seele nicht viel miteinander zu tun? Die Blumen des Bösen und des Guten? Es wird auch ein Theaterstück inszeniert, und über dieses sehr seltsame Stück heißt es:
So war das Theater, was es schon immer war: ein Spiegel der Wirklichkeit. Ein Spiegel mit feinem Schliff und pompösem Rahmen sowie einer Verzerrung, die hinter das Licht führte. Auszug aus "Die Linkshänderinnen"
Literatur, die einen vergnügt zurücklässt
Genauso könnte man auch diesen Roman beschreiben, dessen Erfinder uns immer wieder hinters Licht führt. Man stelle sich Leserinnen und Leser dieser Novelle getrost als unentwegt vergnügt in sich hineinlächelnde Menschen vor.
Die Linkshänderinnen
- Seitenzahl:
- 144 Seiten
- Genre:
- Roman
- Verlag:
- Piper
- ISBN:
- 978-3-492-07425-4
- Preis:
- 18 €